Kolumne
Politik

Zu spät

Von Harry Nutt
10:00

Wir grüßten uns schon von weitem. „Na, auch zu früh“, fragte der Kollege S., der eine Antwort gar nicht erst abwartete. „Ich gehe noch eine Runde um den Block.“ Mit einer stummen Geste der Billigung folgte ich ihm.

Wir hatten denselben Termin, waren aber beide mehr als zehn Minuten zu früh dran. „Das passiert mir immer“, gestand S., ohne dass ich ihn danach gefragt hatte. „Ich komme seit Jahren überall zu früh, und ich hasse mich dafür. Ich kann nichts dagegen tun.“

Ich hatte nicht das Gefühl, mich erklären oder ein gesteigertes Interesse an dieser soziopathologischen Eigenart artikulieren zu müssen. Ich wusste nur zu genau, wovon er spricht. In mir hatte S. einen Leidensgenossen. Mit der Zeit entwickelt man seine Techniken, damit fertig zu werden. Zahllose Runden um den Block und blödsinniges Stieren auf irgendwelche Schaufensterauslagen, allein mit dem Ziel, Zeit verstreichen zu lassen, gehören seit langem zu meinen Alltagsbeschäftigungen. Zugegeben: Es gibt aufregendere Dinge. Ärgerlichere auch.

An schönen Sommertagen kann es ganz angenehm sein. Kürzlich waren es zwanzig Minuten, acht davon vergingen in einer Warteschlange vor einer Eisdiele, den Rest verbrachte ich auf einer Bank im Park. Schließlich war ich immer noch ein paar Minuten zu früh. Aber das macht nichts. „Kümmern Sie sich nicht um mich“ oder „Kann ich noch ein paar Handgriffe übernehmen“, sage ich dann.

Cool ist anders. Das höhere gesellschaftliche Ansehen genießt heute der Zuspätkommer. Die anderen rümpfen die Nase oder sehen demonstrativ auf die Uhr, aber in der Regel wird nicht einmal ein Wort darüber verloren. Der Zuspätkommer erfährt die demonstrative Toleranz der Gemeinschaft, obwohl diese erkennbar gestört wurde.

Wer sich über diese beklagt, läuft Gefahr, als spießig oder kleinlich betrachtet zu werden. Wer zu spät kommt, dem wird nicht selten Lebensstil unterstellt. Er ist einer, der sein Zeitmanagement souverän gegen die anderen zu behaupten weiß.

Aber während das Wechselspiel zwischen zu früh und zu spät allenfalls noch einen Nebenschauplatz für den Umgang mit Konventionen darstellt, scheint die gesellschaftliche Verpflichtung zur Pünktlichkeit insgesamt und überall auf dem Rückzug zu sein.

Anfangszeiten? Es gibt doch die Mediathek. Feste Verabredung? Sorry, können wir es noch einmal verschieben? Der junge Mensch ist auch deshalb dauernd online, weil er sein Alltagshandeln immer wieder an die Sprunghaftigkeit der anderen anpassen muss. Bloß nicht festlegen lassen. Die gesteigerte Bedeutung von Selbstbestimmung und Autonomie steht einem rasenden Verfall der Verbindlichkeit gegenüber.

Die Formel „Rufen Sie uns bitte nicht an. Wir kommen auf Sie zu“ ist die moderne Version einer sozialen Abweisung. Der Ausschluss erfolgt nicht mehr als klar artikulierte Zurückweisung, sondern als Nichtberücksichtigung. Die Aufforderung, das bitte nicht persönlich zu nehmen, verschlimmert nur die Wartezeit auf eine neue Chance. Ärger noch als Exklusion kann der Aufenthalt in der Schwebe sein.

Wie gern hätte ich mit dem Kollegen S. auf einer weiteren Runde um den Häuserblock über derlei Dinge gesprochen. Leider zu spät. Er hat sich Ende Juli das Leben genommen. Das macht nicht nur traurig, sondern auch wütend.

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