Kolumne
Politik

Bargeld im Kloster

Von Manfred Niekisch
14:49

Wodurch unterscheidet sich der Mensch vom Tier? Die Frage kann man so nicht beantworten. Man müsste schon genauer wissen, von welchem Tier die Rede ist. Ein Schmetterling kann zum Beispiel besser fliegen als wir. Dafür ist er im Kopfrechnen noch schlechter als der schlechteste Schüler.

Früher glaubte man, Menschenaffen hätten kein Selbstbewusstsein und keinen Humor, ganz im Unterschied zu unseren Artgenossen. Auch diese Meinung mussten wir uns abschminken, je weiter die Forschung voranschritt.

Apropos Schminke und Kosmetik, die nutzen doch nur wir. Auch falsch, der Bartgeier schminkt sich das Brustgefieder rot, und ausgerechnet der Schmutzgeier schminkt sich sogar sein Gesicht. Auch eine der größten Errungenschaften der Menschheit, die Arbeitsteilung, ist im Tierreich weit verbreitet. Die Ameisen sind uns da bekanntermaßen deutlich voraus. Auch bilden sie Staaten, wie der Nacktmull.

Mit dem wollen wir, soweit wir ihn überhaupt kennen, aber gar nichts zu tun haben. Fast haarlos, am ganzen Körper faltig, mit Scheidezähnen, die jeden Hamster vor Neid erblassen ließen und bei denen sich jeder Vergleich zu menschlichen Gebissen verbietet, bildet er komplexe Staaten. Junge Nacktmulle kümmern sich um die noch jüngeren Geschwister, und auch sonst teilt man sich die Arbeit. Allerdings werden die weiblichen Tiere von ihrer Königin hormonell so unter Stress gesetzt, dass nur die Regentin sich vermehren kann. Gut, das wäre ein Unterschied zum Menschen.

Aber ansonsten? So lange man auch sucht, nur eines ist im Tierreich völlig fremd. Die Korruption. Unser Strafrecht unterscheidet fein in Vorteilsannahme, Vorteilsgewährung und ein paar andere Merkmale. Es geht darum, dass Individuen sich gegenseitig Vorteile verschaffen, die zu Lasten der Allgemeinheit gehen.

Korruption gibt es schon deswegen im Tierreich nicht, weil alles was der Gemeinschaft schadet, zwangsläufig zum Untergang der Art führen würde. Zwar kommen Geschenke auch im Tierreich vor. So überreichen Pinguine ihrer Angebeteten Steinchen zum Nestbau, Laubenvögel bunte Fundstückchen aus Papier und die Listspinne ein ordentlich in Spinnfäden eingepacktes Insekt. Es sind meist die Männchen, die schenken, und fast immer geht es um Sex. Solche Geschenke aber dienen der Arterhaltung und nützen damit der ganzen Art.

Das sieht bei Korruption ganz anders aus. Die richtet Volkswirtschaften zugrunde und vermehrt die Armut. Besonders krass kommt das gerade in Argentinien ans Tageslicht. Es kursieren Zahlen von mehreren Milliarden Dollar Bestechung.

Der früheren Präsidentin wird vorgeworfen, allein innerhalb von nur sechs Monaten fast 60 Millionen US-Dollar für sich beiseite geschafft zu haben. Die Presse berichtet, es gebe jetzt eine Welle von Verhaftungen unter Politikern und Unternehmern.

Die Geldbewegungen fielen auf keinem Konto auf, bezahlt wurde bar. Wo bringt man so viel Geld unter? Gemeldet wurden doppelte Wände in Häusern, extra angelegte Keller und Brunnen und sogar Verstecke in Klöstern. Anscheinend alles in Devisen. Politiker lassen sich wohl nicht in Landeswährung bestechen.

Zu verdanken ist die Aufdeckung solch skandalöser Egoismen einer freien Presse und einer unabhängigen Justiz. Beide sind im Tierreich unnötig, denn die Evolution hat für maßlose Gier dort keinen Platz gelassen.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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