© Rolf Oeser, FR
Rock gegen Rechts auf dem Opernplatz, Shantel und das Bucovina Club Orkestar.
Rock gegen rechts
Politik

Neulich auf der Demo

Von Michael Herl
11:33

Eigentlich war ich es ja selbst, der vor einiger Zeit an dieser Stelle die Geister rief. Es sei nun wichtig, postulierte ich, alle Kräfte für den Kampf gegen die Rechten zu bündeln, eigene Befindlichkeiten hätten da mal bitteschön in den Hintergrund zu treten. Das war richtig und ist es noch heute. Aber schwer.

Unlängst nämlich nahm ich mich mal wieder beim Wort und ging auf eine Protestveranstaltung. Just als ich dort eintraf, vernahm ich jedoch einen Aufruf, wonach sich nun alle feste konzentrieren und „ganz viel positive Energie“ zu den Anti-Nazis nach Chemnitz schicken sollten. Reflexartig machte ich auf dem Absatz kehrt und mich auf den Weg in meine Stammkneipe, so wie ich es nach traumatischen Erlebnissen immer tue.

Nach wenigen Schritten jedoch entsann ich mich des Wahren, Schönen und Guten und begab mich zurück in den Widerstand. Dort angekommen, befand sich der Batzen gemeinschaftlich erzeugter positiver Energie wohl schon auf dem Weg nach Sachsen, meine war also offensichtlich nicht mehr vonnöten.

Schwein gehabt. Apropos. Es war „Streetfood“ angekündigt. Also hatte ich mich schon auf Konfrontationen mit Bärtigen vorbereitet, die mit cooler Miene ungelenk zubereitetes Essen zu uncoolen Preisen verkloppen. Ich stutzte freudig berührt, denn solche Menschen waren nicht vorzufinden. Dafür andere, die sich offenbar zum ersten Mal im Leben mit einer Bratwurst konfrontiert sahen und sich entsprechend schwer taten, diese artgerecht unters Volk zu bringen. Der Preis dafür war auf höherem Niveau.

Brokdorf, Mutlangen und Wackersdorf

Was da oft hilft, ist ein Bier. Zufällig traf ich eine Bekannte, die sich auf dem Weg zu einem Schankwagen befand. Ob sie mir denn eins mitbringen solle, fragte sie. Ich nickte emsig, fürchtete ich doch weitere Erlebnisse mit gastronomischem Fachpersonal. Wie weise das war, zeigte sich dreißig Minuten später.

Erst dann nämlich kam die Bekannte wieder aus dem Getümmel. War sie doch auf einen Menschen getroffen, für den ein Zapfhahn wohl etwas aus dem Leben der Anderen ist. Sie zürnte und ließ sich in ihrer Wut kaum bändigen, arbeitet sie doch selbst seit Jahren in einem Wirtshaus. Ich besänftigte sie, indem ich ihr all meine aufgesparte positive Energie schenkte, und wir tranken gegen Rechts.

Der Rest ist schnell erzählt. Von der Bühne kamen die üblichen Erbauungen wie „Wir sind schon 7000, und viele sind noch auf dem Weg“ (das waren die schon in Brokdorf, Mutlangen und Wackersdorf), Mütter tanzten mit Neugeborenen, Polizisten blickten betont gelangweilt, Menschen quetschten sich mitsamt riesigen Rucksäcken durch die engsten Stellen, und ich traf unglaublich viele, von denen ich froh war, sie seit Jahren nicht mehr gesehen zu haben.

Sie begrüßten mich mit einem fröhlichen „Na, auch hier?“, und ich ärgerte mich jedes Mal darüber, dass mir so etwas in solch einer Situation nicht einfällt. Ich blieb noch ein wenig, war es doch wichtig, gezählt zu werden.

Später dann, am heimischen Tresen, braute sich in mir ein dringlicher Wunsch zusammen: Jagt die braune Brut möglichst schnell zum Teufel! Denn wenn das so weitergeht, verliebe ich mich noch in eine strenggläubige, nichtrauchende, vegane, antialkoholische, schwäbische Blütenheilerin mit pinkfarbenen Strähnchen und lila Rucksack.

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