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Mevlüde Genç (hinten) verlor durch den Anschlag zwei Kinder und zwei Enkelkinder.
Solingen
Politik

„Ich trage keinen Hass in mir, außer gegen die Täter“

Von Michael Hesse, Gerhard Voogt
21:39

Im stillsten Moment war nur das Grollen des Himmels zu hören. In der Gedenkminute für die Opfer des Brandanschlags von Solingen stehen alle auf und sind still. Der Regen prasselt ohne Unterlass auf alle nieder. Muslime, Christen, Atheisten, Türken, Deutsche. Alle werden nass, ohne Unterschied. Was für eine Botschaft. Die geplanten Reden des deutschen und türkischen Außenministers fallen sprichwörtlich ins Wasser. Es gibt eine Unwetterwarnung für Solingen und der Bürgermeister erklärt den Abbruch.

Viele Bürger der Stadt hatten sich am Dienstag am Mahnmal versammelt, um dem brutalen Anschlag zu gedenken. Es geht um den 29. Mai 1993, Solingen, Untere Wernerstraße 81. Fünf Menschen sterben, nachdem Rechtsextremisten das Haus in Brand stecken. Gürsün Ince, 27 Jahre, Hatice Genç, 18 Jahre, Gülüstan Öztürk, 12 Jahre, Hülya Genç, 9 Jahre und Saime Genç, 4 Jahre. 17 weitere werden zum Teil lebensgefährlich verletzt, erleiden schwerste Verbrennungen.

Johannes Rau (SPD), damals Ministerpräsident von NRW, dachte über die Grenzen von Politik nach, als er vor der rauchenden Ruine stand: „Es lohnt sich alles nicht, du kannst die Welt nicht verändern“. Der Anschlag gilt heute als eine der folgenschwersten rassistischen Taten in der Geschichte der Bundesrepublik, wurde zum Symbol für Fremdenhass.

Als Erster ergriff der Bürgermeister der Stadt, Tim Kurzbach, das Wort: „Unsere Stadt war Tatort geworden eines bislang beispiellosen Verbrechens.“ Dabei hätten so lange so viele Menschen verschiedener Nationen hier zusammengelebt. Doch es habe auch eine rechte Szene gegeben, aus der dann der Anschlag verübt wurde.Er spricht von einer Brücke über den Gräbern der Opfer: Mevlüde Genç. Ihr habe man den ersten Schritt in die Zukunft zu verdanken. Mevlüde Genç verlor durch den Anschlag zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Ihre Haltung hat viele Menschen tief beeindruckt. Sie war bereit, das Leid zu tragen und die Hand auszustrecken, auch wenn der tiefe Schmerz geblieben ist. Heute steht sie am Mahnmal und betet.

Vorhin in der Staatskanzlei war sie von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) ans Mikrofon geführt worden. Die 75-Jährige musste gestützt werden, aber ihre Stimme wirkte stark und entschlossen.

Die Frau mit dem Kopftuch sprach frei, zehn Minuten lang, ohne den Faden zu verlieren. „Ich trage keine Rache, keinen Hass gegen niemanden in mir“, sagte Genç. „Außer gegen die Täter, die unser Haus zu einem Grab machten.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sitzt beim Gedenken in der Staatskanzlei in der ersten Reihe neben Familie Genç. Die Teilnahme der Regierungschefin wurde von vielen Türken in NRW als Wiedergutmachung begrüßt. Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) hatte es nach dem Anschlag ablehnt, nach Solingen zu fahren. Er lehne einen „Gedenktourismus“ ab, hieß es damals. Die Bundeskanzlerin attackiert in ihrer Rede die AfD, ohne die Partei explizit zu nennen. „Zu oft werden die Grenzen der Meinungsfreiheit sehr kalkuliert ausgetestet und Tabubrüche leichtfertig als politisches Instrument eingesetzt“, sagte Merkel. Dies sei ein Spiel mit dem Feuer. „Denn wer mit Worten Gewalt sät, nimmt zumindest billigend in Kauf, dass auch Gewalt geerntet wird.“ Die Kanzlerin Merkel würdigt die Verdienste von Mevlüde Genç: „Auf eine unmenschliche Tat haben Sie mit menschlicher Größe reagiert. Dafür bewundern wir Sie und dafür danken wir Ihnen.“ Auch NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) dankt Genç später: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – es sei Aufgabe des Staates, diesen Satz „mit Leben zu füllen“.

Bürgermeister Kurzbach und auch Stamp betonen, wie sehr die öffentliche Diskussion das Klima 1993 vergiftet habe. Beide ziehen Parallelen zu heute und beide sehen in der AfD einen geistigen Brandstifter.

Der Regen treibt schließlich alle auseinander. Abbruch der Veranstaltung heißt es. Aus dem Koran wird nun nicht mehr gelesen, wie es ursprünglich geplant war. Ein geplantes Gebet einer Familienangehörigen kann nicht mehr stattfinden. Die beiden Außenminister kommen nicht mehr zu Wort. Zuerst sollte Mevlüt Cavusoglu an der Reihe sein. Als er die Bühne betritt, brandet Applaus auf, er winkt und ergreift noch kurz das Wort. Er sei dankbar, in Solingen sein zu können. Seine Rede hatte im Vorfeld für Wirbel gesorgt. Vor der Veranstaltung hatte die Presseabteilung der Stadt die Redemanuskripte verteilt.

Viele hatten sich gefragt, ob der türkische Außenminister diesen Tag als Wahlkampfauftritt nutzen würde. Schließlich plagen seinen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in der Türkei schlechte Umfragewerte. Doch heute ist kein Tag für Wahlkampf. Das erkannte wohl auch Cavusoglu und wollte von seinem Mitgefühl sprechen. Genç hatte sich den Auftritt von Repräsentanten beider Staaten gewünscht. Aber sie betonte auch: „Heute will ich meiner Kinder gedenken, Politisches will ich nicht dabei haben.“ Cavusoglu weist in seinem Manuskript auf die bedeutende Rolle hin, die Familie Genç für die Versöhnung spielte. „Wir als türkischer und deutscher Staat sind entschlossen, diese Tragödie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“ Er verweist auch auf die zunehmende Islamfeindlichkeit in Deutschland im Zuge der Flüchtlingsdebatte. Man werde das „Unheil Rassismus“ besiegen, heißt es in dem Text.

Es war ein ungewöhnlicher Tag in Solingen. Einer, an dem sich viele an 1993 erinnerten. „Ich war an dem Tag unterwegs“, erzählt Gülabi Gerez. „Aber mein Bruder wohnte direkt neben dem Haus der Familie Genç.“ Der Tag von dem er spricht, veränderte ganz Deutschland. „Jeder ging anders damit um“, sagt Gerez. Zu jeder Feier werde er eingeladen. „Es ist nicht immer einfach gewesen.“ Aber: „Deutschland ist eines der besten Länder der Welt, hier gibt es alles, Demokratie, Menschenrechte werden geschützt wie nirgendwo sonst, ein Sozialstaat, der den Schwächeren hilft. Ich bin Deutscher“, sagt er. Dass heute der türkische Außenminister am Denkmal eine Rede halten sollte, findet er nicht gut: „Ich weiß nicht, was er hier will, mal sehen was er sagt.“

Es waren junge Männer zwischen 16 und 23 Jahren, die damals den Anschlag verübten. Die verurteilten Täter hatten Kontakte in die rechte Szene. Mittlerweile haben sie ihre Strafe abgesessen und sind wieder auf freiem Fuß.

In Solingen herrscht 25 Jahre nach dem Anschlag fast Normalität – und nicht alle sind mit dem Gedenken einverstanden. Barbara (48) ist kaufmännische Angestellte, die jährlichen Feiern findet sie übertrieben. „Die Türken sind hier total integriert“, sagt sie. Auch die gegenwärtigen Debatten, die von der AfD angefacht werden, hätte es doch schon immer gegeben. Auch eine Passantin hält wenig von dem Fest. „Die haben doch schon alles gekriegt, Entschädigung, ein neues Haus, ich weiß nicht, was das soll.“ Und auch die Flüchtlinge, die würden alles bekommen. Und sie eben nichts.

Auf dem Solinger Neumarkt sitzen Schüler vor der Bühne. Als die Band eine Pause macht, ruft ein Mann: „Ja, tschö, das reicht jetzt auch.“ Das sehen die Schüler anders. „Ich finde das total wichtig hier“, sagt Paula (17). Auch Mara (18) und Katharina (17) wollen gegen Rechtsextreme demonstrieren.

Mevlüde Genç hätte allen Grund, Deutschland zu hassen. Aber das tut sie nicht. Stattdessen hat sie nach der Tat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Sie engagiert sich gegen Fremdenfeindlichkeit. „Solingen ist meine Heimat“, sagt sie. Sie hat das Bundesverdienstkreuz bekommen. Nun steht sie da, die Augen wirken traurig. Es ist der Tag, an dem sie an ihre Kinder und Enkelkinder denkt, die sie niemals wiedersehen wird.

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