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Deniz Naki spielte zwischen 2009 und 2012 für den FC. St. Pauli.
Schüsse auf der Autobahn
Politik

Kurdischer Fußballer Naki an geheimem Ort

Von Christian Parth
19:57

Auf den kurdischen Fußballprofi Deniz Naki ist in der Nacht auf Montag ein Mordanschlag verübt worden. Nach Ermittlungen der Aachener Staatsanwaltschaft haben Unbekannte auf der A4 bei Düren aus einem Auto heraus mehrfach auf Naki geschossen. Der 28-Jährige veröffentlichte auf Twitter ein Bild, das ein Einschussloch in einer Scheibe seines Autos zeigt.

Er sei auf der rechten Fahrspur unterwegs gewesen, als ein schwarzer Kombi sich genähert habe und von hinten links auf ihn geschossen worden sei, sagte er in einem Interview der „Welt“. Die Behörden haben Naki nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ inzwischen an einen geheimen Ort gebracht. Für ihn gelte die höchste Sicherheitsstufe. Das Motiv für den Anschlag ist noch unklar. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, sagte eine Sprecherin der Aachener Staatsanwaltschaft.

Naki, der aktuell beim kurdischen Verein Amed Sk in der dritten türkischen Liga unter Vertrag steht, geht davon aus, dass der Anschlag politisch motiviert war. Vielen Türken gilt er als Verräter, weil er in der Vergangenheit immer wieder offen das Regime des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan kritisiert hat. Nachdem er in einem Facebook-Post der Opfer des türkisch-kurdischen Konfliktes gedacht hatte, sperrte der Verband Naki für zwölf Partien.

Die türkische Justiz klagte ihn an, Terrorpropaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK betrieben zu haben und verurteilte ihn im April 2017 zu 18 Monaten Haft auf Bewährung. Trotz der Verurteilung entschied er sich dazu, in der Türkei zu bleiben. Naki wuchs in Düren auf, wurde von Bayer Leverkusen entdeckt und stieg später mit dem FC St. Pauli in die Bundesliga auf. Mit der deutschen U19-Auswahl wurde er 2008 Europameister. Er besucht derzeit seine Eltern, die noch immer in Düren leben.

Von der politisch belasteten Biografie Nakis wollen sich die Ermittler dagegen nicht beeindrucken lassen. „Bei uns wird es im Moment als normales Kapitaldelikt geführt“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Die Bochumer Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen bezeichnet das Vorgehen der Ermittlungsbehörde als „fahrlässig“. In Deutschland seien allein 6000 Agenten des türkischen Geheimdienstes MIT aktiv, darunter seien sehr gefährliche Leute.

„Hier existiert ein Netzwerk, das von der türkischen Regierung dirigiert und mitfinanziert wird. Es besteht aus Agenten, Imamen, Hackern, Trollen, Lobbyisten und Schlägerbanden wie den Osmanen Germania“, sagte die stellvertretende Fraktionschefin der Linken, die seit ihrer Zustimmung zur Armenien-Resolution im Bundestag vor anderthalb Jahren immer wieder bedroht wird und selbst unter Schutz steht.

Schutz in der Bundesrepublik

„Die Sicherheitsbehörden möchten stärker gegen dieses Netzwerk vorgehen, aber sie werden auf der politischen Ebene ausgebremst. Der Grund ist, dass die Bundesregierung die angespannten Beziehungen zur Türkei nicht weiter belasten will.“ Vor diesem Hintergrund übt Dagdelen heftige Kritik am Treffen von Außenminister Sigmar Gabriel und seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu im Privathaus des SPD-Politikers in Goslar.

Eine Aussage des kurdischen Oppositionspolitikers Garo Paylan gibt dem Fall Naki zusätzliche Brisanz. Erst Ende Dezember hatte der Parlamentarier von der kurdischen HDP von einer kursierenden Todesliste gesprochen, auf der Namen von im Exil lebenden Regimekritikern stünden. Es sei ein dreiköpfiges Killerkommando von der Türkei nach Europa geschickt worden, um diese Personen zu eliminieren. „Das klingt sehr abenteuerlich“, heißt es dazu aus deutschen Sicherheitskreisen. Auch das Bundesinnenministerium winkt ab. „Weder zu Todeslisten noch zu Killerkommandos liegen uns Erkenntnisse vor“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage.

„Wenn wir wissen, dass eine Person gefährdet sein könnte, werden entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Das geht von einer Beratung bis hin zum Personenschutz.“ Nach Angaben des Ministeriums genießen rund 400 türkische Beamte und Diplomaten nach ihrer Flucht aus der Türkei Schutz in der Bundesrepublik.

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