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Unsere Autorin plädiert für mehr Gelassenheit.
Gesellschaft
Politik

Bitte eine Pause im Defätismus!

Von Anetta Kahane
13:07

Ich muss mich vorab entschuldigen, heute geht es mir um Grundsätzliches zur Stimmung im Land. „Hysterisch“ sagt man ja heute nicht mehr. Das galt zu Freuds Zeiten als Frauenkrankheit. Heute nennt man das histrionische Persönlichkeitsstörung. Und die gilt nun auch für Männer.

Die Aufgeregtheit, mit der Debatten einander jagen, hat etwas von dieser Störung: immerzu gehetzt im doppelten Wortsinn, nach Aufmerksamkeit heischend, theatralisch aufgesetzt und atemlos dem Untergang entgegenhechelnd. Kein Thema ohne dystopische Weltuntergangssehnsucht, kein Schlagabtausch ohne Maximalforderung. Gestaltungsraum? Ha! Den gibt es nicht mehr. Kein Platz mehr für Möglichkeiten, für Verantwortung, für menschliche Entscheidungen. Alle sind Getriebene, Verzagte, Wütende, sich aneinander Hochziehende.

Ernte aus verzagtem Zweifel oder Häme

Debatte und Streit tun der Gesellschaft gut. Beides ist allemal besser als ein Konsens, der Konflikte unter der Decke hält. Doch was tun, wenn jede Beteiligung an Erregungsthemen die Erregung eskalieren lässt und jeder Versuch, Vernunft zu sähen am Ende eine Ernte aus verzagtem Zweifel oder Häme einbringt? Ist die Lust am zerstören demokratischer Gepflogenheiten und Standards größer als eine ernsthafte Überlegung, was ihr Verschwinden bedeuten würde?

Der Erfolg einer Meinung scheint heute von der Erregung, der Wut abzuhängen mit der sie vorgetragen wird. Mir geht es ja auch so, wenn ich eine Kolumne schreibe. Es gibt viele Themen, die mich aufregen. Das Übermaß an hetzerischer Stimmungsmache beispielsweise gegen Flüchtlinge, Eingewanderte, die damit einhergehende Enthemmung gegen Minderheiten zu hetzen. Rassismus – der, nie wirklich überwunden, nun offen für Eskalation und politische Strategien benutzt wird, das bringt mich auf die Palme.

Ist es recht, dass die Ethik, nach der Menschsein bemessen wird, inzwischen verhöhnt wird als moralischer Hochmut? Wenn der Beifall für die eine oder die andere Meinung nicht mehr von persönlicher Haltung bestimmt ist, sondern von der Instrumentalisierung einer jeweiligen Position? Ist es das, was den Streit ausmacht? Das Gegenteil vom Gegenteil, bringt das etwa Klarheit?

Die Welt ist voller Dilemmata

Gewiss nicht. Je schneller, je histrionischer, je oberflächlicher, irrationaler die Gesellschaft um sich selbst zu kreiseln scheint, desto mehr braucht es verantwortliche Gespräche und Entscheidungen, die mit dem durch nichts ersetzbaren menschlichem Ernst getroffen werden.

Die Welt ist voller Dilemmata, Widersprüche und einander gegenläufiger Interessen. Umso wichtiger scheint es, Fassung zu bewahren und die Verantwortung für die eigene Position zu tragen.

Ich will mich heute nicht aufregen, ich will auch nicht für Entschleunigung oder Weisheit plädieren. Vielleicht reicht es schon, jede zweite Eskalation auszulassen und dafür an das zu denken, worüber sich nicht streiten lässt. Die Würde des Menschen, der Menschlichkeit, die niemanden als weniger Wert anzusehen als einen anderen. Und dass alles gestaltet werden kann. Also bitte, eine Pause im Defätismus!

Denn so weit sind wir noch nicht, dass die Feinde der demokratischen Kultur uns die Handlung- und Gestaltungsfähigkeit wegnehmen können. Also keine histrionische Eile, gelassen bleiben, genau hinsehen, auf den Weg achten und jeden Populismus vermeiden. Wie sonst soll man denn dieses Theater aushalten?

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