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Viele Ostdeutsche zieht es aus dem Westen zurück in ihre Heimat.
Rückkehrer
Politik

Der Osten ruft

Von Markus Decker
12:51

Es ist erst wenige Monate her, dass Stephanie Auras-Lehmann ein Buch veröffentlichte. Es hat einen hoffnungsvoll grünen Einband und einen sehr einfachen Titel: „Heeme“ – was übersetzt so viel bedeutet wie „heimwärts“ oder auch: „zu Hause“. Auf 73 Seiten schildert die 1982 geborene Reiseverkehrskauffrau, wie sie aus der südbrandenburgischen Kleinstadt Finsterwalde auszog gen Weilburg in Hessen, Leipzig, Berlin und – für ein sechswöchiges Praktikum – nach New York, um 2009 schließlich den Rückweg anzutreten.

Zwar war es anfangs schwierig. Auras-Lehmann schrieb in Finsterwalde 124 Bewerbungen – ergebnislos. Der Erfolg kam erst, als sie 2012 anfing, andere Rückkehrer zu beraten. Daraus sind die Initiative „Comeback Elbe-Elster“ und ein eigener „Heimatladen“ entstanden.

Werben um Rückkehrer

Als Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) 2016 zu Besuch erschien, war dies der Durchbruch. Mittlerweile koordiniert die Mutter von zwei Kindern die anderen etwa ein Dutzend Rückkehrer-Initiativen, die es in Brandenburg sonst noch gibt.

Ostdeutschland ist seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Landstrich, aus dem unentwegt Menschen abwandern. Bis 1989 flohen sie vor politischer Unterdrückung und des niedrigeren Lebensstandards wegen. Nach 1989 gingen sie aufgrund der wuchernden Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen geringeren Entfaltungsmöglichkeiten – in den ersten 20 Jahren des wieder vereinigten Deutschland waren dies immerhin mehr als vier Millionen Menschen.

Das wiederum war nicht bloß traurig für die Zurückbleibenden, sondern verschärfte die Lage, weil Schulen schließen mussten, Buslinien wegfielen, Fachkräfte fehlten. Mit anderen Worten: Die Abwanderung verschärfte die Krise auf dem Land zusätzlich.

Ministerpräsident Woidke sagte im Frühjahr: „Die Folgen der Abwanderung vor allem junger Menschen sind enorm. Es ging nicht nur eine halbe Elterngeneration verloren, es verschwanden Fachkräfte, Ehrenamtler und nicht zuletzt Steuerzahler.“

Seit sich die ostdeutschen Arbeitslosenquoten, die in den 1990er Jahren nominal bei 25 Prozent und real bei 50 Prozent lagen, den westdeutschen angeglichen haben, hat freilich eine Gegenbewegung eingesetzt. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zum Beispiel hat schon 2012 Baden-Württembergs reiche Landeshauptstadt Stuttgart aufgesucht, um Sachsen-Anhalter zur Heimkehr zu animieren. Längst existieren in allen fünf Ostländern einschlägige Initiativen – mal zivilgesellschaftlich entstanden, mal von den Landesregierungen gesteuert. In Sachsen gibt es ein „Rückkehrnetzwerk“ und in Sachsen-Anhalt ein „Welcome-Center“. In Thüringen fand im Mai die sechste „Jobmesse für Pendler und Rückkehrer“ statt. Mecklenburg-Vorpommern liefert unter „mv4you“ Infos für Rückkehrer und „Heimatverliebte“.

Erst kürzlich kam das Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig zu dem Ergebnis, dass Fachkräfte in den östlichen Bundesländern eine deutlich verbesserte Situation auf dem Arbeitsmarkt vorfänden und es deshalb immer mehr Ostdeutsche zurück ziehe.

Stephan Auras-Lehmann und ihre Mitstreiter haben bisher rund 400 Beratungen durchgeführt; schätzungsweise 100 Südbrandenburger haben am Ende Ernst gemacht. Nicht jede Rückkehr sei erfolgreich, sagt sie. „Es gibt auch Leute, die scheitern.“ Manche hätten sich an einen anderen Lebensstil gewöhnt und merkten, dass es einen Unterschied mache, ob man zurückkehren wolle – oder es tue. Und gute Jobs seien unverändert rar, so wie gute Ärzte. Eine Familie mit einem herzkranken Kind zum Beispiel habe sich fürs Erste entschieden, in der Nähe der Berliner Charité zu bleiben.

Allerdings liegen die Vorteile für Heimkehrer auf der Hand. Dazu zählen neben der emotionalen Verbundenheit mit der jeweiligen Region meist deutlich geringere Lebenshaltungskosten. Während eine Immobilie in München für viele Menschen unbezahlbar ist, kriegt man ein leerstehendes Haus in Finsterwalde auch schon mal „fürn Appel und en Ei“. Ein weiterer Vorteil für Auras-Lehmann, ihren ebenfalls berufstätigen Mann und gewiss nicht für die beiden allein: Sie können ihre Kinder schon mal bei den Großeltern abgeben. Würden sie in Berlin leben, wäre das nicht möglich.

Noch cooler ist, dass der Heimatbegriff plötzlich so populär erscheint wie seit Jahrzehnten nicht. In Berlin ist ein ganzes Ministerium danach benannt. Kein Politiker zweifelt mehr daran, dass man die sogenannten ländlichen Räume nicht verkommen lassen darf, wenn man die Stabilität der Republik nicht ins Wanken bringen will. Heimat ist nun Avantgarde.

Auras-Lehmann möchte helfen, dem Heimatbegriff die letzten Reste des Negativen – da wo es noch fortbesteht – zu nehmen. „Eine Rückkehr ist eine Option“, sagt sie. „Es ist nicht die heile Welt, die wir bieten. Aber es ist vielleicht das ganz kleine Glück.“

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