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Ein Teil der Queen Elizabeth Gardens in Salisbury ist abgesperrt.
Nowitschok-Vergiftung
Politik

Salisbury hält den Atem an

Von Sebastian Borger
19:01

Er sei heilfroh, sagt Peter Kirkham und wischt sich den Schweiß von der Stirn, „dass dies nicht mein Fall ist“. Während seiner Arbeit als Leiter der Mordkommission bei der weltberühmten Londoner Polizeibehörde Scotland Yard haben seine Beamten immer wieder Grünflächen auf der Suche nach Tatwaffen durchkämmt. „Aber wir wussten auch, wonach wir suchten – blutverschmierte Messer oder Ähnliches.“ Kirkham schaut über die Polizeiabsperrung hinüber zu den Queen Elizabeth Gardens, einen hübschen Park am Ufer des Avon-Flusses im südenglischen Städtchen Salisbury. „Diesmal sind die Kollegen auf Mutmaßungen angewiesen.“

Dass in Salisbury zum zweiten Mal binnen vier Monaten ahnungslose Menschen mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurden, haben die zuständigen Experten bestätigt. Die beiden jüngsten Opfer, Dawn Sturgess, 44, und Charlie Rowley, 45, aus der örtlichen Obdachlosen-Szene, wurden am vorvergangenen Wochenende bewusstlos in einer Wohnung im elf Kilometer von Salisbury entfernten Ort Amesbury gefunden und ins Kreiskrankenhaus eingeliefert. Sturgess verstarb am Sonntag, Rowley ringt mit dem Tod. Die Polizei geht davon aus, dass die beiden einen Behälter mit dem Nervengift berührt haben müssen. Die Dosis des Kampfstoffes sei sehr hoch gewesen, teilte Scotland Yard am Montag mit. 

Der Pensionist Kirkham ist nach Salisbury gekommen, um britischen TV-Sendern bei der Interpretation der Kripo-Informationen zu helfen. Am Sonntag machte auch Innenminister Sajid Javid einen Besuch in dem pittoresken Marktflecken, sprach mit Besuchern und Geschäftsbesitzern, lobte die eingesetzten Fachkräfte von Polizei und Feuerwehr. Der konservative Politiker klang deutlich zurückhaltender als Tage zuvor im Unterhaus, wo er in harschen Worten Aufklärung aus Moskau verlangte. „Wir wollen keine voreiligen Schlüsse ziehen“, sagte Javid vor Ort.

Sie sei „entsetzt und schockiert“, sagte Premierministerin Theresa May in London und kondolierte Sturgess’ Angehörigen. Die Sicherheitsbehörden seien mit Hochdruck dabei, den Mordfall aufzuklären. Von neuen Sanktionen gegen Russland sprachen bislang weder die Regierungschefin noch Innenminister Javid.

Besucher bleiben weg

An den bekannten letzten Aufenthaltsorten der beiden Opfer, darunter auch den Queen Elizabeth Gardens, suchen Beamte nach Hinweisen. Wegen der großen sommerlichen Hitze können sie jeweils nur einige Minuten in ihren Spezialanzügen verbringen. Eingesetzt werden auch Gasmasken und Drohnen. Auf gespenstische Weise wiederholen sich damit in Salisbury die Szenen vom vergangenen März.  Damals waren auf einer Parkbank mitten in Salisbury der von Großbritannien aus russischer Haft freigekaufte Ex-Agent Sergej Skripal, damals 66, und seine 33-jährige Tochter Julia bewusstlos aufgefunden worden. Die Grünfläche am Fluss Avon ist nur wenige Fußminuten entfernt von den Queen Elizabeth Gardens, wo sich Sturgess und Rowley am Abend vor ihrer Einlieferung ins Krankenhaus aufhielten. Die Skripals konnten nach wochenlanger Behandlung entlassen werden; öffentliche Erklärungen zu ihrem Fall haben sie nie abgegeben.

Im Fall der Skripals war die Mordwaffe offenbar auf die Türklinke von Sergejs Haus geschmiert, wie sich den extrem spärlichen Informationen der Sonderkommission entnehmen lässt. Diesmal deutet vieles darauf hin, dass es sich bei den beiden Obdachlosen um Zufallsopfer handelt. Kann es also jedermann treffen? Ist das Gift noch immer wirksam, und wie lange?

Abwarten und Eistee trinken

Auf solche Fragen gibt es keine Antworten. Zum einen wurde Nowitschok nie großflächig angewandt, über die Verweildauer des Kampfstoffes in der Natur ist wenig bekannt. Zum anderen sind sich selbst die Experten nicht einig. Im BBC-Radiomagazin Today streiten zur besten Sendezeit die Fachleute darüber, ob Nowitschok durch die Haut in den Körper eindringt oder nur über den Mund aufgenommen werden kann. Dementsprechend verhalten ist die Stimmung vor Ort. Enttäuscht seien seine Bürger, sagt der Leiter der Stadtregierung, Matthew Dean. Natürlich mache man sich Sorgen um die Besucherzahlen. „Wir wollen doch der Welt sagen, dass es hier sicher ist. Das ist momentan eine Herausforderung.“

Abwartend äußert sich auch Domherr Edward Probert im kühlen Kreuzgang seiner gotischen Kathedrale. Natürlich habe Salisbury einen Schock erlitten, beschreibt der anglikanische Pfarrer die Gefühle seiner Gemeinde. „Aber wir haben uns vor vier Monaten nicht unterkriegen lassen, und das wird diesmal genauso sein.“ 

Damals, nach dem Anschlag auf die Skripals, gingen die Besucherzahlen der Kathedrale kurzzeitig um 40 Prozent zurück, erholten sich dann und verharrten bis Monatsbeginn nur um wenige Prozent unter dem für den Hochsommer zu erwartenden Niveau. „Wir müssen nun abwarten, wie sich das entwickelt.“

Abwarten und Eistee trinken, was bleibt den Leuten in Salisbury auch anderes übrig? Im Stadtzentrum hatte die Gemeindeverwaltung gerade erst große Plakatwände anbringen lassen. Sie verdecken jene Orte wie das Restaurant Zizzi’s an der Straße Market Place oder das idyllisch an einem kleinen Wasserfall des Avon gelegene Pub The Mill, die auch vier Monate nach dem Anschlag noch geschlossen sind. „Salisburys Genesung ist auf gutem Weg“, heißt es darauf, die Fotos zeigen idyllische Szenen aus dem liebevoll renovierten historischen Zentrum.

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