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Der vorbestrafte Neonazi Hupke fordert, dass seine Gesinnungsfreunde nach eigenen, im Einklang mit der nationalsozialistischen Weltanschauung und deutscher Kultur stehenden Gesetzen leben.
Rechte Parallelwelten
Politik

Biobauern mit Nazi-Ideologie

Von Andreas Förster
15:13

Zufällig kommt man kaum vorbei im kleinen Dorf Bornitz. Die 500-Seelen-Gemeinde im sachsen-anhaltinischen Dreiländereck zu Thüringen und Sachsen liegt etwas abseits der großen Bundes- und Landesstraßen. Im Burgenlandkreis: Einen Landgasthof gibt’s hier, einen Bäcker, eine Kita, zwei Straßen – das war’s. Doch ein neuer Bewohner hat das verschlafene Nest jetzt kurzzeitig ins Fernsehen und in die Schlagzeilen gebracht: der als NSU-Helfer verurteilte Neonazi Ralf Wohlleben.

Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft kehrte der 43-Jährige nicht wie erwartet in seine Heimatstadt Jena zurück. Er ist auf das Land gezogen, in das kleine Bornitz, auf den Bauernhof seines Gesinnungskameraden Jens Bauer. Im Münchner NSU-Prozess war Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord – er hatte die Ceska besorgt, mit der die NSU-Terroristen neun Migranten töteten – zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt worden.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, weshalb sein Haftbefehl Mitte Juli nach sechs Jahren und acht Monaten Untersuchungshaft aufgehoben wurde. Seitdem lebt Wohlleben mit seiner Familie in „geordneten Verhältnissen“, wie es seine Anwälte in der Antragsbegründung für die Aufhebung des Haftbefehls angekündigt hatten.

Die „geordneten Verhältnisse“ sind allerdings von zweifelhafter Natur. Wohllebens Gastgeber Jens Bauer, einst Magdeburger NPD-Chef und bekennender Nationalsozialist, steht seit 2015 der „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“ vor. Der Verein wird vom Verfassungsschutz als völkisch-rassistisch und antisemitisch-revisionistisch eingestuft.

EX-NPD Mann Jürgen Rieger veranstaltete Feste

Unter Führung von Jürgen Rieger – Rechtsanwalt, Holocaustleugner und zeitweiliger NPD-Vizechef – erlangte die Artgemeinschaft ab 1989 bundesweite Bedeutung. In Riegers bis 2009 andauernder Regentschaft entwickelte sich das „Schulungszentrum“ des Vereins in Hetendorf in der Lüneburger Heide zu einem zentralen Treff- und Schulungsort rechtsradikaler und rechtsterroristischer Kräfte. Auch Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt weilten dort auf einem der zahlreichen, als germanische Feste getarnten Nazi-Treffen.

Es wäre gleichwohl falsch, die Artgemeinschaft als reine Tarnorganisation abzutun. Tatsächlich pflegen die schätzungsweise 300 Mitglieder einerseits heidnische und germanische Bräuche wie Julfeste und Sonnenwendfeiern und verehren – inzwischen längst als Erkennungszeichen der neonazistischen Szene missbrauchte – germanische Symbole als heilige Zeichen; andererseits leben und propagieren sie einen an der Rassentheorie des Nationalsozialismus orientierten „reinrassigen“ Lebensstil von Menschen „nordisch-germanischer Art“, in dem die „gleichgeartete Gattenwahl (und) die Gewähr für gleichgeartete Kinder“ sowie „Härte und Hass gegen Feinde“ vorgeschrieben sind.

Die überwiegend auf dem Land angesiedelten Mitglieder der Artgemeinschaft betreiben häufig eine traditionelle, an umweltgerechten Bio-Maßstäben orientierte Landwirtschaft und engagieren sich in der Pflege von dörflichen Traditionen.

Darin bilden die Artgemeinschaftler eine Schnittmenge mit der stetig wachsenden Zahl der sogenannten Völkischen Siedler. Bundesweit haben nach Schätzungen der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung (AAS) mehr als eintausend rechtsnationale Siedler Höfe und Häuser auf dem Land erworben. Sie berufen sich auf die Bewegung der Artamanen aus den 1920er Jahren – junge, „völkisch“ gesinnte Menschen waren das, die ihre Blut-und-Boden-Ideen in einer Dorfgemeinschaft mit Naturromantik und nordischen Bräuchen umsetzen wollten.

Die neuen Artamanen kommen häufig aus der NPD und NPD-nahen Kreisen sowie aus neonazistischen Kinder- und Jugendorganisationen, wie etwa der inzwischen verbotenen Wiking-Jugend und der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ).

Steffen Hupka zitiert völkische Utopien aus dem Gefängnis

Nach Erkenntnissen der AAS ziehen immer mehr Neonazis mit ihren Familien in kleine Dörfer, bauen dort eine ökologische Landwirtschaft und kleine Handwerksbetriebe auf, holen Gesinnungsgenossen nach und übernehmen auf diese Weise nach und nach „ihr“ Dorf. Dort knüpfen viele der rechten Bauern an Aspekte von Esoterik, Öko-Bewegung und Tierschutz an, womit sie einen Lifestyle bedienen, der voll im Trend liegt. Vorbehalte unter alteingesessenen Dörflern sind selten, auch weil sich die braunen Siedler zu Brauchtum und Tradition bekennen und sich nach außen unpolitisch und als harmlose nette Nachbarn geben.

Eine radikal-utopische Vision von völkischen Siedlungsprojekten hat der mehrfach vorbestrafte Neonazi Steffen Hupka in seiner 2010 im Gefängnis verfassten Schrift „Neue Wege“ skizziert. Darin fordert er seine Gesinnungsfreunde zum Rückzug aufs Land auf, wo das nationale Lager in „Wehrdörfern“ die „geistige, seelische, kulturelle und schließlich biologische Auslöschung des deutschen Volkes“ aufhalten soll. Diese Dörfer sollen laut Hupka autark existierende deutsche Enklaven sein, in denen „reinrassiger“ Nachwuchs gezeugt wird und aufwachsen soll.

Nach seinen Vorstellungen verrichten alle dort lebenden Männer und Frauen körperliche Arbeit wie Landwirtschaft, Viehzucht, Hausbau, Handwerk und Stromerzeugung und leben nach eigenen, im Einklang mit der nationalsozialistischen Weltanschauung und deutscher Kultur stehenden Gesetzen. Die Kinder besuchen die dorfeigene Schule, in gemeinsamen Veranstaltungen wird allen Dorfbewohnern die „arteigene Anschauung und Lebensart“ vermittelt.

Auch wenn Hupkas Vorstellungen hierzulande kaum umzusetzen wären, bilden seine Ideen doch eine wesentliche Grundlage des Selbstverständnisses völkischer Siedler ab. Und das Projekt einer „schaffenden“ Tätigkeit auf der eigenen Scholle und im eigenen Handwerksbetrieb als bewusstes Gegenstück zum antisemitischen Klischee des „raffenden“ Finanzkapitals findet in rechten Kreisen immer mehr Zuspruch. Experten haben bislang in allen ostdeutschen Bundesländern sowie in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bayern und Hessen solche Wohnprojekte identifizieren können.

Eine besondere Konzentration gibt es in Mecklenburg-Vorpommern, wo es über ein Dutzend solcher völkischen Ansiedlungen gibt. Seit Juli 2016 existiert zudem eine von NPD-Mitgliedern und früheren HDJ-Anhängern ins Leben gerufene „Mecklenburg-Vorpommersche-Strukturentwicklungs-Genossenschaft e. G.“. Die rechte Genossenschaft bezweckt durch den Erwerb und die Bewirtschaftung von Grundstücken und Immobilien offiziell die „allgemeine Förderung der sozialen Strukturentwicklung“ in dem Bundesland. Auf ihrer Internetseite prangt der Slogan: „Alle für eine Idee!“

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