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Diese Fotografen scheinen sich sicher zu sein, dass Jan Ullrich in diesem Auto sitzt.
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Was gehen uns Jan Ullrichs Eskapaden an?

Von Michael Herl
18:35

Eigentlich machen wir uns schon lange keine Gedanken mehr darüber. Da kommen Berichte über Geschehnisse über uns, wir nehmen sie wahr, und schon nach kurzer Zeit reden wir mit anderen Leuten darüber, so als wären wir selbst dabei gewesen. Wie aber sind diese Neuigkeiten entstanden?

Bei Unfällen, Bränden oder Explosionen ist der Fall klar. Da rücken Rettungskräfte an, das erfahren Reporter, die rasen zum Unglücksort und berichten. Auch über Fake News müssen wir hier nicht nachdenken. Die sind in wirren oder klugen Köpfen entstanden und sollen uns etwas vorspiegeln, das in Wahrheit ganz anders ist.

Jan Ullrich und Til Schweiger sind eben berühmt

Wiederum anders verhält es sich mit der Objektivität, denn auch die gibt es nicht. Die entsteht im Hirn des Betrachters und gründet sich auf dessen Wahrnehmungsfähigkeit, Vorlieben und Tagesform. Lässt man zwölf Menschen Berichte über den selben Vorgang verfassen, kann es sein, dass alle verschieden sind. Dennoch haben alle recht – so sie denn redlich zu Werke gingen. Das alles lässt sich also leicht erklären.

Wie aber kommt es zu Nachrichten über Intimes, Privates und somit Geheimes? Nehmen wir nur einmal einen aktuellen Fall. Da ist einer bei einem zu Besuch, dreht durch und will seinem Gastgeber ans Leder. Der ruft die Polizei, die kommt, führt den Zornnickel ab und steckt ihn ins Kittchen.

Ein Vorgang, wie er sich täglich dutzendfach abspielt, meist in den Hütten der Armen, was keinen interessiert. Geschieht das aber in den Palästen der Reichen, kann die Sache schon anders aussehen. Erst recht, wenn es sich bei den Betroffenen um Berühmtheiten handelt, in diesem Fall um einen ehemaligen Rennradler und einen Schauspieler. Jan Ullrich und Til Schweiger, so geschehen auf Mallorca.

Beide gerieten sich in des Mimen Finca in die Wolle, die Guardia Civil rückte an, und der Radler fuhr ein. So weit. Nun drängt sich aber die Frage auf: Wer informierte da wann die Presse? Hörte ein Paparazzo Polizeifunk? Oder ist er der Schwager des Revierleiters? Oder war es Ullrich, der sich in seinem Drogenwahn ungerecht behandelt fühlte? Oder Schweiger, dem ein bisschen Publicity immer willkommen ist?

Es geht noch weiter. Jan Ullrichs Leben in den darauffolgenden Tagen ist fast lückenlos dokumentiert, anzuschauen und nachzulesen in den einschlägigen Gazetten, aber auch in der seriösen Presse. Er wird entlassen. Lance Armstrong verspricht Hilfe durch seinen Leibarzt. Beide fliegen im Learjet ein. Das bringt offenbar wenig, denn Ullrich soll nun nach Deutschland zu einer Therapie. Er schlappt zum Flughafen in einem Outfit wie im Dschungelcamp (was ihn zugegebenermaßen wenig bis gar nicht von den meisten anderen Mallorcareisenden unterscheidet).

Vor dem Abflug raucht er drei Zigaretten gleichzeitig (dürfte dort auch keine Seltenheit sein). Er fliegt nach Frankfurt und steigt in einem Luxushotel ab. Er versucht sich spätabends in der Bar des Hauses an einem Handstand, wird daraufhin ihrer verwiesen.

Nachts lässt er nacheinander mehrere Escort-Damen auf sein Zimmer kommen, die letzte würgt er. Wieder kommt die Polizei, abermals fährt der Radler ein. Das Ganze wird sicherlich noch weitergehen. Ein kranker Mann dreht durch. Das ist schlimm. Aber geht uns das wirklich etwas an?

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