© Inge Werth, FR
Im April 1966 fotografierte Inge Werth Joan Baez bei der Ostermarsch-Kundgebung vor dem Frankfurter Römer.
Fotografie
Politik

„Ein Teil des Geschehens“

Von Claus-Jürgen Göpfert
13:51

Frau Werth, Sie lebten seit 1966 als junge Fotografin in Paris. 
Wir waren damals dort eine ganze Gruppe von Freunden. Ich hatte in Paris einen französischen Antiquar und Buchhändler kennengelernt, der auf der Linken sehr engagiert war, und bin geblieben. Ich habe viele Leute aus der Kulturszene getroffen. Ein wichtiger Fixpunkt war die Galerie Sonnabend. 

Sie waren bereits Fotografin? 
Oh ja. Ich hatte Anfang der 60er Jahre die ersten Fotos gemacht, anfangs habe ich vor allem Mode fotografiert. Ich hatte zuvor in der Schönheitsbranche gearbeitet und bekam dann die erste Kamera geschenkt. Das hat mich nicht mehr losgelassen. So haben auch Zufälle mein Leben bestimmt. 
 
Wie war die Stimmung in den 60er Jahren in Paris? Konnte man ahnen, dass es zu einem gesellschaftlichen Aufstand kommen würde? 
Die Menschen, mit denen ich zusammen war, hofften sehr, dass sich etwas ändern wird. Ich habe damals auch Daniel Cohn-Bendit kennengelernt, der ja dann zu einem der Anführer der Revolte wurde. Daniels Bruder war mit dem Mann befreundet, mit dem ich zusammengelebt habe. Dany habe ich immer wieder auf der Straße getroffen, dann auch an der Universität von Nanterre. 

Wie hat der Protest begonnen? 
Es war ein großes politisches Netzwerk entstanden, in dem es ordentlich brummte. Die Studenten von Paris standen in Verbindung zu denen in den USA, wo es ja schon zuvor heftige Proteste gegen den Vietnamkrieg gegeben hatte. Das kann man nicht voneinander trennen. Man war aber auch mit Italien vernetzt oder mit dem Protest in Berlin. Berlin war damals wichtiger als Frankfurt als Ort der Bewegung. Ich war aber keine Frau der politischen Theorie. Ich habe nie theoretisch gearbeitet. Ich bin zur Bewegung gestoßen, weil ich es richtig fand. Ich hatte die Gelegenheit, mit der Kamera aufzufangen, was dann geschah. 

Hatten Sie von Anfang an die Idee, die Revolte mit der Kamera zu begleiten? 
Ich hatte diese Überlegung, ja. Für mich war klar, dass ich da fotografieren würde. Weil ich der Sache mit Sympathie begegnete. Und noch etwas gehört grundsätzlich dazu: Man muss Menschen lieben. Und das tat ich. Es gab dann Anfang des Jahres 1968 bereits viele Demonstrationen in Paris, von der Rechten, also von den Gaullisten, wie auch von der Linken. Es gab an vielen Orten Auseinandersetzungen. 

Waren Sie durch den Kontakt mit Daniel Cohn-Bendit gut informiert, wo etwas geplant war? 
Nein, nein. So einfach war das nicht. Zu meinen Freunden zählten auch der Journalist Samuel Schirmbeck und der Filmemacher Malte Rauch. Die habe ich dann oft begleitet. Mit Malte war ich zum Beispiel bei der Schriftstellerin Marguerite Duras und habe sie fotografiert. Ich habe dann auch den Dany porträtiert. 

Sie gelten als die Fotografin der 68er-Revolte. Die Demonstrationen waren auch gefährlich … 
… nein, das habe ich nicht so empfunden! Mir ist nie etwas passiert. Ich bin nicht geschlagen worden und man hat mir auch nicht die Kamera weggenommen.

Es gab doch ziemlich harte Polizeieinsätze. 
Man musste wissen, wie man sich am besten verhielt. In bestimmten Situationen habe ich Abstand gehalten. Ich bin nicht in die erste Reihe gegangen. Denn von dort hätte ich immer nur einen Teil des Geschehens einfangen können. Ich wollte immer beide Seiten zeigen: Die vorstürmende Polizei und die Barrikaden, die verteidigt wurden. 

Ich möchte gerne noch mal zu Frage der Gewalt kommen. Es wurden Autos angezündet, es brannten Barrikaden …
… ja, es war eine immense Verwüstung. 

Haben Sie das Verhalten der Protestierenden verstanden und für richtig befunden? 
Ich persönlich bin eigentlich gegen Gewalt. Aber ich weiß auch, dass Gewalt gegen Sachen manchmal sehr wichtig ist, um etwas zu erreichen. Etwas anderes ist es mit Gewalt gegen Menschen. Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen: Als ich später in Haiti fotografiert habe und über den Protest gegen das Regime berichtete, da habe ich gesehen, wie ein Polizist eine junge Frau brutal verprügelte. Ich bin so entsetzt gewesen. Ich habe vielleicht drei Meter entfernt davon gestanden. Ich war wie gelähmt. Noch einmal zurück zu Paris. Aus heutiger Sicht würde ich vielleicht sagen: Was bringt es denn, Autos anzuzünden? Ich habe 1968 nie gedacht: Das ist ja schön, das zu fotografieren. Meine Aufgabe war es, das zu dokumentieren. 

Am Ende ist ja die Revolte auch in Frankreich insofern gescheitert, als es nicht gelungen ist, die Regierung zu stürzen. 
Ich bin nicht mehr lange in Frankreich gewesen. Nach dem Scheitern des Mai ’68 löste sich alles in heftige Debatten der Gruppen untereinander auf. Der Mann, mit dem ich lebte, wurde dabei oft sehr scharf attackiert. Malte Rauch wurde aus Frankreich ausgewiesen. Ich bin dann auch gegangen. 

Für Sie war das Jahr 1968 in Paris der Einstieg zu einer künstlerischen Karriere, die Sie durch die ganze Welt führte. Sie haben immer wieder an politischen Brennpunkten gearbeitet. 
Ich hatte schon 1964 in Ost-Berlin gearbeitet. Das war sehr schwierig. Die Arbeitsbedingungen waren sehr eingeschränkt. Ich durfte auf bestimmten Straßenseiten nicht fotografieren und bestimmte Dinge überhaupt nicht zeigen. Ich hatte Aufpasser. Ich habe mehrfach in Polen gearbeitet, aber auch in London und Israel. 1975 habe ich die Nelken-Revolution in Portugal dokumentiert, die Situation nach dem Sturz der rechten Diktatur. Ich denke noch heute an ein bestimmtes Foto. Es war in Lissabon. Zwei alte Herren standen in einem Buchladen und studierten mit Begeisterung das neue Angebot. Oder ich erinnere mich an die Hoffnung in den Augen der Landbevölkerung im Norden Portugals. 

Gab es für Sie Grenzen als Fotografin? Haben Sie in bestimmten Situationen gesagt: Nein, das fotografiere ich jetzt nicht?
Ja, sicherlich. Ich erinnere mich an eine Situation in Haiti. Dort hatte ich sehr viel Elend gesehen. Eine Frau hatte sich ein behelfsmäßiges Kleid nur aus Lumpen zusammengesteckt. Ich habe diese Frau nicht von vorne gezeigt, sondern nur von hinten, um sie nicht bloßzustellen. Ich habe immer versucht, das Einverständnis der Menschen zu erreichen, die ich aufgenommen habe. Wo es mit Englisch nicht mehr weiterging, durch Handbewegungen, durch die Augen. Wenn die Menschen abwinkten, habe ich nicht fotografiert. Manchmal haben die Menschen so flehentlich geblickt, dass ich nicht fotografiert habe. Andererseits: Wenn Polizisten prügelten und es war mir möglich, das festzuhalten, habe ich es getan. 

Könnte man sagen: Sie haben die Opfer schützen wollen? 
Das ist mir zu großspurig. Wie verstehen Sie das? 

Indem Sie eben bestimmte Situationen nicht gezeigt haben.
Wissen Sie, das waren oft ganz normale Menschen, die einfach nur versucht haben, zu überleben. Man muss doch Rücksicht auf diese Menschen nehmen. Sie kennen doch die Touristen, die heute einfach durch Städte und Landschaften stürmen und keine Rücksicht nehmen. 

Sie haben auch soziale Umbrüche in Ihrer Heimatstadt Frankfurt dokumentiert, auch das wird nun in einer Ausstellung im Museum Giersch zu sehen sein. 
Ich habe immer wieder die Arbeitskämpfe festgehalten, zum Beispiel im Auftrag der IG Metall. Ich habe sehr viel für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gearbeitet. Und dann natürlich im Auftrag der FR. Da ging es dann zum Beispiel um die Porträts von Künstlern. Oder um Ausstellungen im Frankfurter Kunstverein. Ich habe die Aktionen des österreichischen Künstlers Otto Muehl gezeigt. Eine ganz wichtige Sache für mich waren die Proteste der Frauenbewegung, bei denen ich dabei war, die unter dem Motto standen: Mein Bauch gehört mir. Oder ich habe Obdachlose besucht, die am Main unter den Brücken schliefen. Oder Suppenküchen: Alles, was von der sozialen Situation in der Stadt erzählte. 

Was war Ihr Antrieb bei Ihrer Arbeit? 
Wenn man etwas gut machen will, dann muss man persönlich involviert sein. Sonst kann die Arbeit nicht gelingen. Es geht nicht ohne Engagement. Und das war bei mir vorhanden. 

Interview: Claus-Jürgen Göpfert 

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