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1914: Gruppenbild mit Monarch, Wilhelm II. und Mitglieder der Kaiserlichen Marine.
Christopher Clark: Die Schlafwandler
Politik

Zwanghaftes Handeln

Von Harry Nutt
16:14

Als der Prager Journalist Egon Erwin Kisch im Sommer 1913 von Montenegro aus in die Hafenstadt Rijeka im heutigen Kroatien wanderte, wurde er von lauten Gewehrschüssen überrascht. Er war sich sicher, dass ein Krieg ausgebrochen war, aber seine Begleiter beruhigten ihn, es seien lediglich montenegrinische Jugendliche gewesen, die mit russischen Gewehren auf kleine Fische in den Gebirgsbächen zielten.

Das Bewusstsein, sich in explosiven Zeitläuften zu bewegen, die alsbald in einen Krieg umschlagen konnten, war in den Jahren vor 1914 stark ausgeprägt. Aber wenn man zu dieser Zeit von Krieg sprach, dachte man eher an lokal begrenzte Konflikte. Der Balkan war eine Region, in der es jederzeit losgehen konnte. Den Beginn des Ersten Weltkriegs, der sich in unserem heutigen Geschichtsbewusstsein als katastrophale Zäsur tief eingeprägt hat, registrierten viele Zeitgenossen des Jahres 1914 zunächst arglos als Ausbruch des dritten Balkankriegs innerhalb weniger Jahre.

Der britisch-australische Historiker Christopher Clark nimmt die brenzlige Situation auf dem Balkan zum Ausgangspunkt seiner umfangreichen politischen und sozialgeschichtlichen Neuinterpretation jener historischen Konstellation, die im Sommer 1914 in den Ersten Weltkrieg mündete. Dass es überhaupt dazu kommen konnte, hat sehr viel mit einer sich zum Ende des Jahrhunderts rasch verändernden geopolitischen Landkarte zu tun. Aus einem multipolaren System, in dem die jeweiligen Mächte durch diverse Bündnisse miteinander verknüpft waren, erwuchs ein gefährliches bipolares System, in dem sich am Ende Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien einem Bündnis aus Frankreich, England und Russland gegenüberstanden, wie unterschiedlich auch immer deren jeweilige Einzelinteressen lauten mochten.

Die nationalistischen und irridentistischen Bewegungen auf dem Balkan, deren Aktivitäten dreißig Jahre zuvor in den Hauptstädten der Zentralmächte kaum wahrgenommen worden wären, berührten nun ganz unmittelbar deren wirtschaftliche und geostrategische Handlungsspielräume.
Erst durch die Veränderungen in der Machttektonik konnte es so weit kommen, dass ein Anschlag einer dubiosen bosnisch-serbischen Terrorgruppe die Welt in einen Krieg trieb, in dessen Verlauf Millionen Menschen den Tod fanden oder verkrüppelt wurden und zwei Kaiserreiche sowie das russische Zarentum untergingen.

Nach bisheriger Lesart der Situation von 1914 war es ein nervöser Zeitgeist, der die Menschen aggressiv-aufbruchslustig in ein epochales Kriegsabenteuer trieb. Damit verbunden hält sich hartnäckig die Vorstellung von einer Zwangsläufigkeit des Krieges, die viele Historiker in der Beantwortung der Schuldfrage aufzulösen versuchten. Christopher Clark indes gelingt es auf ebenso elegante wie kluge Weise, die einengende Schuldfrage hinter die komplexe Analyse einer Situation zurückzustellen, in der es zum Schlimmsten kommen konnte. Die Ermordung des habsburgischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo ist das tragische Schlüsselereignis, das den Anfang vom Untergang der alten Welt auslöste und der neuen vor Augen führte, dass der Aufbruch in die Moderne mit einer gewaltigen Entfesselung hoch entwickelter Zerstörungspotenziale einhergehen kann. Aber musste es auch dazu kommen?

Zu den Kernüberlegungen der Schuldfrage gehörte stets der Gedanke, dass die Schüsse von Sarajevo lediglich ein Vorwand für im Geheimen längst entwickelte und beharrlich vorangetriebene Kriegsplanungen waren. Die spürbar im Niedergang befindliche Doppelmonarchie Österreich-Ungarn sah sich nach dieser Lesart zum Handeln gezwungen, und für das wilhelminische Deutschland war es nicht nur eine Pflicht, dem Bündnispartner beizustehen, sondern sie bot auch die Gelegenheit zum aktiven Eingreifen in die sich verändernden Macht- und Kräfteverhältnisse.

Clark entfaltet in seinem Opus magnum ein Tableau aus gegenläufigen Theoremen und Indizien, die sich einer einfachen Lesart widersetzen. Keineswegs standen im Sommer 1914 alle Zeichen auf Krieg. Selbst der französische Regierungschef Raymond Poincaré schien nicht sonderlich beunruhigt, als er am Nachmittag des 28. Juni ein Telegramm mit der Nachricht von den Attentaten aus Sarajevo erhielt. Er befand sich mit Staatsgästen auf der Galopprennbahn von Paris-Longchamps und wartete zunächst den Ausgang der Nachmittagsrennen ab, ehe er sich Gedanken zur veränderten Weltlage machte.

Die Episode sagt nicht nur etwas über die unterschiedliche Wahrnehmung von der Gefahrenlage aus. Anschaulich vermag Clark auch nachzuerzählen, dass das politische Geschehen der Juli-Krise von widersprüchlichen Regungen und Aktivitäten sowie einer enormen Fluidität der Machtverhältnisse innerhalb der europäischen Exekutive geprägt war. Wilhelm II. zum Beispiel war ein launischer, von starken emotionalen Schwankungen geprägter Monarch, dessen verbale Entgleisungen bekannt und gefürchtet waren. Seine Impulsivität überspielte indes eine innere Verunsicherung, die ihn eher als Zauderer denn als entschlossen Handelnden erscheinen ließ.

Clark belässt es nicht beim bloßen Studium der verfügbaren Akten, die schon bald nach dem Ende der Schlachten in einen „Weltkrieg der Dokumente“ führten, der Einfluss auf die Konstellation ausübte, die in den Zweiten Weltkrieg führten. Aber lineare Argumentationsfiguren sind Clarks Sache nicht. „Die Schlafwandler“ bietet vor allem deshalb ein abwechslungsreiches Lektüreerlebnis, weil der Autor es beeindruckend versteht, historische Fakten mit psychologischem Einfühlungsvermögen aufzubereiten. Es waren nicht nur eigensinnige, mit bemerkenswerten Schwächen ausgestattete Monarchen, die unter den Historikern den Verdacht nie zu zerstreuen vermochten, dass sie, wenn sie schon buschige, grüne Straußenfedern auf ihren Kopfbedeckungen trugen, auch entsprechende Gedanken und Motive gehabt haben mussten.

Darüber hinaus aber waren diese umgeben von ehrgeizigen Kanzlern, Außenministern sowie diplomatischen und militärischen Eliten, die alles andere als ein klares Bild von der Zeit, in der sie lebten, und der Zukunft in der sie leben wollten, zu zeichnen vermochten. „Wir müssen zwischen den objektiven Faktoren“, so Clark, „die auf die Führungspersonen einwirkten, und den Versionen unterscheiden, die sie sich selbst und gegenseitig über das, was sie taten, einredeten – nicht zuletzt der Frage, warum sie es taten. Alle Hauptakteure in unserer Geschichte filterten das Weltgeschehen durch Narrative, die sich aus einzelnen Erfahrungen zusammensetzen und von Ängsten, Projektionen und Interessen zusammengehalten wurden, die man als Maximen ausgab.“

In Deutschland etwa belastete eine düstere Vision künftiger Invasionen und Teilungen letztlich auch die Entscheidungsprozesse des Sommers 1914. Und Frankreich hatte nach der Niederlage von 1871 notgedrungen danach Ausschau halten müssen, die neue, Angst einflößende Macht an seiner östlichen Grenze einzudämmen.

Indem Christopher Clark die Vorgeschichte der 100 Jahre zurückliegenden Katastrophe minutiös rekonstruiert, öffnet er auch den Blick für das Vorhandensein politischer Optionen. Ein Europa, das sich zwei Weltkriege hätte ersparen können, wäre auch 1914 schon denkbar gewesen. Die Akteure von 1914, schreibt Clark, sind unsere Zeitgenossen. Eine tiefe Kluft der ethnischen und politischen Perspektiven verhinderte jedoch einen Konsens und beschädigte das Vertrauen. „Von so mächtigen supranationalen Institutionen, die heutzutage einen Rahmen für die Verteilung von Aufgaben, die Schlichtung von Konflikten und die Suche nach Lösungswegen bieten, konnte man damals nur träumen.“

Daran sollte man auch denken, wenn man wieder einmal über die Schwäche der UN und das Versagen von Brüssel räsoniert.

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