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Politik

Wer über Rassismus spricht, der braucht Schutz

Von Anetta Kahane
13:04

Wie kommen die Leute in Deutschland darauf, dass es hier keinen Rassismus gibt? Ausgelöst vom Fall Özil berichten von Rassismus Betroffene gerade, was ihnen so täglich passiert. Und zwar, seit sie denken und fühlen können.

Dass sie sich äußern, dass sie das Schlimmste an Erfahrungen erzählen, ist ein Ausdruck von Verzweiflung und von Hoffnung. Verzweiflung, weil sich eine Schnecke mit MACH 3 bewegt, im Vergleich zur deutschen Gesellschaft in puncto Rassismus. Und Hoffnung, weil ohne Hoffnung und Vertrauen darauf, dass Menschen sie hören wollen, solche Geschichten niemals erzählt würden.

Wer diese Geschichten erzählt, muss darauf hoffen können, dass alle, die davon hören, bereit sind, sich diesem düsteren und verdrängten Aspekt deutscher Realität zu stellen. Wer davon erzählt, gibt etwas sehr Persönliches preis, denn nichts ist so persönlich, wie von Verletzungen schlimmster Art zu erzählen. Wer sich öffentlich erklärt, hat gerade in der Stimmung enthemmter Menschenfeindlichkeit größten Respekt verdient. Und vor allem unseren Schutz.

Rassismus ist ein deutsches Problem

Seit Jahren wird der Rassismus hochgeschrieben und hochgeredet. Ohne Scham und ohne Unrechtsgefühl redeten AfD-Politiker davon, eine Ministerin nach Anatolien „zu entsorgen“. Und heute ist eine zutiefst rassistische Sprache und die entsprechende Gedankenwelt bereits so weit in die Alltagsrhetorik eingedrungen, dass sie jeden Anstand, jede Ächtung solcher finsteren Menschenverachtung fortzuspülen drohen.

Rassismus ist ein deutsches Problem. Das war es immer. Es hilft gar nichts, darauf hinzuweisen, dass irgendwo anders Schlimmeres geschieht. In Deutschland wurde bislang das Wort Rassismus bei konkreten Vorfällen lieber vermieden. Fremdenfeindlichkeit klang da besser. So als wäre es egal, ob jemand angefeindet wird, weil er nicht aus demselben Dorf stammt, oder weil er eben schwarz ist.

Dieses verdruckste Verwischen eines ernsthaften Problems gehört in das Arsenal der Leugnung, Verdrängung und damit irgendwie auch des Akzeptierens von Rassismus.

Warum ist das so? Wie halten es die Betroffenen aus? Wieso verhalten sich Menschen rassistisch? Wie kann es sein, dass in einem Land, dessen Grundgesetz die Gleichheit aller Menschen und ihrer Würde an erste Stelle setzt, ebendiese Grundlage infrage gestellt wird?

Niemand darf in Deutschland als weniger wert betrachtet werden. So ist das Gesetz, das Grundgesetz. Wer sich aber heute in der Hässlichkeit der Flüchtlingsdebatte darauf beruft und diese Haltung einfordert, wird schnell als moralisierend abgewatscht.

Doch was sind wir, was wollen wir sein in Deutschland, wenn wir die Grundregeln der Demokratie als moralistischen Quatsch abtun? Oder zulassen, dass jede Art, die Normen der Menschlichkeit einzuhalten, ob über die zehn Gebote oder die Verfassung, als lächerlich abgetan wird?

Jeder, der von erlebtem und durchlittenem Rassismus erzählt, ist ein Held unserer Tage. Ein Gerechter, der für viele andere spricht, die sich nicht äußern können oder wollen. Wer heute über Rassismus spricht, trotz der verrohten Sprache über Flüchtlinge oder Menschen mit „Migrationshintergrund“, der braucht Schutz. Denn wenn diese Menschen nicht darüber reden und alle anderen dazu schweigen, wird unsere ganze Welt von dieser Düsternis überflutet werden.

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