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Mesale Tolu beantwortet am Sonntag am Stuttgarter Flughafen Fragen von Journalisten.
Türkische Repressionen
Politik

Mesale Tolu ist wieder in Deutschland

18:05

Die monatelang in der Türkei inhaftierte deutsche Journalistin Mesale Tolu kann die Rückkehr in die Heimat nach eigenen Worten nur bedingt genießen. Sie sei zwar wieder in Deutschland, aber Hunderte Journalisten, Oppositionelle, Anwälte und Studenten seien immer noch nicht frei, kritisierte Tolu nach ihrer Ankunft am Sonntag am Stuttgarter Flughafen. „Es ist nicht so, dass ich mich wirklich über die Ausreise freue, weil ich weiß, dass sich in dem Land, in dem ich eingesperrt war, nichts verändert hat.“ Tolu kündigte an, sie wolle sich weiter für die Menschen einsetzen, die in der Türkei aus politischen Gründen inhaftiert seien.

Tolu und ihr Sohn sollen nach der Ankunft erst einmal bei Tolus Vater in Neu-Ulm wohnen. Er hatte sich monatelang wortgewaltig für sie eingesetzt und sagte kurz vor ihrer Landung in Stuttgart: „Ich warte ganz aufgeregt auf meine Tochter.“

Die gebürtige Ulmerin Tolu war Ende April 2017 bei einer Razzia in Istanbul festgenommen worden und saß bis Dezember in Untersuchungshaft. Beim zweiten Prozesstermin im Dezember hatte das Gericht zwar Tolus Entlassung aus der Haft verfügt, aber ein Ausreiseverbot angeordnet. Tolu hat vor ihrer Verhaftung für die linke Nachrichtenagentur Etkin News Agency (Etha) gearbeitet.

Die Türkei wirft Tolu Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation vor – gemeint ist die MLKP, eine linksextreme Gruppe, die in der Türkei verboten ist. Ihr Prozess in der Türkei wird ungeachtet ihrer Ausreise fortgeführt. Der nächste Verhandlungstermin ist für Mitte Oktober angesetzt. Auch ihr Ehemann Suat Corlu ist angeklagt. Seine Ausreisesperre ist nicht aufgehoben, er muss in der Türkei bleiben.

Der Fall Tolu hatte, zusammen mit dem des „Welt“-Reporters Deniz Yücel und des Menschenrechtlers Peter Steudtner, die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland schwer belastet. Beide sind inzwischen wieder in Deutschland, doch nach offiziellen Angaben sind noch mindestens sieben deutsche Staatsbürger „aus politischen Gründen“ in türkischen Gefängnissen. Den meisten von ihnen wird Unterstützung der kurdischen PKK vorgeworfen. Schon ein Jahr lang und damit am längsten wird der 73-jährige Enver Altayli festgehalten. Er sitzt ohne Anklage in Einzelhaft, seine Familie macht sich große Sorgen um seine Gesundheit. Altayli ist Jurist und arbeitete in den 60er Jahren für den türkischen Geheimdienst MIT. Im August 2017 war er in Antalya festgenommen worden, wo die Familie eine Ferienanlage betreibt. Ihm wird Unterstützung der Gülen-Bewegung vorgeworfen.

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