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Erinnerungen an Auschwitz.
Befreiung von Auschwitz
Politik

Spätes Gedenken

Von Anetta Kahane
10:29

Ihr Gesicht ist mit den Jahren immer runder geworden. Je runder es wurde, desto spitzer erschien ihr Lächeln. Jenny hat die Welt immer spöttisch gesehen. In ihren Augen blitzte der Schelm. Wenn sie über ihren Alltag in ihrem Veteranenhaus in New York sprach, war das immer witzig, frech und ironisch. Als ihre Energie im Alter schwand, zeigte sich in diesem einst witzigen, spitzbübischen Lächeln nach und nach etwas Bitteres. 

Jenny wurde in Berlin geboren. Ihr Vater, ein sehr frommer Mann, und ihre Mutter, eine schöne, stattliche Frau, lebten in Armut. Wie die ganze Familie waren sie vor dem judenmordenden Mob aus einem galizischen Schtetl geflohen. 

SS und Gestapo trieben die Juden zusammen

Jenny und ihr kleiner Bruder wuchsen im Berliner Scheunenviertel auf, dort, wo sich heute in Kaffees und Galerien die internationale Kunstszene trifft. Es war damals sehr voll im Scheunenviertel. Über 80 000 Menschen lebten unter elendigen Umständen dort, wo heute elegante Künstlerlofts und Wohnungen ein echtes Vermögen kosten. 

Irgendwann waren die Zustände nicht mehr tragbar, denn Jennys Mutter ging es nicht gut. Deshalb zog die Familie an die Küste. Da war Hitler schon an der Macht.

Den aus Galizien geflohenen Juden und ihren in Deutschland geborenen Kindern wurde über Jahrzehnte die deutsche Staatsbürgerschaft verwehrt. Und da sie aus einer Region kamen, in der die Herrschaft zwischen Polen, Österreich-Ungarn, Russland oder Rumänien öfter wechselte, besaßen sie gar keine Staatsbürgerschaft. Deshalb wurden sie von den Nazis des Landes verwiesen. SS und Gestapo trieben die betreffenden Juden zusammen und deportierten sie von Bremerhaven an die polnische Grenze. Dort wurden sie ausgesetzt. Die Deutschen schossen ihnen hinterher, damit sie nicht zurückkommen. Die Polen schossen von der anderen Seite, denn man wollte Juden dort nicht. Jennys Familie gehörte zu denen, die diese Judenhatz überlebten. Eine kleine Gemeinde nahm sie auf. 

Jenny überlebte die Bomben auf London

Die Möglichkeit, Kinder nach England zu schicken, kostete etwas. Die Eltern hatten nur das Geld für eines der Kinder. Sie mussten sich entscheiden. Nachdem Jenny sich verabschiedet hatte, brachte ihr Vater sie zum Bus. Sie wussten, dass es ein Abschied für immer sein würde. 
Jenny überlebte die Bomben auf London, wo sie als Dienstmädchen schikaniert wurde. Sie überlebte den Krieg. Sie half, die Trümmer wegzuräumen. Ein amerikanischer Soldat versprach ihr, sie in die USA zu holen. Es war keine Romanze, nur Menschlichkeit. 

Zurück in den USA sammelte der junge GI in seiner Stadt Geld für Jennys Bürgschaft. Als sie später tatsächlich dort ankam, gab es ihr zu Ehren eine kleine Parade mit Konfetti. So begann für sie ein wenig Normalität. Ihr Leben lang arbeitete Jenny dann als Schulsekretärin in New York. Sie hat geheiratet, und als ihr Mann starb, blieb sie als alleinerziehende Mutter zurück. Das war schwer. 

Ihr Humor half ihr, gerade weil er manchmal bissig war. Dass man in Deutschland an einem dunklen Tag im Januar die Befreiung von Auschwitz feiert und sich dazu vor den Toten verneigt, kommentierte sie mit diesem spitzen Lächeln: Leider zu spät für den geliebten Vater, die schöne Mutter und den kleinen Bruder. 

Nun ist Jenny im Alter von 97 Jahren gestorben. Ich werde sie nie vergessen.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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