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Demonstration gegen Hass von rechts.
Hetze in den sozialen Medien
Politik

Menschlichkeit mit Haltung vertreten

Von Anetta Kahane
11:30

Was sind das für Zeiten? Die Leute sind verwirrt. Irgendjemand sagt etwas Politisches und batsch! kriegt er es um die Ohren geknallt. Je moderater oder pragmatischer die Meinung, desto heftiger die Reaktion. Große Koalition? Furchtbar! Merkel? Unmöglich! Sozialdemokratie? Abgewirtschaftet! Demokratie? Heuchelei. Menschenrechte? Verlogen.

Keine Problemfrage, die nicht mit höhnischen Kommentaren zerlegt wird. Und da sind wir noch lange nicht bei den sogenannten Reizthemen wie Rassismus, Antisemitismus, Einwanderungsgesellschaft. Wenn dann Leute fragen, was man gegen Rechtspopulismus tun kann, zeigt sich die große Ratlosigkeit.

„100 Argumente gegen rechts“

Besonders in den sozialen Netzwerken ist diese Ratlosigkeit verheerend. Auch die neueste Variante eines Heftchens mit dem Titel „100 Argumente gegen rechts“ werden hier nicht helfen. Muss man die erst auswendig können, um sich auf ein Streitgespräch einzulassen? Oder gleich das Gegenüber anschreien? Wie reagieren auf Provokationen, die nicht auf den Dialog ausgerichtet sind, sondern nur darauf, wütend zu machen und zu beleidigen? Was tun, wenn echte Nazisprüche kommen? Den Post melden? Bei der Polizei Anzeige erstatten? Darf man das? Oder ist das gleich Zensur?

Den meisten anständigen Menschen ist das zu anstrengend. Sie ziehen sich aus Diskussionen zurück, wollen mit dem rassistischen Schmutz in ihren Netzwerken nicht behelligt werden. Das ist sehr verständlich. Viele, die gern lesen, diskutieren, nachdenken, finden überhaupt, dass soziale Netzwerke kein Ort sind, an dem sie sich mit ihren Ansichten äußern möchten.

Marktplätze von heute sind die sozialen Medien

Auch das ist verständlich. Doch die Marktplätze von heute sind die sozialen Medien. Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde so viel kommuniziert! Noch nie haben Menschen so viel Kontakt gehabt in Meinungssphären, die nicht die eigenen sind. Trotz Bubble und Algorithmen stoßen wir alle auf andere Welten, Milieus und Denkweisen. Und ja, das ist verwirrend.

Da hilft es, sich selbst zu fragen, welches Menschenbild einen prägt. Und genau das dem Gegenüber zu sagen. Was hält die anständigen Menschen in Deutschland davon ab, ihr Menschenbild auch klar zu äußern? Und eine Haltung zu zeigen, statt sich verunsichern zu lassen?

Menschenbild vor Inhumanität schützen

Entspricht die von Herablassung, Aggression und Bosheit getriebene Sicht auf Menschen, wie sie von vielen Rechtspopulisten und Rechtsextremen gezeigt wird, der eigenen? Und wenn nicht, dann raus damit, dann muss man das sagen. Nein, das ist nicht mein Menschenbild, das ist nicht meine Haltung, ich stehe dazu und lasse mich nicht durch Hass manipulieren.

Das eigene Menschenbild vor Inhumanität zu schützen, auch im Netz, das allein würde schon helfen. Und wenn mehr von denen, die nicht auf dreckigem Rassismus surfen, auch in den sozialen Netzwerken aktiv wären, könnte man sich gegenseitig besser vergewissern. Und schützen.

Wir müssen die Debatten führen. Es gibt wirklich vieles, worüber wir streiten sollten. Um das zu können, brauchen wir nicht nur Netzkompetenz, Argumentationshilfen oder Kommunikationsstrategien – alles Dinge, die in den neurechten Think-Tanks übrigens wie verrückt vermittelt werden. Wir brauchen die Gewissheit darüber, wie menschlich wir selbst sind. Und dass wir diese Menschlichkeit mit Haltung vertreten.

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