© Steffen Schellhorn / epd, FR
Landwirte versprühen tonnenweise Pestizide.
Ungebremster Gift-Einsatz
Politik

Zukunft unserer Ernährung ist in Gefahr

Von Joachim Wille
11:56

Die Bauern sind schwer gebeutelt. Die Ernteschäden wegen der langen Trockenheit sind riesig. Schon jetzt ist klar, die eine Milliarde Euro Verluste, die der Bauernverband jüngst schätzte, sind noch zu niedrig gegriffen. Es könnte leicht das Doppelte sein. Bund und Ländern werden Hilfe leisten müssen, auch wenn Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sich noch ziert, das Steuer-Füllhorn auszupacken. Die Not vieler Landwirte ist zu groß. Außerdem hat der „Nährstand“ bei den meisten Zeitgenossen halt immer noch ein gutes Image – Glyphosat und Co. zum Trotz. Essen müssen alle.

Das aufsehenerregende US-Gerichtsurteil gegen den Hersteller des Herbizids Glyphosat, Monsanto, wird die anstehende Entscheidung der Bundesregierung über Nothilfen an die Verwender (auch) dieses Agrarchemieprodukts nicht beeinflussen. Darf sie auch nicht. Eine neue Pleitewelle unter den Landwirten zu riskieren, wäre fatal. Sie träfe vor allem die kleinen Betriebe, die noch am ehesten dem Bild des traditionellen Bauernhofs mit geschlossenen Produktionskreisläufen entsprechen und würde den Trend zur industriellen Landwirtschaft mit immer größeren Flächen und immer höherem Einsatz von Kunstdünger und chemischen Pflanzenschutzmitteln forcieren. Doch das Urteil muss Anlass sein, endlich Maßnahmen zu ergreifen, um diesen Trend umzukehren. 

Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“

Das US-Gericht hat im ersten Schadenersatzprozess um Glyphosat dem Kläger, einem an Krebs erkrankten Hausmeister, umgerechnet 250 Millionen Euro zugesprochen. Darüber, ob das weltweit am meisten eingesetzte Herbizid kanzerogen ist, wird bereits seit den 1980er Jahren diskutiert. Damals hatte die US-Umweltbehörde UNEP die Krebsgefahr bejaht, dies später allerdings revidiert. Die jüngste Bewertung der WHO von 2015 lautet „wahrscheinlich krebserregend“, und die Erfahrungen mit steigenden Krebsraten der betroffenen Bevölkerung etwa aus Südamerika, wo Glyphosat sogar aus Flugzeugen versprüht wird, bestärken den Verdacht. Angeblich konnten die Geschworenen des US-Gerichts interne Monsanto-Akten einsehen, die die Kanzerogenität ebenfalls bestätigen. 

Stimmt das, sind die angeblich 800 Studien mit Unbedenklichkeitserklärungen, auf die Monsanto und sein neuer Eigentümer, der deutsche Bayer-Konzern, sich berufen, Makulatur. Doch selbst wenn Zweifel an der Krebsgefahr bleiben sollten: Auch sonst gibt es ausreichend Gründe, Glyphosat und andere harte Chemie endlich vom Acker zu nehmen. Die „moderne“ Landwirtschaft ist, unter anderem wegen ihrer Abhängigkeit von Pestiziden, ein maßgeblicher Treiber von Artenschwund – Stichwort: Insektensterben – und sinkender Bodenfruchtbarkeit. Das „Totalherbizid“ Glyphosat zum Beispiel wird auf fast 40 Prozent der deutschen Äcker eingesetzt.

Insekten verschwinden 

Die Bauern sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen. Bisher versuchen sie, die Probleme mit noch mehr Chemie in den Griff zu bekommen; so wuchs der Absatz von Pestiziden hierzulande binnen 20 Jahren von 30.000 auf 40.000 Tonnen. Doch es ist zunehmend fraglich, ob diese Strategie noch lange aufgeht. Das zunehmende Verschwinden der Insekten ist nur ein Warnzeichen, das die Politik doch eigentlich zum Umdenken bringen müsste. Bisher ist davon kaum etwas zu sehen. Auch die Ansage aus dem Koalitionsvertrag der großen Koalition, die Nutzung von Glyphosat bis 2021 zu beenden, ist, wenn sie überhaupt wahr wird, nichts wert, solange das Pestizid dann nur durch andere, ähnlich schädliche Substanzen ersetzt wird.

Es ist überfällig, dass sich deutsche und die EU-Agrarpolitik vom Lobbydruck freimacht, der von den „Großen“ im Agrargeschäft brachial ausgeübt wird – nämlich von den Großbetrieben im Bauernverband und den Großkonzernen in der Agrarchemie-branche, die vom bisherigen System der industriellen Landwirtschaft profitieren und die nötige flächendeckende Umstellung auf eine umweltangepasste Bewirtschaftung in der Landwirtschaft hintertreiben. Das Monsanto-Urteil muss da wie ein Warnschuss wirken. Es schockte die Aktionäre und drückte den Börsenwert des Bayer-Konzerns schlagartig um fast zehn Milliarden Euro in den Keller.

Für Monsanto könnte es eng werden 

Zwar ist nicht ausgemacht, dass der Schuldspruch einen Super-GAU für den Bayer-Konzern auslöst, der satte 55 Milliarden Euro für den intern und in der Öffentlichkeit umstrittenen Monsanto-Deal ausgegeben hat. Weitere Gerichtsinstanzen könnten das Urteil noch deutlich abmildern, und es ist nicht ausgemacht, dass die in den USA noch anhängigen 5200 weiteren Klagen genauso ausgehen wie die erste. Doch es könnte eng werden, denn Monsanto hat nur umgerechnet 222 Millionen Euro an Rückstellungen dafür gebildet – weniger als allein der erste Prozess kosten könnte.

Für Bayer und seine Aktionäre ist das Risiko groß, mit Glyphosat Schiffbruch zu erleiden. Für Deutschland – und den Rest der Welt – ist das Risiko groß, mit der Agrarchemie und der industriellen Landwirtschaft die Zukunft der Ernährung zu verspielen. Letzteres wäre weitaus schlimmer.

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