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Gegenöffentlichkeit schaffen: Zahlreiche Menschen folgten am Montagabend einem Demonstrationsaufruf des Bündnisses Chemnitz Nazifrei.
Rechtsextremisten in Chemnitz
Politik

Den Opfern, die gejagt werden, eine Stimme geben

Von Nadja Erb
09:41

Frau Amler, in Chemnitz haben sich offenbar auch viele „Normalbürger“ den von Rechtsextremen organisierten Aufmärschen angeschlossen. Kann man mit diesen Menschen noch über Ausländerfeindlichkeit reden?
Man muss hier klar unterscheiden zwischen sogenannten Normalbürgern, harten Neonazis und Menschen, die zwar zu einem bürgerlichen Auftreten gefunden haben, aber Funktionärsrollen ausfüllen in neurechten wie altrechten Kontexten. Ich bin überzeugt, dass, wer sich einer solchen Demonstration anschließt, keinerlei Hemmungen mehr hat, offen zu seinem Rassismus zu stehen. Inwiefern man mit den Leuten sprechen kann, muss man von Einzelfall zu Einzelfall und auch kontextabhängig entscheiden. Wichtiger erscheinen mir in Bezug auf Chemnitz aber im Moment zwei ganz andere Dinge.

Und das wären?
In Chemnitz ist es erst einmal ganz, ganz wichtig, den Opfern Solidarität zu zeigen, ihnen Schutz und Hilfe anzubieten. Dass man ihnen Sicherheit gibt und klarmacht: Ihr seid nicht allein in dieser Stadt, in diesem Land. Das gilt es allem voranzustellen. Meine Wahrnehmung der Berichterstattung ist gerade, dass den Opfern, die gejagt werden, die verprügelt werden, überhaupt keine Stimme gegeben wird.

Und wie sollen diejenigen, die sich an die Seite der Opfer stellen wollen, die Täter adressieren?
Das wäre Punkt zwei. Es ist dringend notwendig, immer wieder rote Linien zu ziehen. Das ist in Chemnitz offenkundig viel zu lange nicht passiert. Da wurde offenem Rassismus in allen möglichen Kontexten – politisch wie gesellschaftlich – viel zu wenig entgegengetreten. Hier ist es wichtig, dass mehr Menschen den Mut finden, sich dem entgegenzustellen. Auch in ihrem direkten Umfeld, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der U-Bahn, indem sie sagen: „Du überschreitest hier eine rote Linie, das ist nicht der gesellschaftliche Konsens, den du abbildest, du stehst außerhalb dessen, wie wir zusammenleben wollen.“ Denn bevor es zu solchen Vorfällen wie jetzt in Chemnitz kommt, haben Menschen ihre rassistischen Parolen lange vorher schon in anderen Zusammenhängen geäußert, haben sich ausprobiert auf der Straße, in der Öffentlichkeit, im Privaten.

Experten aus Beratungsstellen und sozialer Arbeit beklagen, dass Menschen mit fremdenfeindlichen Denkmustern für Argumente und Fakten kaum noch zugänglich sind. Muss man sich damit abfinden?
Nein. Im öffentlichen Raum geht es zwar in erster Linie darum, Gesicht zu zeigen für Offenheit und Toleranz, die schweigende Mehrheit sichtbar zu machen. Und man braucht natürlich auch ganz andere Strategien, wenn es um die Auseinandersetzung mit harten Neonazis oder AfD-Funktionären am Parteistand geht. Aber wenn ich einzelne Personen in meinem Umfeld habe, die ich erreichen kann, kann ich noch versuchen, eine Gesprächsbasis zu finden. Dann darf man schon einfordern, dass das Gegenüber seine Meinung belegt und darlegt, wie er oder sie zu seiner Einschätzung kommt. Und dann kann man diskutieren und nach Lösungen suchen. Man darf schon klarmachen, dass es nicht reicht, seinen Hass rauszubrüllen, wenn man ernst genommen werden will.

Das ist der Punkt, an dem Ihr Programm Stammtischkämpfer*innen ansetzt. Was muss ich als Privatmensch können oder lernen, um mich der alltäglichen Hetze oder fremdenfeindlichen Vorurteilen entgegenstellen zu können?
Zunächst muss man natürlich schauen, dass man ausreichend geschützt ist und sich nicht selbst in Gefahr begibt. Aber jedem von uns kann es immer wieder passieren, dass wir Zeuge rassistischer Beleidigungen werden oder mitbekommen, dass jemand eine solche Parole raushaut. Dann gibt es oft eine Schrecksekunde und die Frage, „was mach ich jetzt bloß?“. Und diese Schrecksekunde zu überwinden, das kann man üben. Wir bieten deshalb Workshops an, in denen es darum geht, für Selbstermächtigung zu sorgen, ohne dass man gleich das Theorie-Paket „Rassismus“ von A bis Z auswendig können muss. Und wir schauen uns Gesprächssituationen genau an, denn natürlich rede ich mit meinem Opa anders als mit einem Fremden in der Bahn.

Bleiben wir doch bei diesem Beispiel. Ich werde Zeuge, wie jemand in der Bahn beleidigt oder angepöbelt wird. Was tue ich?
Zunächst sollte es darum gehen, Solidarität mit dem Opfer zu zeigen, ihm zu signalisieren, dass es nicht allein ist. In zweiter Linie geht es darum, klarzumachen, wer sich hier ins Abseits gestellt hat: Nämlich der Pöbler und nicht der, der beleidigt wurde. Dazu kann ich zum Beispiel auch andere Umstehende mobilisieren, das Wort zu ergreifen.

Die Rechten wissen, wie sich mit einem Geflecht aus Halbwahrheiten, Fake News und emotional aufgeladenen Narrativen Stimmung machen lässt. Da reicht es doch nicht zu sagen: „Von ‚Messermigration‘ zu sprechen ist falsch und rassistisch und ich lehne das ab“. Mit welchen Strategien wollen Sie dem begegnen?
Dazu müssen wir vor allem eine gesamtgesellschaftliche Debatte über unser Bildungssystem führen. Was läuft denn falsch, wenn so viele Menschen offensichtlich keine Ahnung mehr davon haben, was rechtsstaatliche und demokratische Grundsätze und Menschenrechte sind? Was wir als Initiative konkret tun können, ist, dass wir Multiplikatoren ausbilden, sich zu vernetzen, Gruppen aufbauen, die diese Stammtischkämpfer*innen-Ausbildung anbieten. Wir müssen Bildungsangebote wie dieses in die Breite bringen. So können wir möglichst viele Menschen dazu befähigen und ermutigen, sich auf solche Diskurse einzulassen und sichtbar Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Interview: Nadja Erb

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