Meisterzwang im Handwerk
Politik

Meister der Regulierung

Von Reinhold von Eben-Worlée
09:55

Das Handwerk in Deutschland brummt derzeit. Das merkt man schon daran, dass man in den meisten Regionen monatelang auf einen Klempner oder Dachdecker warten muss. Doch auch im Handwerk ist nicht alles Gold, was glänzt. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für eine Berufsausbildung im Handwerk. Das bekommen vor allem die Betriebe zu spüren, die ihre Ausbildungsplätze, wenn überhaupt, immer schwieriger besetzen können.

Zur Bewältigung dieser misslichen Situation sind nun erste Vorschläge im politischen Berlin veröffentlicht worden. Leider stammen vieler dieser Ideen aus der historischen Mottenkiste, wie das Comeback des Meisterzwangs. So wird die These verbreitet, dass die Wiedereinführung der Meisterpflicht in vielen Handwerksberufen zu einer Trendumkehr bei den Ausbildungszahlen führen würde.

Zur Erinnerung: 2004 wurde unter Bundeskanzler Schröder der Meisterzwang für 53 der 94 Handwerksberufe abgeschafft. Dieser richtige Schritt in die wirtschaftliche Freiheit führte dazu, dass sich jeder als Fotograf oder Parkettleger selbständig machen konnte, wenn er meinte, hierfür ausreichend Talent zu haben.

Zweifelsohne bedeutet es mehr Wettbewerb, wenn gute Leistung zu günstigeren Preisen angeboten wird. Das blieb vielen Betroffenen ein Dorn im Auge, weshalb die Forderung nach einer erneuten Abschirmung der unliebsamen Konkurrenz nie verstummte.

Doch die Zahlen sprechen dagegen, dass der zum Teil aufgehobene Meisterzwang der Grund für weniger Azubis ist. Denn die Zahl der abgelegten Meisterprüfungen ist relativ konstant. Zudem sind genügend freie Stellen da: Jedes Jahr gibt es sogar 15 000 bis 20 000 Ausbildungsplätze mehr, als es Bewerber für diese gibt.

Höhere Hürden sorgen mit Sicherheit nicht für steigende Lehrlingszahlen. Sie sind eher kontraproduktiv. Das zeigt sich bei vielen Bäckern: Für sie gilt der Meisterzwang und trotzdem haben immer mehr Bäcker Probleme, Auszubildende zu finden. Viele Betriebe stehen darum sogar vor dem Aus. Doch noch stößt die Mahnung, dass die Wiedereinführung des Meisterzwangs privaten Verbrauchern, der Wirtschaft und selbst vielen Handwerksbetrieben erheblichen Schaden zufügen würde, auf taube Ohren.

Viele Soloselbstständige dürften ihr Geschäft aufgeben und sich einem Meisterbetrieb anschließen. Für Kunden hieße dies noch längere Wartezeiten und deutlich höhere Preise. Das große Potenzial an Arbeitsplätzen wird auf diese Weise nicht gehoben.

Schließlich würde der wiedereingeführte Meisterzwang ein großes Risiko für viele Handwerksbetriebe darstellen. Die meisten von ihnen sind Familienunternehmen, von denen etwa 200 000 innerhalb der nächsten fünf Jahre den Generationswechsel planen. Dieser durch politische Vorgaben ohnehin belastetete Übergang würde durch zusätzliche Auflagen weiter erschwert.

Die Wettbewerbsbeschränkungen im Handwerk wurzeln im mittelalterlichen Zunftwesen. In Zeiten, in denen es um die Vollendung des europäischen Binnenmarkts für Dienstleistungen geht, ist der Ruf nach mehr Protektion ein Anachronismus. Die Dauerkritik der EU-Kommission an Deutschland kommt nicht von ungefähr. Der deutsche Markt für Dienstleistungen ist schon jetzt überreguliert und verstößt gegen die Arbeitnehmerfreizügigkeit.

Unglaubwürdig ist die These, die Qualität der Arbeit habe durch die Abschaffung des Meisterzwangs gelitten. Ein 30 Jahre alter Meisterbrief kann angesichts rasanter technischer Entwicklungen sehr wenig wert sein, wenn sich der Meister im Laufe der Jahre nicht weitergebildet hat. Zu Recht werden gute Handwerker aufgrund von Empfehlungen und Bewertungen beauftragt. Wer den Meisterbrief hierzu als sinnvolles Qualitätssiegel erwerben möchte, sollte dies ohne staatlichen Zwang tun können.

Keine Frage: Ein Elektrotechniker oder ein Gasinstallateur sollte ein Meister seines Fachs sein und dies auch nachweisen können. Denn hiervon können Menschenleben abhängen. Warum dies aber auch für das Streichen von Wänden oder das Verzieren von Torten gelten soll, ist nicht nachvollziehbar.

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel ist die Wiedereinführung des Meisterzwangs eine falsche Maßnahme. In die richtige Richtung geht indes das in einigen Bundesländern eingeführte „Berufsabitur“, das sich am Erfolgsprinzip der dualen Ausbildung orientiert und sowohl Ausbildungs- als auch Abiturinhalte besitzt.

Wir sollten jungen Menschen so früh wie möglich die Chancen eines Handwerksberufs bewusst machen. An Schulen, auch an Gymnasien, muss das Handwerk mit seinen sehr guten Karriere- und Einkommensperspektiven aktiver beworben werden.

Das deutsche Handwerk genießt zu Recht eine hohe Wertschätzung, es braucht keine staatlich reglementierte Abschottung.

Reinhold von Eben-Worlée ist Präsident des Verbands „Die Familienunternehmer“.

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