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Die Werkstatt der Kulturen ist für viele ein Stück Heimat.
Rassismus
Politik

Der tägliche Angriff auf die Würde

Von Anetta Kahane
13:10

Heimat und Stolz, diese Worte hat der Grünen-Politiker Cem Özdemir auf furiose und berührende Weise und im besten Sinne zusammengebracht, als er im Deutschen Bundestag gegen den Rassismus der AfD ansprach. Ausgerechnet diese beiden Begriffe reklamiert er für sich, für alle, die Deutschland als offene Gesellschaft sehen. 

Er war es, das Kind türkischer Einwanderer, der den Patriotismus gelebter Verfassungswerte im modernen Deutschland gegen den dumpfen Schmutz völkischer Ideologie verteidigte. Warum gerade er? Weil er genau weiß, was es ihn gekostet hat, weil es noch immer ganz und gar nicht mühelos ist, sich als Deutscher ohne völkische Attribute deutsch fühlen zu dürfen. Und auch so behandelt zu werden. 

Werkstatt der Kulturen in Berlin

Wer als Angehöriger einer anderen sichtbaren Minorität in Deutschland lebt, erlebt jeden einzelnen Tag Rassismus. Ganz selbstverständlich geschehen den betroffenen Personen Dinge, die „normale“ Deutsche zurecht als Unverschämtheit bezeichnen würden. Rassismus ist nicht nur das abwertende Wort. Es ist der tägliche Angriff auf die Würde. Ist es ungewöhnlich, dass Afrodeutsche schlechter behandelt werden als Weiße, dass man sie infantilisiert, ihnen Unfähigkeit unterstellt, sie schikaniert, sie gedemütigt werden oder ihnen gegenüber distanzlos und übergriffig gehandelt wird? 

Nein, das ist an der Tagesordnung. Und was geschieht? Rassismus hat damit dann angeblich nichts zu tun, sondern die so behandelte Person, die sich nicht so verhält, wie es sich die weißen Deutschen erwarten. 

Ein Beispiel für solchen Umgang ist die Werkstatt der Kulturen in Berlin. Sie gehört zu den wenigen Einrichtungen, die von einer schwarzen Frau geleitet werden. Ihr Name ist Philippa Ebéné, sie ist eine deutsche Künstlerin, Intellektuelle, Organisationsgenie, einfallsreich, kreativ, gut vernetzt, international geschätzt und anerkannt. 

Kosmopolitischer Ort des musischen Perspektivwechsels

Sie hat in zehn Jahren aus einem Treffpunkt für Ausländer eine innovative, urbane Kulturwerkstatt gemacht. Hier spiegelt sich heute die globale und damit verbundene migrantische Kunst, hier ist der kosmopolitische Ort des musischen Perspektivwechsels. Hier treffen sich Künstler und Publikum um ein Deutschland zu illustrieren, das wirklich ein Ort auf dieser Welt ist. 

Die Werkstatt der Kulturen ist kein Strickclub für Gastarbeiterfrauen. Oder eine Spielstätte für Kulturrelativismus und verschrobene Identitätspolitik. Ganz im Gegenteil: Philippa Ebéné unterstützt diejenigen, die gegen Despotismus und religiöse Unterdrückung ihre emanzipatorische Sehnsucht in der Kunst darstellen. Mit ihr gibt es in der Werkstatt keine Veranstaltungen von Gruppen, die radikale Ansichten als Kultur verkaufen wollen. Und schon gar nicht Treffen der antisemitischen Boykottbewegung BDS. Auch nicht aus Versehen. 

Sie hat diesen Ort geschaffen, trotz miserabler Bedingungen, unlogischen Auflagen, trotz mancher Verwaltungsintrigen und rassistischen Herablassungen ihr gegenüber. Fast ohne Budget und unter Anfeindungen hat sie genau die neue Heimat geschaffen, von der Cem Özdemir in seiner Rede sprach. 

Philippa Ebéné weiß auch, was es kostet, sich in Deutschland für die Heimat zu exponieren. Ihr Weg sollte mit Anerkennung und Dankbarkeit gepflastert sein. Und nicht, wie es schwarzen Deutschen oft passiert, mit den Steinen des platten Vorurteils! 

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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