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Antje Vollmer sieht die Entwicklung ihrer Partei kritisch: „So hatte ich mir die Grünen nicht vorgestellt.“
Sammlungsbewegung
Politik

Streiterin für ein linkes Wir

Von Markus Decker
16:49

Wenn Antje Vollmer über die linke Sammlungsbewegung „Aufstehen“ spricht, dann tut sie das in der ihr eigenen vorsichtigen Art. „Jeder Einwand ist bei der Gründung erst mal berechtigt“, sagte die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin der FR. Auch sind ihr die Vorbehalte gegen die Frontleute Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine natürlich bekannt. „Das muss ein Projekt der nächsten Generation sein“, betont die 75-Jährige also. „Oskar und ich werden nicht mehr in der ersten Reihe stehen. Das heißt auch, dass die Bewegung nicht unsere Feinde erben muss.“ Und Wagenknecht? „Ich habe nichts gegen starke Figuren“, erwidert Vollmer.

Vollmer veröffentlicht Text zu „Aufstehen“

Seit dem Frühsommer wurde der Name der Grünen immer wieder genannt, wenn es um das Projekt ging. Dabei sagte sie selbst nichts, zumindest nicht offiziell, sondern tauchte zuletzt in der Uckermark unter, wo man ohnehin schwerer erreichbar ist als anderswo.

Am Wochenende nun ging „Aufstehen“ mit einer eigenen Plattform online. Lafontaine verkündete soeben in der „Rheinischen Post“, bis Montagmittag habe es bereits 36.000 Anmeldungen gegeben. „Wir sind mit dem Echo auf den Start im Internet sehr zufrieden“, sagte er.

Vollmer schließlich klappte das Visier hoch, indem sie mit den Bundestagsabgeordneten Sevim Dagdelen (Linke) und Marco Bülow (SPD) im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ einen gemeinsamen Text veröffentlichte. Freund und Feind fragen sich jetzt: Warum macht sie das? Immerhin stößt das Vorhaben bei Linken, Sozialdemokraten und Grünen wegen zuweilen nationalistischer Töne und aus machtpolitischen Erwägungen auf starke Vorbehalte.

Vollmer sagt, man müsse dem wachsenden Druck von Rechtsaußen einen Druck von links entgegensetzen. „Es muss eine Balance of Power geben – in jeder Gesellschaft.“ Dabei sei eine Offensive auf drei Feldern wichtig: der Sozialpolitik, der Friedenspolitik und der Umweltpolitik. Sozialpolitisch gehe es nicht „ohne eine andere Sozialdemokratie“.

Umweltpolitisch sei die Linke „etwas unterbelichtet“. Und friedenspolitisch habe sie die größten Differenzen mit der eigenen Partei. Diese habe die Lehren aus der Entspannungspolitik mit Blick auf Russland oder den Nahen Osten missachtet.

Überhaupt ist eine gewisse Entfremdung Vollmers von den eigenen Reihen unüberhörbar. „Es ist doch schlecht, wenn man sagt: Die beste Grüne ist Angela Merkel“, sagte sie. „So hatte ich mir das mit den Grünen nicht vorgestellt.“ Die maßgebliche Frage aus Vollmers Sicht lautet jedenfalls: „Wie kriegen wir ein linkes Wir hin?“ So oder so werde man die Rechten nicht allein mit Moral in die Knie zwingen, sondern mit der grundsätzlichen Hoffnung auf Neues.

Das mit dem „Wir“ wiederum durchzieht Antje Vollmers gesamtes politisches Leben wie ein roter Faden. Nachdem sie sich in den siebziger Jahren wie so viele 68er zunächst linksextremistischen Gruppen und 1985 den Grünen zuwandte, hat sich die studierte Theologin stets als Mittlerin gesehen und profiliert. So machte sie sich für einen Dialog mit einstigen RAF-Terroristen stark und warb für die deutsch-tschechische Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg ebenso wie für den Dialog zwischen der chinesischen Regierung und dem Dalai Lama.

Vollmer betrachtet „Aufstehen“ als Sammelbecken

Mittendrin und doch am Rand, dabei intellektuell ein wenig über den Dingen stehend – das gefiel Vollmer meistens gut. Mithin betrachtet sie auch „Aufstehen“ nicht als Spaltungsprojekt, wie andere, sondern tatsächlich als Sammelbecken. Und mit Nationalismus, das macht Vollmer ohnehin klar, habe sie nichts am Hut.

Die grüne Bundestagsabgeordnete Renate Künast, die Vollmer seit langem kennt, reagiert trotzdem skeptisch. Zwar könne sie nachvollziehen, dass die Parteifreundin eine grundsätzliche Debatte wolle, sagte Künast der FR. Doch beklagt sie, dass die Sammlungsbewegung ganz auf Wagenknecht und Lafontaine fixiert sei und die herrschenden Probleme etwa im ökologischen Bereich noch nicht mal zu 20 Prozent adressiere. Künast fragt deshalb: „Antje, was willst du da?“

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