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„Prepper“ - ein Trend aus den USA. Vor allem in ultrarechten Kreisen ist es Mode, sich auf apokalyptische Endzeitszenarien vorzubereiten. In Utah kann man sich einen privaten Bunker kaufen, für 50.000 bis 65.000 Dollar.
Prepper
Politik

Im Endkampf ums Überleben

Von Andreas Förster
11:41

Die Flucht in völkische Siedlungsprojekte auf dem Land ist nur eine Ausdrucksform des nationalistischen Wahns, die „deutsche Rasse“ vor ihrem Untergang zu bewahren. Andere Kräfte aus dem neonazistische Lager bereiten sich dagegen militärisch und logistisch auf den vermeintlich unausweichlichen „Endkampf“ gegen die „Herrschaft des Bösen“ vor, zu der sich aus rechter Sicht Islam, Weltjudentum und der links versiffte Staat zusammengetan haben.

Sie sind sogenannte „Prepper“ – eine Wortschöpfung, die vom englischen Verb prepare (zu deutsch: vorbereiten) abgeleitet ist – und gehören damit zu einer weltweiten, immer stärker werdenden Szene, in der sich Verschwörungsfanatiker, Wutbürger und Wahnsinnige tummeln, aber auch ganz normale Familienväter, die Frau und Kinder vor Stromausfällen, Naturkatastrophen und Chemieunfällen schützen wollen. Und natürlich gibt es da auch jede Menge Geschäftemacher, denn mit der Angst und der Militanz der „Prepper“ lässt sich inzwischen viel Geld verdienen.

Unter die Szene der „Vorbereiter“, die in Kellerräumen Wasserflaschen, Fertigkonserven und Toilettenpapier horten, haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend Rechtsradikale gemischt. Angeheizt durch die Flüchtlingswelle und Buchbestseller, die in immer dramatischeren Szenarien bürgerkriegsähnliche Zustände beschreiben, durch die Deutschland einer Herrschaft von gesetzlosen und natürlich vorwiegend muslimischen Horden unterworfen wird, rüstet sich die Szene auf.

Und das nicht nur mit Knicklichtern, Batterien, dem kleinen Mitnahmeradio und einem mehrteiligen Kochset, sondern auch und vor allem mit Waffen und Sprengstoff. Denn Hilfe von der Bundesregierung – davon sind die rechten Verschwörer überzeugt – ist ja sowieso nicht zu erwarten, weil die bei der deutschen „Umvolkung“ gemeinsame Sache macht mit den Amerikanern und dem „Finanzjudentum“.

Steigende ZahlRechtsextremisten in Deutschland

Seit Jahren registriert das Bundesamt für Verfassungsschutz eine zwar langsam, aber doch stetig wachsende Gruppe von Rechtsextremisten in Deutschland. Dem letzten Bericht zufolge lag deren Zahl bei 24 000, das sind knapp 1000 mehr als im Vorjahr. Diese Gruppe ist aber nur der harte Kern einer viel größer einzuschätzenden rechten Szene, deren Mitglieder eine verfestigte rassistische und  neofaschistische Einstellung eint.  Die ganze Szene aber wird vom  Verfassungsschutz nicht beobachtet, weil das Handeln und Auftreten der meisten Angehörigen – noch – keine unmittelbare Gefahr für das demokratische Gemeinwesen darstellt. 
Auffallend an der offiziellen Statistik ist, dass die Mitgliederzahl in extrem rechten Parteien – hier zählt das Bundesinnenministerium die AfD 
nicht hinzu – seit Jahren rückläufig ist. 2017 lag sie bei bloß noch rund 6000. Bleibt die Frage, wo sich die übrigen mehr oder weniger extremistisch 
agierenden Rechten engagieren, wo sie sich austauschen und organisieren. Tatsächlich haben sich längst am rechten Rand der Gesellschaft 
Parallelwelten gebildet, die auf den ersten Blick abseitig wirken. Mit ihren geschlossenen Systemen, in denen sie häufig konspirativ agieren und kommunizieren, wollen sie sich gegen 
einen vermeintlichen gesellschaftlichen Konsens positionieren. 
Die bewusst gewählte Außenseiterrolle, die in einigen Fällen auch in eine Outlaw-Mentalität mündet, darf man nicht unterschätzen. Denn weil die Szene beständig Zulauf erhält, trägt 
sie systematisch und schleichend zur Aushöhlung der demokratischen Grundfesten bei.

So tönt es auch aus den Büchern, die etwa das Buchhandelsunternehmen Kopp Verlag aus Rottenburg am Neckar vertreibt. Praktisch: Im Online-Shop des Buchversands mit seiner Vorliebe für neurechte Verschwörungstheorien kann man gleich noch Pfefferspraypistolen „zur Tierabwehr“ und das in einer Reisetasche verstaute Fluchtgepäck „Grab & Go Emergency Kit“ mit Pflaster, Teelichtern und Notrationen für vier Personen und drei Tage kaufen. Auch Wasseraufbereitungsanlagen und Regenschirme, die sich als Schlagstock eignen, sind hier im Angebot.

Schusswaffen konnten rechte Prepper unter anderem über ein seit 2016 noch bis vor einigen Monaten betriebenes Internetportal mit dem Namen „Migrantenschreck“ ordern. Die Betreiber der Webseite hatten explizit empfohlen, die Schusswaffen gegen Flüchtlinge und politische Gegner einzusetzen.

Im Angebot waren dort Revolver, Pistolen und Gewehre, die zwar Plastikkugeln statt scharfer Munition verschießen; weil die Geschosse aber mit bis zu 120 Joule Mündungsenergie verballert werden und damit lebensgefährliche Verletzungen hervorrufen können, sind sie in Deutschland verboten.

Mutmaßlicher Chef des illegalen Waffenversandhandels war der Thüringer Rechtsextremist und Pegida-Aktivist Mario Rönsch. Er wurde im März in Ungarn festgenommen und vor zwei Monaten an Deutschland ausgeliefert. Der jetzt erhobenen Anklage der Berliner Staatsanwaltschaft zufolge veräußerten Rönsch und seine mutmaßlichen, noch unbekannten Komplizen über eine von ihnen betriebene ungarische Firma in fast 200 Fällen Schusswaffen illegal an mehrere in Deutschland wohnende Käufer.

Bewaffnet, allerdings mit „richtigen“ Schusswaffen, sind auch die Mitglieder einer Anfang 2016 in Mecklenburg-Vorpommern gegründeten Prepper-Gruppe namens „Nordkreuz“. Die meisten ihrer Angehörigen, die sich nach eigener Aussage gemeinsam auf den „Tag X“ vorbereiten, verfügen als Jäger oder Sportschützen legal über Gewehre und Pistolen. Zu den 30 Mitgliedern der Gruppe gehören Banker, Mediziner, Sportler, Ingenieure, Handwerksmeister und Polizisten. Einige von ihnen sind Mitglieder der AfD.

RechteReichsbürger

Selbstverwalter und Reichsbürger haben sich zu einer gefährlichen Strömung in der rechten Szene entwickelt. Die Zahl dieser Personen, die die Bundesrepublik und ihr Rechtssystem nicht anerkennen und sich deshalb weigern, Steuern und Bußgelder zu bezahlen oder Gerichtsbeschlüsse und Verwaltungsentscheidungen zu befolgen, wird auf rund 15 000 geschätzt. Etwa 900 von ihnen gelten als gewaltbereite Rechtsextremisten. Laut Bundeskriminalamt sollen Reichsbürger von 2015 bis Mitte 2017 mehr als 10 500 Straftaten begangen haben.

RechteNeue Rechte

Die heterogene, rechtsextremistische politische Strömung grenzt sich von dem „alten“ Nationalsozialismus ab. Sie ist intellektuell ausgerichtet und sucht Querverbindungen ins konservative Spektrum. Zur Neuen Rechten zählen unter anderem die Identitären-Bewegung, rechte Medien wie Compact, Ken FM, der Kopp Verlag und Junge Freiheit sowie das Institut für Staatspolitik (IfS) und andere Denkfabriken. Ihr Propagandaapparat nutzt die sozialen Medien mit einer Melange aus mal plump formulierten, mal intellektuell verbrämten Texten zur Verbreitung völkischer und rassistischer Ideen.

RechteKampfsport

In der rechtsextremistischen Szene hat Kampfsport in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Einerseits geht es um die Vorbildwirkung für die Kameraden, sich für den „Kampf auf der Straße“ gegen politische Gegner und Ausländer zu stählen. Andrerseits haben „Kampf“ und ein damit verbundener völkisch-rassistischer Körperkult auch eine wichtige ideologische Bedeutung für die extreme Rechte. Nicht zuletzt dient die internationale Vernetzung rechter Kampfsportstrukturen auch als identitätsstiftendes Element einer paneuropäischen „weißen Kampfgemeinschaft“.

RechteCombat18

Combat18 Deutschland (C18) ist eine in den letzten Jahren reorganisierte, bundesweit vernetzte Organisation, die sich am terroristischen Konzept des führerlosen Widerstands („leaderless resistance“) orientiert. Sie ist Teil eines 2012 unter der Parole „Reunion 28“ neu aufgestellten internationalen C18-Netzwerks. Anfang der 1990er Jahre war C18 in Großbritannien als neonazistisch-terroristische Untergrundorganisation entstanden. 1999 wurde die Organisation in Deutschland verboten. In mehreren Bundesländern sind C18-Gruppen aber wieder aktiv. 

Einer der Polizisten von „Nordkreuz“, Marko G., hatte dem „Spiegel“ vor einem Jahr berichtet, dass sich die Gruppe auf den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung vorbereite, etwa durch eine „Flüchtlingswelle“, einen Bankencrash oder Stromausfälle, die durch Anschläge verursacht werden. Man betreibe ein gemeinsames Schießtraining, tausche politische Meinungen aus und diskutiere, welche Vorräte anzulegen sind.

Allerdings war die Gruppe im vergangenen Jahr ins Visier der Bundesanwaltschaft geraten, weil bei zwei Mitgliedern Datensätze mit Namen, Anschriften und Telefonnummern von mehreren Tausend als „Feinde“ bezeichneten Personen gefunden wurden. Vergleichbare „Todeslisten“ hatten Sicherheitsbehörden in der Vergangenheit schon bei der Zwickauer Terrorzelle NSU sowie bei anderen Rechtsextremisten sichergestellt.

Die Karlsruher Behörde geht daher vom Verdacht der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat aus. Die beiden beschuldigten „Nordkreuz“-Mitglieder sollen eine befürchtete Staatskrise als Chance gesehen haben, Vertreter des politisch linken Spektrums festzusetzen und zu töten. Im April wurden noch einmal mehrere Objekte der „Nordkreuz“-Mitglieder durchsucht, darunter ein Schießstand in Güstrow. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

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