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Opfer und Familienangehörige während der Pressekonferenz im Pennsylvania Capitol.
Missbrauch in der Kirche
Politik

Weihwasser nach der Vergewaltigung

Von Karl Doemens
17:36

Ein Priester missbrauchte einen siebenjährigen Jungen und nötigte ihn nachher, die angebliche Sünde bei ihm zu beichten. Ein anderer Geistlicher vergewaltigte ein Mädchen, dem gerade die Mandeln herausgenommen worden waren, beim Krankenhausbesuch. Ein dritter Gottesmann wusch den Mund eines neunjährigen Jungen, den er zum Oralsex gezwungen hatte, anschließend mit Weihwasser aus.

Es sind grauenhafte, kaum erträgliche Geschichten, die der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania nach der zweijährigen Durchsicht von 500.000 Dokumenten der katholischen Kirche rekonstruiert hat. Mehr als 300 katholische Priester in diesem Bundesstaat sollen sich in den vergangenen 70 Jahren an Tausenden Kindern vergangen haben. Ein fast 900 Seiten dicker Bericht belegt, dass die Taten von den Kirchenoberen systematisch vertuscht, die Opfer zum Schweigen überredet und die Behörden zur Nachsichtigkeit gedrängt wurden.

Vergewaltigungen als „unangemessene Kontakte“ verniedlicht

„Priester haben kleine Jungen und Mädchen vergewaltigt und die Männer Gottes, die für sie verantwortlich gewesen wären, haben nicht nur nichts getan – sie haben alles versteckt“, heißt es in dem Bericht: „Die Kirche hat ihre Institution geschützt – koste es, was es wolle.“ Man habe die bislang größte Untersuchung über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche der USA abgeschlossen, sagte Generalstaatsanwalt Josh Shapiro. Die Vorwürfe der Vertuschung reichen bis in höchste Kirchenkreise der USA und betreffen auch den derzeitigen Erzbischof von Washington, Donald Wuerl, der früher Bischof von Pittsburgh in Pennsylvania gewesen ist.

Mehr als 15 Jahre nachdem die Geschehnisse um den Priester John Geoghan den Missbrauch durch Geistliche erstmals an die Öffentlichkeit gebracht hatten, ist der Skandal damit für die katholische Kirche in den USA zum alles überlagernden Thema geworden. Nach den ersten Vorfällen im Jahr 2002 waren zwar allerlei Kommissionen eingesetzt und Mechanismen beschlossen worden, die Kinder und Jugendliche vor künftigen Übergriffen schützen sollten. Doch nun zeigt sich, dass damals nur die Spitze des Eisbergs bekannt war und die Selbstreinigungsoffensive zumindest unzulänglich war.

Erst vor wenigen Wochen hatte der emeritierte Washingtoner Erzbischof Theodore McCarrick unter dem Druck neuer Enthüllungen seinen Verzicht auf die Kardinalswürde erklärt. Er soll sich 1971 in der Sakristei der St. Patrick’s Cathedral von New York mehrfach an einem 16 Jahre alten Ministranten vergangen haben, dem er das Messgewand anzupassen vorgab. Doch das ist nur der bekannteste Fall. Insgesamt zwei Jahrzehnte lang missbrauchte der joviale Kirchenführer offenbar minder- und volljährige Männer. Papst Franziskus hat den heute 88-jährigen Priester unter Hausarrest gestellt. Von einem Strafgericht kann er nicht mehr belangt werden, weil die Taten verjährt sind.

McCarrick wurde wie viele andere Vergewaltiger im Talar von einem kirchlichen Schweigekartell geschützt. Priester, die sich an Kindern oder Jugendlichen vergangen hatten, wurden nach Erkenntnissen des Generalstaatsanwalts einfach versetzt. Vorgesetzte, die sie – wie Wuerl – schützten, blieben im Amt. „Die Kirchenoberen folgten geradezu einem Lehrbuch für die Vertuschung“, heißt es in dem Bericht. Vergewaltigungen wurden in den kirchlichen Unterlagen als „unangemessene Kontakte“ verniedlicht, selbst belastete Priester mit der Untersuchung von Kollegen betraut und die Versetzung von Triebtätern gegenüber der Gemeinde mit „gesundheitlichen Problemen“ begründet. In mindestens einem Fall organisierte ein Priester auch eine Abtreibung für ein von ihm vergewaltigtes Mädchen.

Obwohl diese Vorwürfe bereits unfassbar klingen, geben sie wahrscheinlich kein vollständiges Bild über das Ausmaß der kirchlichen Verbrechen. Rund 1000 Opfer wurden identifiziert. Wahrscheinlich gebe es jedoch Tausende mehr, sagte Shapiro. Er glaube, dass viele von ihnen nicht gewagt hätten, über ihre schrecklichen Erlebnisse zu sprechen. Auch seien viele wahrscheinlich schon gestorben.

Der lange Zeitraum bis zur Aufdeckung der Taten durch die jahrzehntelange Vertuschung hilft nun auch den Priestern vor Gericht. Bislang wurden nur zwei Geistliche angeklagt. Der ganz überwiegende Teil der Fälle kann strafrechtlich nicht mehr verfolgt werden, da er verjährt ist. Doch dagegen formiert sich Widerstand: In Pennsylvania kämpft eine Opferinitiative dafür, die Verjährungsregelung während eines bestimmten Zeitfensters außer Kraft zu setzen. Die katholische Kirche lehnt das entschieden ab.

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