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Prag im August 1968: Protestierer stehen mit einer Fahne der Tschechoslowakei auf einem umgekippten Militärfahrzeug.
Prager Frühling
Politik

„Ich war immer antikommunistisch“

Von Claus-Jürgen Göpfert, Stephan Hebel
14:59

Wir kennen uns seit 1981. Damals zog der gebürtige Tscheche Milan Horacek mit fünf anderen Parteimitgliedern der Grünen ins Frankfurter Stadtparlament ein. Er musste sich damals wüste Beschimpfungen der CDU anhören. Dreizehn Jahre zuvor, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, war Horacek nach Frankfurt geflohen. Im Interview in der Redaktion der FR in Frankfurt sprechen wir mit dem Mitbegründer der Grünen über die Hoffnungen und Enttäuschungen von 1968. Wir erfahren, wie Joseph Beuys den Grünen ihren Namen gab und hören, warum sich Horacek mit Angela Merkel gegen Rechts verbünden würde.

Herr Horácek, Sie sind aus der Tschechoslowakei geflohen, nachdem der Prager Frühling am 21. August 1968 von Truppen des Warschauer Pakts abgewürgt worden war.
Es gab für mich zwei Motivationen. Meine Mutter und meine Schwestern lebten schon seit 1966 in Deutschland. Ich war bei einem Strafbatallion als politisch Unzuverlässiger. Ich hatte als 18-Jähriger öffentlich gesagt, dass wir in einem großen Gefängnis leben und die Deutschen vertrieben wurden – das kann man in meiner tschechischen Staatssicherheitsakte auch nachlesen. Ich spielte damals in einer Beatgruppe, natürlich die Musik der Beatles und der Rolling Stones…

…welches Instrument?
Natürlich Schlagzeug. Ich habe schon immer Krach gemacht. Ein Freund wurde zu den Grenztruppen eingezogen, studierte dabei die Sicherheitsanlagen und fand heraus, wie die Flucht gelingen könnte.

Sie sind dann nachts über die Grenze zuerst nach Österreich und dann nach Bayern gegangen.
Das war Anfang September 1968. Als die Delegation von Generalsekretär Dubcek aus Moskau zurück war, wo sie gezwungen worden war, in dieser schändlichen Erklärung die Intervention des Warschauer Pakts gutzuheißen, sagte mein Freund: Ich komme mit Dir.

Zur PersonMilan Horácek 

Milan Horácek wurde am 30. Oktober 1946 in Velké Losiny in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 floh er nach Deutschland. Er war Mit-Organisator des Gründungs-Parteitages der Grünen 1980 in Karlsruhe. 

Zur Person1981

1981 gehörte er in Frankfurt am Main der ersten Römer-Fraktion der Grünen an, 1983 in Bonn der ersten Bundestagsfraktion. 1990 wurde er Berater des tschechischen Präsidenten Václav Havel. 

Zur Person2004 bis 2009

Von 2004 bis 2009 gehörte er für die Grünen dem Europaparlament an. Bei der Europawahl 2009 trat er nicht mehr an. Seit 2014 sitzt er im Präsidium des Bundes der Vertriebenen. (jg)

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Was hatten Sie sich erhofft in Deutschland?
Meine Schwestern hatten mir die Platte „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher zugeschickt. Wir haben das bei den Bausoldaten gespielt und sind dazu marschiert. Vollkommen gaga. Wir hofften auf eine andere Welt hinter dem großen Gefängnis. Es musste eine andere Welt geben.

Sie sind dann recht schnell nach Frankfurt am Main gekommen. Haben Sie die andere Welt dann dort gefunden?
Ja. Ich bin zu vielen Konzerten in der Festhalle und in der Jahrhunderthalle gegangen. Das Beste, was die Musik angeht, war aber dann das Konzert der Rolling Stones 1990 in Prag. Ich war in der Präsidenten-Loge zusammen mit Václav Havel, der eine Bomberjacke trug als Fan. Da hat sich für mich ein Traum erfüllt.

Sie waren 1980 beim Gründungs-Parteitag der Grünen in Karlsruhe dabei…
…den habe ich gemeinsam mit Lukas Beckmann organisiert. Ich war schon bei der Sonstigen Politischen Vereinigung vorher auf einer Liste für das Europaparlament, gemeinsam mit Joseph Beuys. Ich habe Beuys fünf Jahre nach dem Prager Frühling kennengelernt. Wir haben über Freiheit und Menschenrechte debattiert. Bei Beuys im Atelier haben wir mehrfach über die Gründung der Grünen diskutiert. Im Herbst 1977 waren dann auch Rudi Dutschke dabei, Petra Kelly, Otto Schily, der spätere SPD-Bundesinnenminister, und Jürgen Engel, der dann in Frankfurt die Grünen mitgegründet hat. Beuys hat uns ganz klar erklärt, dass wir Grüne heißen und die Sonnenblume als Symbol haben sollten. Einerseits wegen der Farbenlehre von Goethe, andererseits war bei der Sonnenblume auch ganz klar: Sie nimmt Sonnenenergie auf und gibt diese auch ab.

Eigentlich hätten Sie zu einem uneingeschränkten Anhänger des Systems in der Bundesrepublik werden müssen. Warum sind Sie statt dessen ein engagierter Kritiker der herrschenden Verhältnisse geworden?
Ausschlaggebend war das politische Milieu in Frankfurt. Ich hatte schon bald Daniel Cohn-Bendit kennengelernt. Die Spontis haben mir umgekehrt die Frage gestellt: Warum bist Du so antikommunistisch? Denn ich war immer auch klar antikommunistisch. Das heißt für mich insgesamt: anti-autoritär.

Sind Sie in der Szene in Frankfurt auch dafür angegriffen worden, dass Sie antikommunistisch waren?
Ja, aber selten. Weil ich mich zwischen Leuten bewegt habe, die antiautoritär waren. Die hatten Verständnis für mich.

Sie haben sich dann für den parlamentarischen Weg entschieden, haben Unterschriften gesammelt für die Kandidatur der neuen Partei Die Grünen, während Joschka Fischer das ablehnte. Es gab eine berühmt gewordene Szene in einer Frankfurter Kneipe, als Fischer die Unterstützer-Unterschrift verweigerte.
Schon für uns in der Tschechoslowakei war ein Mehrparteiensystem erstrebenswert gewesen. Und natürlich ging es um die Menschenrechte, die in Deutschland weitgehend gewährleistet waren.

Als die erste Fraktion der Grünen mit Ihnen 1981 in den Frankfurter Römer einzog, sind Sie von Rechts auch als Ausländer beschimpft worden.
Das setzte sich 1983 im Bundestag fort. Ich war der erste Ausländer, der dort am Mikrofon aufgetreten ist. Viele waren schockiert. Ein paar liberale Sozialdemokraten haben mich begrüßt. Und Johnny Klein von der CSU und Peter Glotz von der SPD haben mich zum Stammtisch der Sudetendeutschen eingeladen. Als ich dahin kam, haben sich demonstrativ ein paar CSUler weggesetzt.

Können Sie sich an Beschimpfungen erinnern?
Sicher. In Erinnerung ist mir geblieben: Man hat vergessen, Dich zu vergasen. Es gab auch üble Postkarten. Ich habe 1981 im Römer die erste Rede eines Grünen überhaupt gehalten. Da gab es Zwischenrufe: Was haben Sie hier zu suchen?

Haben Sie sich bei den Grünen damals als Reformer verstanden?
Nein, anfangs nicht, ich war lange harter Fundi.

Waren Sie froh, als die Radikalökologen 1991 die Grünen verlassen haben?
Radikalökologen ist schon der falsche Begriff. Diese Selbstdefinition täuscht vor, dass sie die einzigen und echten Grünen sind. Das war schon die Auseinandersetzung damals im Atelier von Beuys gewesen. Rudi Dutschke protestierte damals: Wir können doch nicht nach einer Farbe heißen! Wir müssen etwas inhaltlich im Namen tragen: Ökologisch, radikal. Aber das Grüne ist ehrlicher.

Zu was haben Sie sich entwickelt vom Fundamentalisten aus?
Ich war lange Zeit auch radikalpazifistisch, das war der Fundi in mir.

Durch welche Ereignisse beeinflusst haben Sie diese Position verlassen?
Ich wurde mit Realitäten konfrontiert. Das, was geschehen ist in Srebrenica im jugoslawischen Krieg, als Tausende von Menschen durch die Serben ermordet wurden. Zehn Jahre später war ich dabei, als Hunderte von Särgen beigesetzt wurden und nur Frauen und Kinder hinter den Särgen gingen. Man muss auch manchmal in eine Auseinandersetzung mit Gewalt hineingehen.

Würden Sie sagen, Sie sind ein Linker?
Ja. Das bezieht sich auf das Soziale und meine Ideale.

Welche?
Eine bessere Gesellschaft, in der sich der Mensch verwirklichen kann und dennoch soziale Verantwortung trägt.

Wenn heute jetzt die AfD antritt und sagt, sie will all diese Ziele und Ideale der 68er-Bewegung wieder konterkarieren und zurückdrehen, was halten Sie ihr entgegen?
Die AfD schafft es nicht. Wenn ich jünger wäre, würde ich mich mit denen prügeln. Es geht um eine Gruppierung, die grob intolerant und faschistoid ist. Ich kenne Alexander Gauland, den heutigen AfD-Vorsitzenden, seit 1981. Er war damals Büroleiter des Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Wallmann. Er ist sehr gebildet ...

...Was hat Gauland zu dem gemacht, der er heute ist?
Damals war Gauland relativ liberal. Er hat uns Grüne Anfang der achtziger Jahre immer korrekt behandelt. Er sagte: Lernt erst mal, den städtischen Haushalt zu lesen und zu verstehen, dann könnt ihr euch auseinandersetzen.

Was ist mit Gauland geschehen?
Ich glaube, die CDU hat ihn in seinen Augen zu wenig gewürdigt. Das ist seine Antwort.

Eigentlich ist doch die AfD weit unter Gaulands Niveau.
Ja. Das trifft zu. Aber ich habe schon vor Jahren gewettet, dass er Vorsitzender wird. Denn in solchen Gruppierungen setzen sich Leute durch, die gezielt schweinisch sind. Solche Sätze wie zu Merkel: Wir werden sie jagen – das steht dafür. Das begeistert die AfD-Gefolgsleute.

Sie sagten vorhin, die AfD werde es nicht schaffen. Was haben Sie damit gemeint?
Die AfD stößt an eine gewisse Grenze, weil sie in einer aufgeklärten politischen kapitalistischen Demokratie wie Deutschland nicht die Mehrheit bekommen wird. Die Grünen entwickeln sich gleichzeitig immer mehr zur neuen politischen Mitte.

Sollte man sich mit Angela Merkel gegen Rechts verbünden?
Ja, das muss man sogar. Ich habe Angela Merkel in Prag kennengelernt, als sie Umweltministerin war. Manchmal sagte sie etwas auf Tschechisch zu mir. Sie hat in Prag einen Teil ihrer Doktorarbeit gemacht. An der Prager Universität waren Leute, die hätten zur Zeit des Faschismus wie des Kommunismus da sein können. Die Kombination von evangelischer Pastorentochter und Naturwissenschaftlerin gibt es nicht oft. Angela Merkel ist nicht schweinisch, sie besitzt einen Rest von Humanität.

Das Interview führten Claus-Jürgen Göpfert und Stephan Hebel

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