Kolumne
Politik

Frechheit ist Trumpf

Von Harry Nutt
10:30

In dem Film „Tatsächlich ... Liebe“ („Love actually“) aus dem Jahr 2003 spielt Hugh Grant einen britischen Premierminister, der eher als smarter Hochstapler denn als ein von Haltungen und Überzeugungen geprägter Politiker ins Amt gekommen ist. Heute würde man ihn wohl einen Populisten nennen, aber als der Film herauskam, war es einfach nur eine weitere Hauptrolle für den ob seiner schnoddrigen Leichtigkeit vom Publikum geliebten Hugh Grant. 

Seine politische Leidenschaft entdeckt der Premierminister, den er verkörpert, aber in dem Moment, als der US-amerikanische Präsident eine Mitarbeiterin an seinem eigenen Amtssitz in Downing Street No 10 sexuell belästigt. 

Durch den Vorfall erzürnt, setzt Hugh Grant kurz darauf zu einer patriotischen Rede an, in der er dem amerikanischen Präsidenten vorwirft, sich völlig ungeniert zu nehmen, was er will und dabei das großartige Großbritannien vergisst – „das Land von William Shakespeare, Winston Churchill, den Beatles, Sean Connery, Harry Potter, David Beckhams rechtem Fuß, David Beckhams linkem Fuß, wenn wir schon dabei sind!“ 

Wie sehr die Szene einmal von der politischen Wirklichkeit überholt werden sollte, war 2003 noch nicht abzusehen. Inzwischen fragen sich Regierungschefs in aller Welt, wie dem rüpelhaften Auftreten des amerikanischen Präsidenten zu begegnen sei, der zuletzt die britische Premierministerin Theresa May wie eine verstörte Gouvernante neben sich hat aussehen lassen. Für andere aber scheint es ein opportunes Mittel zu sein, es ihm nachzutun. Waren Frechheit und Aufruhr einmal Ausdrucksformen der Rebellion von unten, so wird sie nun als Herrschaftsinstrument eingesetzt, eine Art permanente Revolution von oben. 

Kann man etwas tun? Der offene Eklat scheint kein geeignetes Mittel der Gegenwehr zu sein. Die Ohrfeige, die Beate Klarsfeld einst als Zeichen des politischen Protestes Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger versetzte, weil dieser Mitglied der NSDAP gewesen war, war als demütigende Geste allein deshalb so wirkungsvoll, weil sie aus einer Position vermeintlicher Wehrlosigkeit eingesetzt worden war. 

Angela Merkel und Theresa May tun vermutlich gut daran, sie nicht offen und direkt gegen die latente Übergriffigkeit zu wenden. Eine Regierungschefin, die zurückpöbelt, passt trotz aller angesammelten Wut nicht ins Bild. 

Und doch wird man Formen der symbolischen Gegenwehr entwickeln müssen, wenn selbst einer wie Horst Seehofer dazu übergeht, rüde Trotzigkeit als Stilmittel in die Debatte zu werfen, sei es aus Kalkül, sei es aus Verzweiflung. 

Trump macht Schule, und da die internationalen Bündnisse nicht zuletzt wegen der ökonomischen Bedeutung der USA wehrlos zu sein scheinen gegen dessen aggressive Zersetzungsstrategien, wird es womöglich von Bedeutung sein, in den Kämpfen um Gesten und Signale auf anderen Wegen zu punkten. 

Ein wesentliches Merkmal von Donald Trumps Regierungsstil ist der Einsatz von Obszönität als Waffe. Bei aller Beschämung, die das auszulösen vermag, ist es doch auch Ausdruck einer emotionalen Unterlegenheit. 

Im privaten wie im politischen Bereich aber sollte sich herumgesprochen haben, dass pures Entsetzen keine geeignete Reaktion auf die übersteigerte Schamlosigkeit ist.

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