Für Sie gelesen
Politik

Gras hinterm Ohr

Von Arno Widmann
14:17

Über den kleinen, aus dem Ganges stammenden Zebrafisch wurden allein im Jahr 2015 etwa 25.00 Studien veröffentlicht. Er ist quasi die ,Laborratte‘ unter den Fischen, praktischerweise hat man ihn genetisch so verändert, dass er durchsichtig wurde.“ So legt Helmut Höge gleich auf der ersten Seite los und so prägnant und bildend – was ja fast dasselbe ist – geht es weiter. 

Höge springt gerne. Und wir Leser haben unseren Spaß daran. Höge hat immer auch die Gegenseite im Blick. Wenn er zum Beispiel über Mimikry schreibt, dann zitiert er die Wissenschaftler, die die Tatsache, dass manche Schwebfliegenarten sich Hummeln anähneln, als deren Trick zum besseren Überleben interpretieren. Aber Höge erwähnt auch die Autoren, die in der Nachahmung etwas Spielerisch-Ästhetisches sehen.

So gehört auch die Geschichte hinein von der Schimpansin Julie aus Simbabwe, die 2007 damit anfing, sich einen Grashalm hinter das Ohr zu stecken. Viele ihrer Artgenossen taten es ihr nach. Weil sie wichtig war? Oder machte der Grashalm sie wichtig? War sie die Pompadour oder Coco Chanel?

Höges Buch ist voll solcher Geschichten. Es ist immer gleichzeitig Naturgeschichte und Geschichte unserer Beschäftigung mit ihr. Ein Beruf, zu dem schon immer eine sadistische Komponente gehörte. Der verdanken wir die wichtige Erkenntnis, dass beim Halbieren von Regenwürmern sich nur aus einem Ende – meist dem Kopf – wieder ein ganzer Wurm entwickelt. Systematisch interessierte Leser geraten bei diesem „meist“ ins Grübeln. 

Höge – und wir begeistert mit ihm – ist schon beim nächsten Clou: „In Minnesota haben Angler anscheinend mit ‚europäischen Regenwürmern‘ gefischt, von denen sie anschließend ein paar Exemplare wegwarfen. Die vermehrten sich (…) Sie fraßen alles Laub weg – mit der Folge, dass dort bis zu 80 Prozent der Blumen und Pflanzen sowie auch einige Bodenbrüter und Spitzmäuse verschwanden.“ 

Die Weltgeschichte wird auch von Regenwürmern gemacht. 

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