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Eine Menora steht im Fenster des jüdischen Restaurants Schalom im Zentrum von Chemnitz. Am Abend des 27. August wurde das Restaurant angegriffen.
Chemnitz
Politik

Möge die Welt ein menschlicher Ort sein

Von Anetta Kahane
16:23

Wenn der Sommer vorbei ist und die Tage dunkler und kürzer werden, beginnt für mich ein neues Jahr. Im Herbst startet das Schuljahr, das neue Semester in der Universität, im Betrieb nach der Urlaubszeit fängt auch ein neues Kapitel an. Juden feiern in dieser Zeit das Neujahrfest Rosch ha Schona.

Dieser Feiertag ist keine Party mit Countdown wie an Silvester. An Rosch ha Schona beginnt die Zeit, über das vergangene Jahr nachzudenken und wie man in dieser Zeit gehandelt hat. Das ist die Voraussetzung dafür, es im kommenden Jahr besser machen zu können. Umkehr, Teschuva, heißt diese Reflektion. Sie ist kein Bekenntnis sondern gilt nur, wenn sie wirklich praktiziert wird. Ich blättere dann immer in meinem Kalender vom vergangenen Jahr und versuche, mich zu erinnern.

Politiker reiten die rechtspopulistische Welle

Es war ein schwieriges Jahr. Seit der Bundestagswahl hat sich die Atmosphäre enorm aufgeheizt. Noch nie war so viel Hass unterwegs, noch nie erlebte ich so viele ernsthafte Drohungen. Vielen Menschen ging es so. Dass Politikerinnen und Politiker sich bis heute in der Situation oft unreif und unsicher verhalten, dass viele von ihnen ohne Not auf der rechtspopulistischen Welle mitreiten, empfinde ich jeden Tag als besonders schmerzhaft.

Die Diskursverschiebung nach rechts kam nicht langsam, sondern innerhalb weniger Monate. Was neulich noch eine selbstverständliche ethische Norm war, wie beispielsweise die Seenotrettung ertrinkender Menschen, gerät zu einer Ausnahmeansicht verirrter „Gutmenschen“ – um mal eine der harmloseren Bezeichnungen zu nennen. Die Perspektive derer, die von Hass und Gewalt getroffen waren, wurde nicht mehr nur ignoriert wie sonst meistens, sondern schlimmer: sie wird nun mit Hohn und Verachtung quittiert.

Heiße Kälte in der Eskalation, das grobe Lachen der Täter, die süffisanten Mundwinkel der Brandstifter, der Rausch des Erfolges gegen die Vernunft und simple Menschlichkeit und das Erstarren derer, die damit nicht gerechnet haben.

Der Hass in Chemnitz

Am Ende mündete dieses Jahr in den Ereignissen von Chemnitz. Hier wurde sichtbar, was ich lange befürchtet hatte. Der für Westeuropa typische, bürgerliche Rechtspopulismus verband sich mit dem in Osteuropa verbreiteten und vollkommen antibürgerlichen und brutalen, nationalrevolutionären Rechtsextremismus. Das ist wirklich sehr beängstigend.

Wenn ich über das zurückliegende Jahr nachdenke, dann ärgern mich vor allem jene Zweifel, die unnütz sind und nur Kraft kosten. Mich ärgert die Atemlosigkeit, mit der ich den Ereignissen begegnete und die gelegentlichen Anfälle von Pessimismus. Stattdessen wünsche ich mir für das kommende Jahr genügend Kraft, weiter daran zu arbeiten, dass die Welt ein menschlicher Ort sein möge.

Zedakah bedeutet einen Unterschied zu machen und sei es im Detail. Es ist nicht egal, ob wir Initiativen in Sachsen oder sonst wo unterstützen. Für sie macht es einen großen Unterschied. Das gleiche gilt für Opfer rassistischer oder antisemitischer Gewalt. Für sie ist es nicht egal, ob wir ihnen helfen oder nicht. Man muss es nur tun.

Es liegt allein in der Verantwortung jedes Einzelnen. Dafür und für alles andere wünsche allen ein lebendiges, süßes und mutiges Neues Jahr mit viel Erfolg und Energie, für den Unterschied, für den niemand anderes sorgen kann, als wir selbst. Shana Tova allereits!

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SchlagworteHass