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Trauerfeier für die von der RAF ermordeten Polizeibeamten Reinhold Brändle, Roland Pieler und Helmut Ulmer. Sie waren bei der Entführung Hanns Martin Schleyers getötet worden.
Terrorismus
Politik

Die anderen Toten

Von Holger Schmale
15:34

Die Bitte der früheren RAF-Terroristin Silke Maier-Witt um Verzeihung, die sie an den jüngsten Sohn des ermordeten Hanns Martin Schleyer gerichtet hat, ist in vielen Medien ein großes Thema gewesen. Was aber ist eigentlich mit den Familien von Reinhold Brändle, Heinz Marcisz, Roland Pieler und Helmut Ulmer? Wer das ist? Es sind die vier Männer, die von den RAF-Terroristen schon bei der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten am 5. September 1977 ermordet wurden. 

Sie waren seine Begleiter, drei Polizisten und ein Fahrer. Der Polizeibeamte Reinhold Brändle (41) wurde allein von 66 Schüssen getroffen. Die Männer teilen das Schicksal vieler der 34 Opfer der RAF, die keinen prominenten Namen tragen: Sie sind in der Öffentlichkeit so gut wie vergessen.

Dabei sind die Folgen, ist das Entsetzen, die Trauer, die Leere für ihre Familien genau so groß wie für die Hinterbliebenen von Hanns Martin Schleyer, des Bankiers Jürgen Ponto oder des Generalbundesanwalts Martin Buback. In der Regel sind sie sogar noch härter getroffen, denn anders als die Familien der wohlhabenden prominenten Opfer stürzte sie der Tod des Haupternährers oft auch in materielle Schwierigkeiten. 

Die Terroristen mit dem großspurigen Namen Rote Armee Fraktion standen in dem Ruf, zentrale Führungsfiguren der von ihnen als imperialistisches System begriffenen Bundesrepublik anzugreifen, was ihnen eine gewisse Zeit Sympathien in einigen linksradikalen und linksintellektuellen Kreisen brachte. Doch von Anfang hatten die Akteure keinerlei Skrupel, auch Menschen aus unteren Gesellschaftsschichten zu ermorden, wenn sie ihnen in die Quere kamen. 

Ihre ersten Opfer waren alles andere als symbolträchtige, hochrangige Repräsentanten des kapitalistischen „Schweinesystems“, wie die RAF die Bundesrepublik oft nannte. Als Ersten ermordeten zwei RAF-Mitglieder am 22. Oktober 1971 an einer Hamburger S-Bahnstation den Zivilfahnder Norbert Schmid. Zwei Monate später erschossen Terroristen bei einem Banküberfall in Kaiserslautern den Polizisten Herbert Schoner. Und auch ihr drittes Opfer war ein Polizist.

ans Eckhardt wurde am 2. März 1972 bei einem Schusswechsel mit dem RAF-Mann Manfred Grashoff in Hamburg getötet. So setzt sich die Liste fort – Personenschützer, Fahrer, Passanten, holländische Polizisten und einfache US-Soldaten sind die Opfer der RAF, über die kaum jemand spricht, an die sich außer ihren Familien niemand erinnert. 

Die öffentliche Trauerarbeit der Bubacks und Schleyers wird bis heute mit großer Aufmerksamkeit und Empathie begleitet. Auch die Biografien und Überzeugungen der Täter sind sorgfältig recherchiert worden, waren Gegenstand von Büchern, Film- und Fernsehproduktionen, oft wie spannende Untergrundkrimis erzählt. Nur die „einfachen“ Opfer des RAF-Terrorismus sind in Vergessenheit geraten. So werden auch in kaum einem Text über das Treffen von Silke Maier-Witt und Jörg Schleyer die Namen von Reinhold Brändle, Heinz Marcisz, Roland Pieler und Helmut Ulmer erwähnt, mit deren Ermordung das Verbrechen an Hanns Martin Schleyer begonnen hat. 

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