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Recep Tayyip Erdogan, Staatspräsident der Türkei, umgeben von Kickern.
Kommentar Özil und Gündogan
Politik

Empörung, jetzt!

Von Daniel Dillmann
09:31

Ilkay Gündogan, Mesut Özil und Cenk Tosun treffen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Und alle sind brüskiert. Der Fußball an sich, die Grünen sowieso, der DFB am allermeisten, aber ganz sicher auch Bundestrainer Joachim Löw und das ganze restliche Deutschland. Weil Özil und Gündogan (Tosun ist zwar auch in Deutschland geboren, aber er spielt nicht ganz so gut Fußball und das auch schon länger nicht mehr für Deutschland) den Präsidenten der Türkei getroffen haben, das Land, aus dem ihre Eltern einst nach Deutschland emigriert sind. Weil sie Fotos mit ihm gemacht haben, eineinhalb Monate vor den vorgezogenen Neuwahlen in der Türkei. Fotos, die Erdogans Partei AKP zu Wahlkampfzwecken auf Twitter verbreitete.

Die weniger scharfen Kritiker des Treffens werfen den Nationalspielern fehlendes politisches Bewusstsein vor. Wer härtere Töne anschlägt, fordert von Löw, die beiden Ausnahmefußballer nicht mehr für die Nationalmannschaft zu berufen. Und wer ganz rechtsaußen steht, der will den beiden in Gelsenkirchen geborenen Fußballern gleich die Staatsbürgerschaft entziehen oder zumindest doch den Bambi, den Özil 2010 in der Kategorie „Integration“ erhalten hat. Franz Josef Wagner von der Bild-Zeitung findet die Sache auch nicht schmuck, aber die fußballerische Qualität der Beiden rettet sie vor einem vernichtenden Urteil seinerseits. Wir brauchen die Jungs mit Migrationshintergrund halt, wenn wir bei der WM was reißen wollen, das mag ärgerlich sein, aber so ist es und das weiß auch die „Bild“.

Konkurrent bei der EM-Bewerbung

Außerdem befindet sich der DFB mitten in der Bewerbung um die Austragung der Europameisterschaft 2024. Einer der Konkurrenten ist der türkische Verband, der nun Trophäen (Fotos und Trikots) sein eigen nennen kann, die den DFB entehren. Es wird viele Hinterzimmergespräche benötigen und noch mehr Spendengelder, damit trotz dieser Blamage wieder eine fußballerisches Großereignis in Deutschland stattfindet. Mit solcherlei Tricksereien aber kennt man sich beim DFB ja zum Glück aus.

Erdogans Politik in der Türkei bietet sehr viel Anlass zur Kritik. Sein Umgang mit der Opposition und der Presse sollte Grund genug sein, auf ein solches Treffen zu verzichten. Das gilt sicher auch für Özil und Gündogan, auch wenn Politik nicht ihr Themengebiet ist. Aber kann man von Profifußballern verlangen, was weder Politiker noch Verbandsträger einhalten? Die Bundesregierung liefert Waffen in die Türkei, trotz humanitärer Katastrophen, ausgelöst durch die Offensive des türkischen Militärs in Afrin. Die EU zahlt Milliarden an Erdogans Regierung, damit die verhindert, dass Flüchtlinge überhaupt die europäischen Außengrenzen erreichen.

Grindel stellt die Speerspitze der Empörung

Weit vorne an der Front der Empörung steht Reinhard Grindel, DFB-Präsident und CDU-Politiker. Per Twitter erklärt Grindel, dass Erdogan nicht für die Werte stehe, die der DFB verkörpere. Es sei nicht gut, wenn Spieler des DFB sich in Wahlkampfmanöver von Erdogan verstricken lassen und es schade der Integrationsarbeit des Verbandes. Und damit kennt sich Grindel aus, hatte er doch vor seiner DFB-Präsidentschaft gegen die doppelte Staatsbürgerschaft gekämpft und immer wieder die Probleme betont, die sich durch Zuwanderung ergeben würden.

Aber das ist Vergangenheit und Grindel sowie der ganze DFB haben jetzt die Möglichkeit, sich zu positionieren. Die nächste Weltmeisterschaft findet bekanntlich in Russland statt, ein Land regiert von Wladimir Putin, der einen ähnlichen Umgang mit Opposition und Presse pflegt wie Erdogan. Die darauffolgende WM findet in Katar statt. Dort wird gar nicht erst gewählt.

Um Joachim Löw die unangenehme Entscheidung zu ersparen, wie er mit Özil und Gündogan umgehen soll, sollte der DFB einfach seiner Vorbildrolle gerecht werden und gar nicht erst zur Fußball-WM in diesem Jahr antreten. Ein Zeichen setzen für all seine Auswahlspielerinnen und Spieler und für die ganzen Fans. Aus politischen Gründen und aufgrund der Werte, für die der DFB ja stehen will. Dann gibt es auch keine Fotos, auf denen Grindel mit Scheichs oder Putin posiert. Aber ob es dazu kommen wird?

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