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In Bayern hängt man wieder Kreuze auf (Symbolbild).
Religion
Politik

Kein Kreuz, kein Tuch, keine Kippa

Von Anetta Kahane
10:23

Wenn man vor zwei Türen steht und nicht anders aus dem Raum herauskommt, ist es schon manchmal schwierig zu entscheiden, welche man wählen sollte. Was wird es sein? Gucci oder Gabbana? Pest und Cholera? Oder bleibt man einfach wie angewurzelt stehen wie Buridans Esel und verhungert, weil hinter den Türen beide Heuhaufen gleich verlockend sind?

Die Diskussion über Kreuz oder Kopftuch erinnert mich an solche Situationen. In Bayern will man das Kreuz als Symbol der christlichen Kultur in allen öffentlichen Gebäuden aufhängen. In Berlin streitet man darüber, ob an öffentlichen Schulen Lehrerinnen mit Kopftuch erlaubt sein sollten.
Die einen begründen den Wunsch nach Kreuz damit, demonstrieren zu wollen, dass Deutschland noch immer kulturell christlich-jüdisch geprägt sei. Die anderen finden, das Neutralitätsgebot des Staates gegenüber religiösen Bekenntnissen sei nicht mehr zeitgemäß: Es diskriminiere muslimische Frauen und verstoße gegen die Religionsfreiheit.

Ja, nun muss man sich entscheiden.

Entweder man entscheidet sich für das Kreuz, dann aber auch für muslimische Lehrerinnen oder Richterinnen mit Kopftuch. Das wäre, je nach politischer Perspektive, dann Ausdruck eines Kulturkampfes oder Ausdruck der Vielfalt. Oder man entscheidet sich für die Neutralität des Staates in religiösen Fragen, auch wenn es einen diskriminierenden Aspekt enthält. Das ist ein echtes Dilemma. Hier stehen wichtige Werte gegeneinander: Religionsfreiheit und Diskriminierungsverbot gegen das Neutralitätsgebot, weil Kirche und Staat getrennt sein sollten.

2000 Jahre Judenhass sind keine christlich-jüdische Symbiose

Zwei Dinge stoßen mir in der Debatte besonders auf. Zum einen ist es die Vereinnahme des Jüdischen. Mit einem Mal reden die Leute über das christlich-jüdische Abendland, als einer fest gewachsenen Kultur. 2000 Jahre Judenhass, deren vorläufiger Höhepunkt das Abschlachten von sechs Millionen Juden war – was daran ist christlich-jüdische Symbiose?

Aus der Perspektive der Juden betrachtet, keine. Politisch taucht diese Bindestrichnähe von christlich und jüdisch auf, da ein vermeintlich neuer Feind aufgetaucht ist: der Islam. Mit anderen Worten: lasst bitte das Jüdische aus dem christlich-jüdischen raus. Das ist bei allem Respekt sehr zynisch.

Und das andere: Ich bin für Religionsfreiheit. Jeder soll glauben, war er will. Ich bin aber auch für die Freiheit von Religion, also für passive Religionsfreiheit.

Das heißt, ich will nicht vor dem Gericht oder in der Schule permanent damit konfrontiert sein, welcher Religion der Amtsträger oder die Amtsträgerin angehört. Ich will nicht an all das denken müssen, was die jeweilige Religion in mir assoziiert. Weder die christliche noch die muslimische. Die Neutralität ist mir wichtiger, als das Recht auch in staatlichen Rollen Turban oder Kopftuch zu tragen. Denn die Kippa steht wohl kaum zur Debatte. Es sind in Deutschland einfach zu wenig bekennende Juden übriggeblieben, als dass sie sich bei dem derzeitigen politischen Wetter trauen würden, mit Kippa ein öffentliches Amt zu bekleiden.

Das kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft ist voll von Konflikten und die Gegenwart ebenso. Dagegen helfen nicht noch mehr Kreuze oder Kopftücher. Dagegen helfen nur Ruhe, Vernunft – und Neutralität. Denn das ist die Tür zur Zukunft.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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