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In Frankfurt wird mit Hartgeld gezahlt.
Kolumne
Politik

Der Rausch nur gegen Bares

Von Michael Herl
10:00

Eigentlich ist Eli vernünftig. Eine gestandene Frau, wie man so schön sagt, Mitte fünfzig, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, erfolgreiche Journalistin und seit unserer gemeinsamen Ausbildungszeit eine gute Bekannte von mir. Etliche Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen, so trafen wir uns unlängst in München zum Trinken. 

Wir zogen vergnügt von Kneipe zu Kneipe, und beide wunderten wir uns über etwas. Ich mich mal wieder, wie preiswert dort im Vergleich zu Frankfurt ein ordentlicher Rausch ist, aber das geht mir in Köln, Berlin oder Hamburg genauso. Immer beim Bezahlen denke ich, die Bedienung hätte sich zu meinen Gunsten verrechnet. 

Diesen Eindruck vermochte Eli sogar zu teilen, denn sie lebt seit mehr als zwanzig Jahren in Schweden, einem Land, in dem die Trunklust bekanntlich ein kostspieliges Steckenpferd ist. Umso erstaunlicher, wie leidenschaftlich sich die Dortigen den geistigen Getränken zuwenden.

Also wunderte sich Eli mal wieder über etwas ganz anderes, nämlich die Berge von Bargeld, die man hierzulande für eine zünftige Zechtour auf die Tresen zu legen hat. In Schweden nämlich spielen Münzen und Scheine kaum noch eine Rolle, erklärte sie mir. Selbst Kinder tragen bereits eine Kreditkarte mit sich herum, selbstverständlich mit stark begrenztem Limit. „Ich finde das gut“, meinte Eli, denn das sei praktisch. Hier müsse sie laufend zum Geldautomaten rennen.

Ich begann an ihrer Vernunft zu zweifeln, zeigte mich empört und kam mit meinen üblichen Sprüchen wie „Ich bestelle mir ja auch kein Chateaubriand im Internet“, „Stell dir mal eine Buchhandlung vor, in der kein Fitzelchen Papier mehr zu finden ist“ oder, zu einer etwas späterer Stunde, „Machste mit deinem Mann etwa auch Cybersex?“ – und natürlich „Da wirst du ja noch mehr zum gläsernen Menschen“.

Sie aber ließ sich nicht beirren, sondern sagte etwas, das mich fast überzeugte: „Die Schweden sind schon lange gläsern, und zwar bewusst und gerne“. Das fange schon damit an, dass die Menschen dort keine Vorhänge haben und auf dem Land ihre Häuser nicht abschließen und gehe so weit, dass alle ganz offen über ihr monatliches Einkommen sprechen.

Ich entgegnete: „Okay, das macht ihr unter euch. Aber mit der Plastikzahlerei werft ihr doch eure gesamten Daten in die Rachen US-amerikanischer Dreckskonzerne“. Sie gab mir recht, doch die Schwedische Reichsbank arbeite bereits an einem nationalen Bezahlsystem und gebe irgendwann eigene Kärtchen heraus, unabhängig von Visa, Mastercard, Amex und Konsorten. So blieben die Daten im Land. Das ließ mich erst mal verstummen und noch ein zusätzliches Bier bestellen.

Das ist nun eine kleine Zeit her. Heute bleibe ich natürlich bei meiner Abneigung, außerdem fallen mir noch zwei Abers ein: Aber bleibt das mit der schönen schwedischen Offenheit auch nach den Ergebnissen der jüngsten Wahlen so?

Und: Aber etwas Schlechtes hat das Ganze gewiss. Denn mit dem Bargeld verschwindet ja auch ein Stück Kulturgut. Eine Menge schöner Witze beispielsweise wären nie ersonnen worden, so wie der von dem Großvater, der mit seinem Enkel auf dem Jahrmarkt ist. Sagt der Kleine nach einer Weile: „Opa, gibst du mir mal zehn Pfennig, ich muss Pipi.“ Darauf der Opa: „Hier hast du ne Mark, aber verbrunz’ net alles.“

Michael Herl ist Autor und Theatermacher. 

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