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22. August 1968: Demonstranten vor der sowjetischen Militärmission Niederrad.
Prager Frühling in Frankfurt
Politik

„Ein Wendepunkt in der westeuropäischen Linken“

Von Claus-Jürgen Göpfert
07:51

Es ist noch früher Morgen, als die Nachricht vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag die Stadt Frankfurt am Main erreicht. Der 21. August 1968 ist erst wenige Stunden alt.
Volkhard Mosler, Mitglied im Frankfurter Vorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), wohnt damals im Walter-Kolb-Studentenhaus am Beethovenplatz. Dieses Gebäude im Stadtteil Bockenheim ganz in der Nähe der Johann Wolfgang Goethe-Universität war „die inoffizielle Zentrale des Frankfurter SDS“, sagt der mittlerweile 74-Jährige heute.

Mit anderen läuft Mosler am frühen Morgen durch die Stockwerke des Kolb-Hauses und informiert die Bewohner über das Geschehen in Prag. Gegen zehn Uhr kommt eine erste spontane Versammlung vor der Mensa der Frankfurter Goethe-Universität zusammen. Dort, am sogenannten „Labsaal“ an der Ecke zur Senckenberganlage, treffen sich freilich nur 50 bis 60 Studenten. Mosler hält nur eine Antwort auf den Einmarsch der Panzer in Prag für richtig: Eine Protestdemonstration. Sie soll durch die Frankfurter Innenstadt und dann zur damaligen Sowjetischen Militärmission im Stadtteil Niederrad ziehen.

Proteste als Antwort auf die Panzer in Prag

„Für mich war klar, dass wir das machen müssen“, sagt Mosler heute. Ihm und anderen sei es seinerzeit um „anti-autoritären Protest“ gegangen. Nicht nur der blutige Krieg der USA in Vietnam dürfe Ziel der Kritik sein, sondern auch die Unterdrückung von Freiheitsbestrebungen in den Staaten des Warschauer Pakts.

Diese Haltung ist 1968 nicht unumstritten. Mosler erinnert sich, dass es unter den SDS-Mitgliedern, die sich damals vorm „Labsaal“ treffen, auch einige „Alt-Stalinisten“ gegeben habe. „Die unterstützten den Einmarsch und sprachen sich gegen eine Solidaritätsdemonstration aus.“
Letztlich hätten sie aber „keine Chance“ gehabt. „Wir hatten in den Monaten zuvor die Ereignisse in der damaligen CSSR genau verfolgt.“ Für Mosler und die Mehrheit ist klar, dass sie an der Seite der Demokratiebewegung in der Tschechoslowakei stehen. Dem damaligen SDS-Aktivist ist damals auch noch der Auftritt von Studentenführer Rudi Dutschke in Prag im März 1968 vor Augen. Dutschke wurde damals von der Jugendkommission der Christlichen Friedenskonferenz überraschend in die tschechoslowakische Hauptstadt eingeladen. Mehr als 1000 Studenten kamen zu Dutschkes Auftritt an der Prager Karls-Universität – doch die Ikone der deutschen Studentenbewegung wurde zwiespältig aufgenommen. Er galt vielen als Vertreter des Marxismus – und der wurde im Prager Frühling mit Unterdrückung gleichgesetzt. 

Aber am 21. August ist für die Studenten in Frankfurt, die sich vor dem „Labsaal“ getroffen hatten, klar: Wir demonstrieren für die Demokratie in Prag. Tatsächlich zieht bald eine kleine Gruppe durch die Stadt bis zur sowjetischen Militärmission in Niederrad. Volkhard Mosler hält dort eine Rede. 

Am Abend des 21. August ruft der SDS dann zur Versammlung im Kolb-Heim, bei der Hans-Jürgen Krahl, der intellektuelle Kopf der Bewegung in Frankfurt, und Mosler über die Kämpfe in Prag informieren.

Mosler formuliert mit anderen zusammen ein Protest-Flugblatt des SDS gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Darin wird der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes als „manifester Rückfall in den geschichtlich längst überholten Stalinismus“ kritisiert. Es handele sich um einen „erneuten Verrat am proletarischen Internationalismus“ und um die „gewaltsame Unterdrückung einer freien sozialistischen Entwicklung“.

Prag 1968, das sagt Mosler heute, sei „ein Wendepunkt in der westeuropäischen Linken“ gewesen. Damals habe man die Basis für den sogenannten „Eurokommunismus“ gelegt, bei dem sich die kommunistischen Parteien Westeuropas in den 70er Jahren von der Sowjetunion distanzierten. Mosler selbst engagierte sich nach 1968 im Institut für Sozialforschung in Frankfurt und war als Sozialarbeiter tätig.

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