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Derzeit gibt es keine Hinweise auf einen politischen Hintergrund der Tat in Köthen.
Sachsen-Anhalt
Politik

Kein zweites Chemnitz in Köthen

Von Kai Gauselmann
14:42

In der Nacht zu Sonntag ist der 22-jährige Markus B. in Köthen nach einer Auseinandersetzung mit zwei Afghanen gestorben. Wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Sonntagabend mitteilten, starb der Mann an Herzversagen. Das habe die Obduktion ergeben. Das akute Herzversagen stehe demnach „nicht im direkten kausalen Zusammenhang mit den erlittenen Verletzungen“. Die Behörden ermitteln nun wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Derweil mobilisieren Rechtsextreme in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, sie wollen aus Köthen das „nächste Chemnitz“ machen. Mehrere Hundertschaften Polizisten waren im Einsatz, um Ausschreitungen zu verhindern. Die FR erklärt, was wir wissen und was nicht:
 
Wie starb der 22-Jährige?
Es soll eine körperliche Auseinandersetzung zwischen Markus B. und seinem Bruder auf der einen und zwei Afghanen auf der anderen Seite gegeben haben. Dabei soll der 22-Jährige zu Fall gekommen und mit dem Kopf aufgeschlagen sein. Laut Zeugenaussagen soll Markus B. von einem oder mehreren Afghanen gegen den Kopf getreten worden sein. Markus B. soll eine ernste kardiologische Vorerkrankung gehabt haben. Er hat nach Augenzeugenberichten zunächst noch nach dem Sturz gelebt und soll nicht geblutet haben, dann sei er aber blau angelaufen und kollabiert. Er starb später im Krankenhaus an Herzversagen. 

Wie kam es zum Streit?
Nach Informationen der „Mitteldeutschen Zeitung“ (MZ) sollen zunächst drei Afghanen mit einer schwangeren deutschen Frau gestritten haben. Erst in einer Wohnung und dann weiter auf dem Köthener Karlsplatz, einem bei Jugendlichen des Viertels beliebten Treffpunkt. Es ging darum, wer der Vater ihres noch ungeborenen Kindes sei. Unklar ist, ob sich Markus B und sein Bruder dort ungefragt in den Streit einmischten oder ob sie der Frau beistanden, weil diese um Hilfe rief. 

Was weiß man über die Beteiligten?
Der dritte Afghane soll sich an der körperlichen Auseinandersetzung nicht beteiligt haben. Die beiden anderen – der Hauptverdächtige ist 20, der zweite 18 Jahre alt – sollen polizeibekannt sein. Gegen beide wurde am Sonntagabend Haftbefehl erlassen. Der 20-Jährige soll eine Aufenthaltserlaubnis haben, der 18-Jährige hingegen sollte eigentlich bereits abgeschoben werden. Das wurde nach „MZ“-Informationen bisher verhindert, weil gegen ihn die Staatsanwaltschaft wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Allerdings soll die Staatsanwaltschaft Dessau am vergangenen Donnerstag doch grünes Licht für die Abschiebung gegeben haben – das entsprechende Schreiben hatte den Kreis aber noch nicht erreicht. Bei dem zweiten beteiligten Deutschen soll es sich um den 27-jährigen Bruder von Markus B. handeln. Er soll den Behörden als Rechtsextremist aufgefallen sein.

Hat die Tat einen politischen Hintergrund?
Derzeit gibt es keine Hinweise auf einen politischen Hintergrund. Die Polizei hat die beiden Afghanen wegen des Anfangsverdachts eines Tötungsdeliktes festgenommen. 

Wie geht es jetzt weiter?
Rechtsextreme sehen eine Parallele zu dem Tod eines 35-Jährigen in Chemnitz und versuchen, nun in Köthen zu mobilisieren. Am Sonntagabend nahmen rund 2500 Menschen an einem „Trauermarsch“ teil, zu dem rechte Gruppierungen in sozialen Netzwerken aufgerufen hatten. Rund 200 Menschen demonstrierten zuvor gegen rechte Hetze. 

Krawalle wie in Chemnitz gab es zwar keine. Doch die Kundgebung war zeitweise aggressiv, aus dem Teilnehmerkreis erschallten Rufe wie „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, „Wir sind das Volk“ oder „Lügenpresse“. Als ein Beobachter die Szenerie mit einem Handy filmte, wurde er geschubst. Die Polizei griff schnell ein.

Von der Landeskirche Anhalt über die SPD bis zur CDU bekundeten Vertreter gesellschaftlicher Institutionen und Parteien den Angehörigen des Opfers ihr Beileid – riefen aber gleichzeitig zur Besonnenheit auf. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagte dazu: Er habe vollstes Verständnis für die Betroffenheit der Bürger. „Dennoch bitte ich um Besonnenheit. Wir werden alle Mittel des Staates konsequent einsetzen“. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) mahnte, die Politik solle diesen traurigen Anlass nicht instrumentalisieren. Bei aller Emotionalität sei jeder Versuch zurückzuweisen, aus Köthen „ein zweites Chemnitz machen zu wollen“. (mit dpa)

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