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Warum himmeln Menschen, die hier geboren sind, die ihr Leben in Freiheit leben und mehr Entwicklungschancen haben als in der Heimat der Eltern, Autokraten an?
Türkei
Politik

Demokratie ist lernbar

Von Viktor Funk
09:03

Es ist einige Jahre her, da schrie ein türkischer Mann in sein Telefon, er war live im Deutschlandfunk. Es ging um Bildung und speziell um die Frage, ob Kinder von Zugewanderten die gleichen Chancen bekämen wie die Kinder der Deutschen.

Er habe gegen den Rat der Lehrer seine Kinder aufs Gymnasium geschickt. Sein Sohn und seine Tochter hätten später studiert. Ihnen sei vorher nichts zugetraut worden. Der Moderator der Sendung hatte Mühe, den Anrufer zu beruhigen. Da klagte einer an. Und er hatte Recht.

Dass Kinder von Migranten nicht die gleichen Entwicklungschancen in Deutschland erhalten, ist nicht neu und es wird glücklicherweise inzwischen viel dagegen getan. In den Ergebnissen der Abstimmung der Türkeistämmigen in Deutschland kann man aber die Versäumnisse der Vergangenheit beim Thema Bildungsgerechtigkeit und beim Thema gesellschaftliche Teilhabe klar sehen. So wie schon in der Debatte darüber, warum hier geborene Töchter türkischer Gastarbeiter Kopftuch tragen, wird wieder die Frage der Integrationsfähigkeit von Türkeistämmigen laut. Das Problem dabei ist: Die Frage klingt wie ein Vorwurf. Sie passt in die aktuelle Integrationsdebatte, die vor allem eine Abwehrdebatte ist.

Dieser Reflex zeigt sich regelmäßig. Er zeigte sich nach dem türkischen Referendum über die Verfassungsänderung. Er zeigt sich im Umgang mit dem Islam allgemein. Wie es Reflexen nun mal eigen ist, kommt er schnell, ist instinktgesteuert und in diesem Fall hat er mit einer notwendigen Integrationsdebatte nichts zu tun. Sie müsste viel selbstkritischer, viel offener geführt werden. Viel zu oft wird hierzulande vergessen, dass auch Deutschland Demokratie über Jahrzehnte hat lernen müssen und der aktuelle Rechtsruck im Land zeigt, dass sie alles andere als selbstverständlich ist.

So falsch es ist, Erdogan zu wählen – so notwendig ist es, die Motive jener zu verstehen, die das tun. Denn Verstehen heißt nicht, gleichzeitig Verständnis aufzubringen. Verstehen heißt, Möglichkeiten zu erkennen, bei fatalen Entwicklungen gegenzusteuern.

Am Montagmorgen sendete der Deutschlandfunk einen Beitrag über feiernde Erdogan-Anhänger in Berlin. Eine Frau schrie: „Er ist alles für uns!“ Dabei hat sie Erdogan gar nicht gewählt. „Ich bin hier geboren. Ich habe deutsche Papiere“, sagte sie.

Wenn wir über die Integrationsfähigkeit von Türkeistämmigen sprechen oder anderen Minderheiten, dann müssen wir uns auch der Frage stellen, warum Menschen, die hier geboren sind, die ihr Leben in Freiheit leben und mehr Entwicklungschancen haben als in der Heimat der Eltern, Autokraten anhimmeln. Was bietet unsere Gesellschaft ihnen nicht?

Es lohnt sich, darüber zu diskutieren. Schließlich haben auch die Deutschen gelernt, sich – zumindest mehrheitlich – für die Demokratie zu entscheiden.

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