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Das Fest wurde am Sonntag abgebrochen.
Rechtsextremismus
Politik

Menschenjagd in Chemnitz

Von Katja Thorwarth
21:52

Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen in Chemnitz sind hunderte Rechtsradikale durch die sächsische Stadt gezogen; die Polizei sprach von 800 Menschen, die sich  am Sonntag gegen 16.30 Uhr versammelten.  

Auf Facebook hatte eine Ultra-Gruppe des Chemnitzer FC das Motto ausgerufen: „Zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat.“ Dem kam die Masse nach und veranstaltete regelrechte Jagdszenen auf Migranten, wie Nutzer auf Twitter schrieben. In einem Video ist zusehen, wie dunkelhaarige Menschen von pöblenden Rechten gejagt werden. „Haut ab! Was ist denn, ihr Kanaken?“ Zu sehen ist, wie ein dunkel gekleideter Mann einem deutlich jüngeren hinterher rennt und nach ihm tritt. 

Auf ihrem Marsch durch die Stadt brüllten sie Parolen wie „Ihr seid hier nicht willkommen“, „Elendes Viehzeug“ oder gar „Für jeden toten Deutschen, einen toten Ausländer“. Es kam zu einem kleinen Scharmützel, da sich offenbar ein rechter Pöbler an einem Kiosk mit Bier versorgt hatte. „Wir gehen doch nicht für die Spacken auf die Straße, dass Du Dir hier beim Ausländer Bier holst.“ Dann ein größerer Aufruhr: „Zecken!“, die Rechten begannen, Menschen hinterher zu laufen, was eine Frau belustigt kommentierte: „Wie die rennen, die Zecken, das gibt's ja nicht.“ Schließlich wurden mit „frei, sozial und national“ weitere offen rechtsextreme Parolen gebrüllt. 

Beachtlich, dass die aufgebrachte Menge von der Polizei weitestgehend unbehelligt agieren und Jagd auf mutmaßlich Nichtdeutsche machen konnte. Es wurden auch Flaschen in Richtung Polizei geworfen, die überfordert schien von der Situation. Bei einer Rangelei wurde mindestens ein Beamter verletzt. Nach eigenen Angaben sollen sie zunächst „nur mit geringen Kräften vor Ort“ gewesen sein.

Angaben über mögliche Festnahmen gibt es derzeit nicht. Der Polizei zufolge lagen zunächst vier Anzeigen vor: „Hierbei handelt es sich um zwei Anzeigen wegen Körperverletzung, eine Anzeige wegen Bedrohung sowie eine Anzeige wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte.“

Auslöser des Aufzugs war der Tod eines 35-Jährigen in der Nacht auf Sonntag. Nach Angaben der Polizei war es gegen 3.15 Uhr zu einer „tätlichen Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen unterschiedlicher Nationalitäten gekommen“. Dabei wurden drei Männer im Alter von 33, 35 und 38 Jahren schwer verletzt. Der 35-Jährige erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. 

Mittlerweile hat die Polizei Gerüchte über ein zweites Todesopfer dementiert. „Entgegen anderslautender Gerüchte gibt es nach dem Zwischenfall in Chemnitz keinen zweiten Todesfall“, schrieb die Polizei am Montag bei Twitter. Damit reagierten die Beamten auf Gerüchte, die in sozialen Medien verbreitet wurden. Neue Erkenntnisse zu dem Vorfall gebe es bislang nicht, sagte eine Polizeisprecherin. Die Ermittlungen liefen. Die Staatsanwaltschaft Chemnitz und die Polizeidirektion Chemnitz ermitteln wegen des Verdachts des Totschlags.

Am Montag sind erneut mehrere Demonstrationen geplant. Die rechte Bürgerbewegung „Pro Chemnitz“ mobilisiert bereits auf Facebook. Linke Gruppen kündigen in den sozialen Netzwerken Gegenproteste an. Derweil hat auch die Bundesregierung die sächsische Menschenjagd  „aufs Schärfste“ verurteilt. (mit Agentur)

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