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Putin und Infantino: Infantino sprach von der WM in Russland als der „besten aller Zeiten“.
Russland
Politik

Menschenrechte im WM-Aus

Von Michael Brand
13:16

Die Fußball-WM in Russland ist zu Ende, Sieger und Verlierer stehen fest. Es sind auch Putins Spiele, die der Präsident nutzen wollte, um ein anderes Bild von Russland in der Welt zu zeichnen. Sportereignisse bringen internationale Aufmerksamkeit und schöne Bilder.

Es ist kein Zufall, dass autoritäre Regime gezielt ihr Image aufzupolieren versuchen. Irritierend ist es, dass die Fifa diese Fußball-WM nach Russland und zugleich die nächste an Katar vergeben hat. Seit 2008 wurden die Olympischen Spiele in China und Russland ausgetragen, die Europameisterschaft in Aserbaidschan und Weißrussland.

In Putins Russland hat sich die Lage der Menschenrechte dramatisch verschlechtert, „die schlimmste seit Ende der Sowjetunion“, wie die russische Vorsitzende von „Human Rights Watch“ sagt. In einem Jahr hat es 30 Gesetze gegeben, um Bürgerrechte einzuschränken. Die Zahl der politischen Gefangenen hat zugenommen. Die Opposition ist erheblicher Repression ausgesetzt. Eine freie Medienlandschaft existiert nicht. Über 70 NGOs werden als ausländische Agenten verfolgt.

Gleichzeitig ist Putin für Menschenrechtsverletzungen auf der Weltbühne mitverantwortlich, sogar für Giftgas im Syrien-Krieg. Ohne seine aktive Unterstützung von Massenmörder Assad wäre dort das brutale Schlachten schon lange zu Ende. In der Ostukraine hat sich während der WM nichts geändert, jede Nacht Kämpfe, Artillerie, Scharfschützen und eine katastrophale humanitäre Lage. Seit dem Eröffnungsspiel in Moskau gab es Dutzende Tote.

Die völkerrechtswidrige Krim-Annexion scheint vergessen

In Europa scheint das vergessen, auch die völkerrechtswidrige Krim-Annexion. Wenn Diplomaten über den Tausch von Krim und Donbass nachdenken, ist das ein Spiel mit dem Feuer. Wo würde nach der nächsten Aggression dann der „Tausch“ anstehen? Das Recht des Stärkeren ist nicht die neue Weltordnung, die wir anstreben, sondern der Ausgleich und der Respekt vor anderen.
Globale Sportereignisse bieten Gelegenheit, auf die Menschenrechtslage im Ausrichterland zu blicken. Auch Sportfunktionäre müssen schönen Worten Taten folgen lassen. In Artikel 3 ihrer Statuten bekennt sich die Fifa „zur Einhaltung aller international anerkannten Menschenrechte und setzt sich für den Schutz dieser Rechte ein“. In Russland wurden beim Bau von WM-Stadien Arbeitssklaven aus Nordkorea eingesetzt, mehr als 20 Menschen haben auf den Baustellen ihr Leben gelassen.

Politische Aktionen gehören nicht auf den Rasen. Sportler sind in erster Linie Sportler, keine Politiker oder Aktivisten. Dass Dänen und Schweden Menschenrechtler in ihr Trainingslager eingeladen haben, um sich vor der WM zu informieren, ist eine gute Maßnahme. Die Diskussion um die absurde Wahlkampfhilfe der deutschen Nationalspieler Özil und Gündogan ausgerechnet für den Autokraten Erdogan belegen, dass die Sensibilität für Menschenrechte zugenommen hat. Der taktische Umgang der beiden, auch des DFB, ist kein Zeichen von Stärke. Wegducken gerade beim Thema Menschenrechte hilft nicht, im Gegenteil.

Meinungsfreiheit in Putins Russland?

Öffentlicher Druck ist oft die letzte Hoffnung für Inhaftierte. Etwa für den angesehenen Regisseur Oleg Sentsov. Während Hunderttausende in den Stadien feierten, sitzt er weiter im sibirischen Straflager. In einem Schauprozess ist an ihm ein Exempel statuiert worden, er ist ein politischer Gefangener Putins.

Der Fall zeigt: Im Russland Putins kann man zum Verbrecher werden, weil man seine Meinung sagt. Sentsov hat sich mit friedlichen Mitteln des freien Wortes eines Künstlers gegen Aggression, Annexion und Repression gewehrt. Er ist ein Vertreter der Freiheit, ein Mann des Friedens und ein Gegner des imperialen Säbelrasselns.

Vor über 60 Tagen ist er in einen Hungerstreik getreten. Uns erreichen Berichte, dass sein Zustand inzwischen äußerst kritisch ist. Putin allein hat es in der Hand, ob Sentsov lebt oder stirbt. Es wäre ein Zeichen der Humanität, während viele Millionen Menschen in Russland feiern, Sentsov freizulassen.

Doch selbst die Zeit kleiner Siege ist vorbei. Vor Olympia 2014 in Sotschi kamen Michail Chodorkowskij sowie Aktivistinnen von „Pussy Riot“ und des Greenpeace-Schiffs „Arctic Sunrise“ frei. 2018 ist ein Zeichen der Milde kein Instrument mehr.

Mit der WM ist nur eine kurze Ruhepause für die Opposition in Russland eingetreten. Während der Spiele gab es laut Putin keine Prozesse – mehr nicht. Die nur kurze Verschnaufpause in Russland ist vorbei. Jetzt muss sich beweisen, ob das Thema Menschenrechte mehr als zu Lippenbekenntnissen taugt. Die Zeit der Gleichgültigkeit sollte endlich vorbei sein.

Michael Brand ist Bundestagsabgeordneter und Sprecher für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

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