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Prostituierte in Madrid.
Prostitution
Politik

Hass gegen Sexarbeiterinnen?

Von Martin Dahms
10:45

Magdalena Valerio, Spaniens Arbeitsministerin, ist seit drei Monaten im Amt – und jetzt mit einem Schlag bekannt geworden. Vor ein paar Tagen nahm sie ein Exemplar des Offiziellen Staatsbulletins und zerriss es, so empört war sie. In der Ausgabe vom 4. August dieses Jahres musste sie lesen, dass ihr eigenes Haus einer „Organisation von Sexualarbeiterinnen“ die Zulassung erteilt hatte. Man habe ihr ein „unhaltbares Tor“ geschossen, klagte sie. Das sei „eines der größten Ärgernisse meines politischen Lebens“.

Die 58-jährige Sozialistin, die seit 20 Jahren vom Politikmachen lebt, bezeichnet sich selbst als Feministin, und in dieser Eigenschaft hält sie Selbstorganisation von Prostituierten für einen Frevel. Die Prostitution sei in Spanien „nicht legal“ und verletze „die Rechte der Frauen“. Sie gab den Juristen ihres Ministeriums den Auftrag, nach Wegen zu suchen, wie die Anerkennung der Prostituiertengewerkschaft wieder rückgängig zu machen sei. Der Rest der Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez steht auf Valerios Seite, die konservative Volkspartei ebenso.

Ansonsten fällt die Reaktion in Spanien auf den ministeriellen Wutanfall zwischen amüsiert und konsterniert aus. Dass ausgerechnet eine Arbeitsministerin eine Arbeiterorganisation verbieten will, kommt nicht alle Tage vor.

„Der abolitionistische Feminismus trägt einen moralinen, aus den Eingeweiden kommenden Hass gegen die Sexualarbeiterinnen in sich“, schimpfte die Sprecherin der aus Versehen anerkannten Prostituiertengewerkschaft, Concha Borrell, gegen die Ministerin zurück. Offenbar sei es in Spanien unmöglich, gewöhnliche Arbeiterrechte für Prostituierte einzufordern: Arbeitsverträge mit den Bordellbetreibern, Krankschreibungen, Mutterschaftsurlaub, ein regelmäßiges Monatseinkommen, Anspruch auf Ferien, Altersrente, zählt Borrell auf.

Dass die Prostitution in Spanien „nicht legal“ sei, wie Valerio behauptet, ist nur die halbe Wahrheit. Sie ist nämlich auch nicht illegal. Zehntausende, vielleicht auch Hunderttausende Frauen und eine deutlich kleinere Zahl von Männern gehen ihr in Spanien nach. Die Bordellbetreiber besitzen ihre eigene, zugelassene Organisation.

Doch der Gesetzgeber hat bisher darauf verzichtet, sich näher mit der Prostitution zu befassen. Das ließe sich auf zwei Weisen tun: durch Verbot (das wäre der abolitionistische Weg) wie in Schweden oder durch Regulierung wie in Deutschland. Offenbar neigt Spaniens sozialistische Regierung dem ersten Weg zu. Über das Thema sei aber im Ministerrat noch nicht gesprochen worden, sagte die Regierungssprecherin Isabel Celaá am Freitag. Prostitution wird es in Spanien also auf absehbare Zeit weiter geben, unreguliert und im Dunkeln.

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SchlagworteArbeitsminister