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Panzer der Sowjetunion vor dem Rundfunkgebäude in Prag am 21. August 1968.
Prager Frühling
Politik

Die Geräusche der Nacht

Von Sibylle Plogstedt
07:52

Durch eine dunkle Gasse gehen, 
angeschmiegt an dich – träumen. 
Sie würde wenig verlangen
nur dir nahe sein wollen. 
Verlöre ich dich,
würde ich mich selbst verlieren. 

Das Gedicht einer Mitgefangenen. Erinnerungen steigen auf. Mit Marta werde ich in eine Zelle gelegt, kurz vor unserem Prozess gegen die „Bewegung der Revolutionären Jugend“ im Frühjahr 1971. Ich spüre sofort: ‚Mensch ärger dich nicht-spielen, sonst üblich im Gefängnis, ist nicht Martas Welt. Mit ihr stehen andere Spiele auf der Tagesordnung. Harte Spiele. Nichts ist harmlos an den Gedichten von Marta. 

Sehnsüchtig brennend, 
blind, blind, 
eine Balance auf dem Seil
beinahe 
auf jedem Wort ausrutschend 
deine Zeit verfehlend 
auf dem Friedhof schlafend
bringst du mir Mut bei, 
Schwester meiner Bangigkeit. 

Endlich will ich erfahren: War Marta verfolgt, oder war es der Wahnsinn, der Regie führte? War ihr Verhalten borderline? Ich fahre nach Böhmen, um sie zu finden. Mit der Erinnerung steigt die Angst hoch. Wie damals. 

Marta behauptet, sie werde nachts abgeholt und gefoltert. Irgendwann versuche ich, wach zu bleiben. Doch mir fallen die Augen zu. Am nächsten und übernächsten Morgen behauptet Marta: „Sie kommen, wenn du schläfst.“ Martas Gedicht:

Sich selbst überwindend wird man Sieger.
Nicht an einem Tag,
auch nicht nach einer schlaflosen Nacht früh am Morgen. 
Im Kampf mit sich, gibt es viel zu untersuchen, 
bis man die Wirklichkeit kennt und nicht nur den Traum. 
Bei jedem Erwachen erfährt man sie unverändert, 
redet sich ein, 
dass das Böse nicht da sei,
und führt ein Leben in falschen Sicherheiten. 
Lieber die Wahrheit sehen und ihr etwas abgewinnen.

Empfindlich geworden durch den Schlafentzug, beginne ich zu kontrollieren und verstärke, was mir zu schaffen macht. Ich entwickele Verfolgungsgefühle. Die Marta, die ich heute sehe, sieht anders aus, als die von gestern. Was, wenn es zwei Martas gäbe? Wenn die eine gegen die zweite vertauscht würde? Die von gestern hatte eine Goldkette. Wo ist die bei der Marta von heute? Gestern ging sie mit fettigen Haaren schlafen. Heute sind ihre Haare frisch. Wir haben nur alle sieben Tage einen Duschtag. 

Bei Nacht sind die Geräusche in Gefängnissen andere. „Zwangsjacken“, flüstert Marta im Bett neben mir. 

Nein, nicht diesen Weg, den ich jeden Tag genommen habe. 
Ich suche einen anderen,
der vertraut schien und bekannt, 
doch dann kam die Angst.
Es war kein Traum, 
aus dem ich morgens früh erwachte
und erkannte, dass ich verloren habe,
ich möchte, dass du meinen Namen – Marta – kennst
und nie glaubst, ich könnte dich verraten. 

In Südböhmen treffe ich die 80-jährige Mirka. Vier Jahre lang hielt sie Marta in ihrem Hof versteckt. Mirka sagte sie, dass sie sich vor ihrem Ehemann verstecke. Die Holzfällerin tat alles, um Marta zu schützen. Doch Marta zerriss ihre Familienfotos. „Da sehen Sie, was für ein teuflisches Frauenzimmer sie ist.“ 

Haarbüschel liegen auf Martas Kopfkissen. Ihre Augen reagieren auf Licht. Ihre Lider zucken, Schmerz durchfährt ihren Körper, sobald ich eine Zigarette anzünde. Sie steigt auf die doppelstöckigen Betten, strebt unaufhaltsam dem Licht entgegen. Angstvoll rufe ich sie an. „Was ist, wenn die Wärter dich dort oben erwischen?“ „Ich muss der Kraft des Lichts folgen!“

Was ich wissen will ist, ob meine Zeit mit Marta psychische Folter war. Drei Monate lang Tag und Nacht, 24 Stunden lang kein Ausweichen, keine Korrektur durch Gespräche mit anderen. Ich bin Marta ausgesetzt, immer nur Marta. 

Im Gefängnisarchiv gibt es ein Dokument, das Martas Vorstrafen auflistet. Fast ihr gesamte Leben hat Marta im Gefängnis verbracht. Mehr als 13 Mal hat sie gesessen wegen Betrugs. Nur beim ersten Mal war es versuchte Republikflucht. Als Marta bei der Holzfällerin Mirka gelebt hat, ist sie aus dem Gefängnis geflohen. 

Als Marta im Jahr 1970 aus der Haft entlassen wurde, hatte sie noch eine Bewährungsstrafe offen. Die musste sie nicht absitzen. Das spricht dafür, dass Marta belohnt wurde. Die Bezahlung für Spitzeldienste erfolgte nicht in Geld, sondern in Freiheit. Es gibt also etwas während unserer gemeinsamen Haftzeit, wofür Marta entlohnt wurde. 

Oder gehörte Marta der Stasi an? War sie ein Zellen-IM? Der Jurist Pavel Bret war zuständig für Aufklärung der Verbrechen aus der Zeit des Kommunismus. Er erklärte, dass die tschechisch-slowakische Stasi erst ab dem Jahr 1974 regulär dokumentiert hat, wie sie arbeitete. Davor galten Gesetze aus dem Jahr 1968, nach denen Zellen-IMs verboten waren. Wenn es sie gab, wäre das illegal gewesen. Schon deshalb wurde nichts schriftlich festgehalten. 

In der Zelle. Marta steht vor der Heizung. Die Heizung zischt und faucht. Marta ist bleich: „Gas“ stammelt sie. Ich halte den Atem an, um mich zu schützen. Um gleich darauf tiefer einatmen zu müssen. Marta spricht von Menschenexperimenten mit Gas. 

Kurz darauf ging es um Radioaktivität. Aus der Nachbarzelle kommt ein Kassiber, Pferd sagten wir zu den von Zelle zu Zelle gependelten Nachrichten. Der Text war voller Tippfehler. 53 zähle ich mit meinem mangelhaften Tschechisch. Auch in Martas Antwort fehlen Buchstaben. 

Marta behauptet, meine Mutter habe derselben Untergrundgruppe angehört wie sie. In der Zeit vor 1945. Marta ist 20 Jahre älter als ich. Marta nimmt eine Zeitschrift, zeigt auf einen blühenden Zweig. Der sei ein Zeichen. Kurz darauf werde ich von einem Wärter abgeholt. Ich habe unangemeldet Besuch von meiner Mutter. Die bringt mir einen blühenden Kirschzweig. Der Zweig, das Zeichen, zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Ich darf ihn mit in die Zelle nehmen.

Als ich sie in der Zelle befragen will, hat Marta sämtliche Tuben aus meinen Paketen geöffnet. Sie behauptet, vergiftet worden zu sein. Ich flöße Marta Tubenmilch ein. Sie liegt wie ein Baby in meinem Arm. Was das mit dem Kirschzweig auf sich hatte? Zu der Frage komme ich nicht mehr. 

Petr Uhl, mein damaliger Partner, hat die Suche nach Marta intensiv unterstützt. Er erzählt mir, auf welche Weise unser Richter Kašpar Karriere gemacht hat. „Vor unserem Verfahren war er ein einfacher Richter auf dem Land. Er kam nicht einmal aus Prag. Ihm wurde gesagt: Übernehmen Sie den Prozess gegen Petr Uhl und die anderen und Sie werden Gerichtspräsident. Er wurde Gerichtspräsident. Er hat nicht einmal selbst die Akten gelesen. Das übernahm sein Stellvertreter Zelenka. Ein paar Jahre später hieß es wieder: Wir haben hier wieder Petr Uhl. Der zweite Hauptangeklagte war Václav Havel. Verurteilen Sie die und Sie werden Minister. Und er verurteilte beide und wurde Justizminister.“ Petr hat mehr als neun Jahre im Gefängnis gesessen. 

Petr Uhl und ich gehen durch das Gerichtsgebäude. „Wir Frauen – das waren Petruška Šustrová und ich – sind damals in einem Auto von Ruzyne zum Gericht gebracht worden. Ihr Männer wurdet gefesselt.“ Petr stimmt ein: „Und als wir da gefesselt saßen, sagte Pavel Šremer: ‚Und jetzt haben wir nichts zu verlieren wie unsere Ketten.“

Jirina Šiklová, meine Mentorin am Soziologischen Institut der Akademie der Wissenschaften, an der ich 1968/69 ein Praktikum mache, hat unseren Prozess verfolgt. „Durch euren Prozess fingen wir an zu verstehen, dass die Okkupation dauerhaft sein würde. Und als wir sahen, dass die meisten von euch nur ein oder zwei Jahre Haft bekamen, haben viele von uns gesagt: Dieses Risiko können wir eingehen.“ Die „Bewegung der Revolutionären Jugend“ gibt den Anstoß zu einer Oppositionsbewegung, die weiter geht mit der Charta 77 bis zum Jahr 1989, bis zur Samtenen Revolution.

Bis zum Berufungsverfahren will ich durchhalten. Mit Marta gelingt das nicht. Der Druck ist zu groß. „Wollen Sie das wirklich bis zum Ende treiben,“ fragt der Vernehmer. Meine Angst vor der politischen Psychiatrie wächst. Ich unterschreibe die Ausweisung. Der Preis ist die Beziehung zu Petr. 

Marta ahnt, dass ich entlassen werde. Sie schreibt:

Inserat!
Tausche eine große Wohnung
Gegen zwei kleinere.
Tausche die Lüge, die dem Glück ähnelte,
gegen die Wahrheit der Einsamkeit,
gegen das Ausschneiden von Fotos aus dem Album.
Ich biete komfortablen Sonnenschein,
ein Dreizimmer-Leben. 
Im ersten klirren die Gläser,
lächelt mein Brautschleier, 
im zweiten suche ich die Kinder und 
finde Falten,
im dritten schweigen zerschlagene Teller. 
Ich biete eine große Wohnung
gegen zwei kleine.
Ich biete denjenigen Hoffnung, 
die Liebe in diese Wohnung bringen,
Sie sollen wissen: Nach zwei Seiten 
dürfen sie sich nicht bedienen,
können nicht alles haben wollen,
weil dann selbst eine große Wohnung 
eng wird.
Und dann biete ich Träume,
die wegen des Zeitmangels nicht 
verpacke,
die hier herumhängen, und die Sie 
finden werden.
Ich biete Küche, Bad und Zentralheizung
Und Gas vor dem ich flüchten muss. 

Damit ich nach 30 Jahren auch innerlich aus dem Gefängnis entlassen werde, muss ich Marta treffen. Sie stellt die Bedingung, dass ich keine Fragen stelle. Damit wird die Aufklärung zur Farce. Marta drückt mein Handgelenk, bis es weiß wird.  Sie liest: „Für Dich, Sibylle“:

Liebe!
Damit die Welt lebe
das Beste vom Leben.
Gott allein kann uns retten
und halten in der Welt.
Gesundheit.
Die Erfüllung deiner Wünsche,
vor allem Liebe.
Greif mit beiden Händen nach ihr.
Schenk sie weiter,
schütze und pflege sie
wie eine seltene Blume.
In Liebe sollen nicht nur wir beide leben
sondern die ganze Welt. 
Liebe
durchleuchte deine Lebensjahre.
Öffne dein Herz und geh auf sie zu. 

Und der tschechische Staat? 10 000 Kronen gibt es für mögliche gesundheitliche Schäden als Entschädigung. Die Haftentschädigung reicht, um mir in Prag einen Fotoapparat zu kaufen. Erteilt wird auch die politische Rehabilitation. Und die politische Anerkennung? Die Diskussion um 1968 und den Widerstand hat in Prag bis heute noch immer nicht begonnen. Leider!

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