Politik

Sex und Revolution

Von Arno Widmann
17:06

Am 19. Januar 1919 konnten Frauen erstmals im Deutschen Reich wählen und gewählt werden. Am 15. Januar waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet worden. Unda Hörner schrieb schon über Kafka und Felice, über Tucholsky und über die Boheme auf Hiddensee und in Davos. In ihrem aktuellen Werk „1919 - Das Jahr der Frau“ hat sie Monat für Monat notiert, was Frauen 1919 taten oder was mit ihnen geschah: Coco Chanel, Marie Curie, Käthe Kollwitz, Alma Mahler-Gropius, Mary Wigman und viele andere.

Am 19. Februar 1919 erklärt die Sozialdemokratin Marie Juchacz (1879–1956): „Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volk sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, und zwar ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.“ Das sagte sie nicht im Berliner Reichstag, sondern im Weimarer Schauspielhaus. Hier tagte die Weimarer Nationalversammlung vom 6. Februar 1919 bis zum 21. Mai 1920.

Der Reiz des Buches besteht darin, dass neben der großen Geschichte auch die kleinen Frivolitäten vorkommen. 1919 haben die Deutschen die Wahl zwischen den Nackttänzen von Anita Berber und Valeska Gerts „zur Musik gekreischtem, geröcheltem, gestöhntem Orgasmus“. Daneben gibt es Dada-Abende, und im November eröffnet Sylvia Beach die Buchhandlung „Shakespeare and Company“ in Paris.

Käthe Kollwitz war Anfang des Jahres aufgenommen worden in die Akademie der Künste. In ihr Tagebuch notiert sie: „Große Ehre, aber ein bisschen peinlich für mich. Die Akademie gehört doch zu den etwas verzopften Instituten, die beiseite gebracht werden sollten.“ Unda Hörner meint dazu: „Stimmt, im Programm des Arbeitsrates für Kunst, dessen Mitglied die Malerin ist, ist die Auflösung der Akademie der Künste sogar eine explizite Forderung.“ So umsichtig und erheiternd geleitet einen Unda Hörner durchs Jahr der Frauen.

  Zur Startseite