© dpa, FR
Ein Mann legt vor dem Haupteingang der Polizeiwache Blumen nieder.
Terror in Südfrankreich
Politik

Nationale Trauerfeier für getöteten Polizisten

Von Stefan Brändle
14:21

Das war mehr als Mut, das war Selbstaufopferung“, meinte ein Augenzeuge. „Er ist für uns gestorben“, ergänzte eine Frau, die am Arbeitsort des verstorbenen Gendarmen Arnaud Beltrame in Carcassonne Blumen niederlegte. Frankreich war am Sonntag ergriffen und voller Bewunderung für den Mann, der wohl etlichen ihm unbekannten Menschen das Leben rettete.
Der 45-jährige Beltrame war am Freitag am Einsatz gegen die Geiselnahme in Trèbes (Südfrankreich) beteiligt. Ein Attentäter war dort nach einer mörderischen Amokfahrt mit „Allahu Akbar“-Rufen in den Supermarkt „U“ eingedrungen; er erschoss einen Angestellten und eine Kundin, um dann mehrere Geiseln zu nehmen – mit dem Ziel, den letzten lebenden Attentäter der Pariser Anschläge von Ende 2015 freizupressen.

Nach mehrstündigen Verhandlungen bot sich Beltrame an, den Platz der letzten, weiblichen Geisel einzunehmen. Nach offizieller Darstellung stürmten Elitepolizisten den Markt, als der Geiselnehmer auf Beltrame feuerte und ihn mit einem Halsschuss lebensgefährlich verletzte. In der folgenden Nacht starb der Polizist in einem Krankenhaus in Carcassonne. Der Gefahr war er sich durchaus bewusst gewesen: Der Angreifer hatte zuvor insgesamt drei Personen erschossen. Vor wenigen Wochen hatte Beltrame selbst an einer Polizeiübung mit einem fingierten Terroranschlag in einem Supermarkt teilgenommen. Jetzt begab er sich mit heimlich angeschalteten Handy in die Gewalt des selbsternannten „Soldaten“ des „Islamischen Staates“. Deshalb wussten die Einsatzleiter, was in dem Markt vorging.

Macron ehrt Beltrame als „Held“

Präsident Emmanuel Macron ehrte den verstorbenen Polizist in einem langen Communiqué. Beltrame sei „als Held gefallen“ und habe auf „auf eklatante Weise seine militärischen Tugenden unter Beweis gestellt, die den Respekt und die Bewunderung der ganzen Nation verdienen“, schrieb der Staatschef.

Der Oberstleutnant der Gendarmerie – sie ist im Unterschied zur nationalen Polizei Teil der Militärorganisation und vor allem in Landgegenden tätig – war Mitglied der Eliteeinheit GIGN und hatte im Irakkrieg für seinen Einsatz einen Verdienstorden erhalten.

Kürzlich verheiratet, wollte der praktizierende Katholik im Juni die kirchliche Trauung nachholen. Einer seiner Kameraden meinte am Samstag, er sei überhaupt nicht überrascht, dass Beltrame so gehandelt habe: „Das Risiko, das er einging, lag ganz auf seiner Linie. Arnaud war aufrecht, großzügig und humanistisch; er hatte ein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein und einen Sinn für den ‚service public‘. Und er liebte das Leben – nicht nur sein eigenes.“

Erschüttert über den Tod des selbstlosen Gendarmen, reagierte Frankreich zugleich sehr gefasst auf den Anschlag, bei dem insgesamt vier Menschen getötet und über ein Dutzend verletzt wurden, und der mit dem Tod des Täters  endete. Dass der französisch-marokkanische Redouane L. zwar wegen „Radikalisierung“ registriert war, aber nicht überwacht wurde, sorgte kaum für Kritik: Allen Franzosen ist klar, dass die permanente Kontrolle aller 12 000 „Gefährder“ der sogenannnten Kategorie „S“ in Frankreich schlicht nicht möglich ist.

Die rechte Front-National-Chefin Marine Le Pen erklärte, die Regierung setze das Leben der Bürger aufs Spiel, indem sie das seit den Großanschlägen von 2015 herrschende Ausnahmerecht im vergangenen November aufgehoben habe. Auch solchen schrillen Töne bleiben aber weitgehend ohne Echo, da das neue Antiterrorgesetz die Bestimmungen des Notrechts weitgehend übernommen hat. „Das Ausnahmerecht hätte auch dieses Attentat nicht verhindert“, meinte der Terrorismusexperte Hugo Micheron.

Keinen Erfolg hatten auch die Mutter und Schwester des Täters, die während der Geiselnahme vor dem Supermarkt präsent waren und in Absprache mit der Polizei versuchten, ihn zum Aufgeben zu überreden. Am Sonntag waren die 18-jährige Freundin und ein minderjähriger Freund des selbst ernannten Dschihadisten in Haft.

Augenzeugen erzählten, L. habe im Supermarkt gelacht, als er die Pistole auf die Anwesenden anlegte. In seinem Wohnviertel in Carcassonne war er kaum aufgefallen. Wegen Drogenhandels verbracht er einen Monat im Gefängnis. In der lokalen Moschee fand ein Solidaritätstreffen mit den Opfern des Attentats statt. Ein Mitarbeiter bedauerte, dass der Geheimdienst nie mitgeteilt hatte, dass sich L. für die IS-Ideologie interessierte. „Wir hätten ihn überwachen können“, meinte der Moscheevertreter.

  Zur Startseite