© Paulus Ponizak, FR
„Wir kennen beide Welten, und wir stehen dazu.“ Sven, Nadine, Steven, Ilka und Dirk (von links) in der Aula ihres alten Gymnasiums in Delitzsch.
Eine Wiederbegegnung
Politik

Wie wir wurden, was wir sind

Von Steven Geyer
15:59

Steven Geyer und seine Mitschüler aus Sachsen waren 12 Jahre alt, als die Mauer fiel. Ihre Wünsche und Träume schrieben sie damals in Freundschaftsbücher ein. Sind sie in Erfüllung gegangen? Eine Wiederbegegnung in ihrem alten Gymnasium in Delitzsch.

Da stehen wir nun, fast 20 Jahre, nachdem wir in dieser Schule zum ersten Mal begrüßt wurden. Wie viel größer kam uns die Aula des Gymnasiums damals vor, wie eng und muffig wirkt das alles heute. Fünfzehn Jahre sind vergangen, seit wir zuletzt gemeinsam hier in unserer nordsächsischen Heimatstadt Delitzsch bei den Abi-Prüfungen saßen, fünfzehn wilde, schnelle Jahre. Der Untergang der DDR platze mitten in unsere Pubertät, dann die Wiedervereinigung und mit ihr ein Neustart, der uns genauso überrollte wie unsere Eltern. Auf einmal war alles möglich. Nur was wollten wir?

Vage und doch überschwänglich, naiv und doch prophetisch wirken unsere Wünsche und Ziele von damals, wenn man sie heute liest. Dass wir sie überhaupt aufgeschrieben haben, lag an einem anderen Nachwende-Phänomen: Die Mädchen unseres Jahrgangs legten in bunten A5-Büchlein Steckbriefe an, die sie von ihren Freundinnen und Klassenkameraden ausfüllen ließen – von Lieblingsband über Lieblingsfilm bis zu Traumberuf und „größter Wunsch“. So beginnen diese „Krümelbücher“ dort, wo die Erinnerungsmarathons zu „20 Jahre Deutsche Einheit“ in Fernsehen und Festreden aufhören: mit dem Tag der Wiedervereinigung.

Katrin etwa träumte mit 13 von Italien. Obwohl weder sie, noch ihre Eltern bis dahin je einen Fuß auf italienischen Boden gesetzt hatten, war ihre Lieblingsstadt Turin. Ihr Eintrag stammt vom 18. September 1990. Damals wünschten sich unsere Altersgenossen im Westen vermutlich gerade, zum ersten Mal nicht mehr mit den Eltern in den Italienurlaub fahren zu müssen.

Inzwischen hat Katrin Italien oft besucht, sagt sie. „Und bei Turin hatte ich recht: Es ist traumhaft.“ Ein Herzenswunsch fiel ihr damals dagegen nicht ein: „Ändert sich ständig“, schrieb sie. Uns anderen ging es im Grunde auch so. Susan wollte einen „guten Beruf“ und unbedingt mal nach Australien. Ilka wollte „viele Länder und die Menschen dort kennen lernen“ und dann „Managerin“ werden, ohne recht zu wissen, was sie dann zu tun hätte. Dirk hasste Umweltverschmutzung und liebte seine Gitarre und Bon Jovi. Und Anja wollte nur „reisen, reisen, reisen“. Fast klingt es, als hätten wir unseren Eltern zeigen wollen, dass sie für die richtigen Dinge auf die Straße gegangen waren.

Haben wir wirklich Phil Collins gehört?

„Was sollten wir uns auch sonst für Lebensziele ausmalen“, sagt Sven heute und grinst. „Wir hatten ja gerade noch in einer anderen Welt gelebt.“ Eben schärften unsere Eltern uns noch ein, in der Schule nicht vom Westfernsehen zu reden und nicht weiterzuerzählen, wie sie auf die DDR schimpften. Und nun, kein Jahr später, bekannten wir uns in den Büchlein so freimütig zu unseren Lieblingsmusikern aus dem Westen, zu Vorabendserien wie dem „A-Team“ (Jungs) und „Beverly Hills“ (Mädchen) und zu dem Wunsch, „eine Weile in den USA zu leben“, als hätten wir die jahrelange DDR-Erziehung auf einen Schlag abgeworfen. Aber haben wir das damals tatsächlich?

Unsere Steckbriefe sind Dokumente einer Zeit, die zwischen dem Einheitstrubel, Hartz-IV-Ärger und Mauerfall-Erinnerungskitsch in Vergessenheit geraten ist. Haben wir wirklich Phil Collins gehört? Wir hätten schwören können, schon damals nur auf The Cure oder Depeche Mode gestanden zu haben. Wie lange dauerte es, bis alle Telefonanschluss hatten? Noch 1993 schrieben viele „kommt bald“. Was ist eigentlich aus dem Chemielehrer geworden, der ein paar Mal als „Lieblingslehrer“ auftaucht und eines Tages wegen seiner einst zu großen SED-Nähe degradiert wurde? Und wie lange hat uns die neue Konsumwelt so fasziniert, dass wir am liebsten „Hamburger mit Pommes“ aßen und „auf eine einsame Insel“ Dinge mitnehmen wollten wie „Punica Oase“ – weil die ja den Durst so gut löscht?

Was unsere großen Ziele angeht, können wir nicht klagen. Susan arbeitet in Leipzig in der Finanzabteilung einer großen deutschen Bank. Ilka hat inzwischen in Südafrika und im Sudan gearbeitet, zuletzt koordinierte sie die Umsetzung von Teilen des Konjunkturpakets II in der Region Frankfurt/Main. Anja hat auch schon anderthalb Jahre in Kalifornien gelebt, und Dirk hat die neue Freiheit dazu genutzt, verschiedene Lehren abzubrechen, bis er sich dann doch entschloss, Berufsmusiker zu werden. Seit zwei Jahren lebt er von Gigs mit einem Folkprogramm, seiner Ärzte-Cover-Band und Gitarrenstunden. Sein früherer Gitarrenlehrer musste zu DDR-Zeiten noch in der Landwirtschaft schuften und durfte nur am Wochenende auftreten. Er hätte sich ein Leben wie Dirks gewünscht. „Damals wäre ich vermutlich Heizungsmonteur geworden und hätte es gehasst“, sagt Dirk. „Wir sind eindeutig die Wendegewinner.“

Es war gar nicht so leicht, eine Handvoll ehemaliger Klassenkameraden zusammenzutrommeln, um darüber zu reden, was aus uns geworden ist. Von 147 Schülern lebt heute fast die Hälfte im Westen oder im Ausland. Diane, die sich laut Krümelbuch schon 1992 aus der Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft nach Frankreich sehnte, lebt heute mit ihrem französischen Ehemann und drei Söhnen in Lyon. Nico, der sich vorgenommen hatte, „die Welt vor der Katastrophe zu retten“, berät heute als Psychologe in München westdeutsche Firmen darin, ihre „Personalentwicklung als strategisches Instrument in der Unternehmensführung“ zu verbessern. Und Katrin hat nicht nur Italien gesehen, sondern forscht heute über Stammzellen an der Harvard Medical School in Boston. Ihre Abschiedsparty aus Deutschland hat sie vor vier Jahren in Delitzsch gefeiert, ihre Mutter wohnte bis vor kurzem noch in dem Neubaublock, in dem Katrin aufgewachsen war.

So geht es den meisten von uns: Für unsere Eltern wäre ein Leben wie unseres völlig utopisch gewesen, als sie so alt waren wie wir heute. Deshalb überrascht es viele aus ihrer Generation, auch und vor allem im Westen, wo sie uns überall treffen.

Als ich nach meinem Studium als Praktikant in Johannesburg, Südafrika, arbeitete, sprach ich bei einem Empfang in der deutschen Botschaft mit dem damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens, dem heutigem Bundespräsidenten Christian Wulff. „Wo ich auch hinkomme, in Westdeutschland oder im Ausland, überall treffe ich zuerst auf junge Ostdeutsche“, sagte er. „Es wird Ihre Generation sein, die die deutsche Einheit wirklich vollendet.“ Ich nickte, hatte aber meine Zweifel. Ich wusste, dass in den Westbiografien unserer Generation Mauerfall und Einheit gerade einen Halbsatz zwischen Neuer Deutscher Welle und Fußball-WM-Sieg 1990 einnehmen. Wie viel Interesse an einer echten, gemeinsamen Einheit war da zu erwarten? Und was uns junge Ossis anging: Wir hatten unseren Übergang in den Westen 1990 für besonders geschmeidig gehalten, weil wir schon zu DDR-Zeiten AC/DC den Puhdys vorzogen. Unsere erste Klassenfahrt nach der Wende ging nach Österreich. In den Steckbriefbüchern verschwanden die Postleitzahlen mit dem O für „Ost“ davor, und als „Lieblingsland“ gab bald niemand mehr trotzig oder hilflos „DDR“ an. Schon fühlten wir uns kaum noch als Kinder des Ostens.

Doch dann schlug die Stimmung um. Wenn die DDR uns nicht zu Ossis gemacht hatte, sorgten die 90er Jahre dafür. Unsere Eltern befürchteten, als Deutsche zweiter Klasse zu gelten, und wehrten sich dagegen, die Fördergelder für den Osten vorgerechnet zu bekommen, obwohl sie jede D-Mark fürs neue Auto genauso hart erarbeiteten wie die Wessis. Ich weiß nicht, wie lange ich nur heftig mitnickte, wenn meine Eltern darüber schimpften, und ab wann ich tatsächlich selbst sauer war. In Delitzsch bangten Schokoladenwerk und Zuckerfabrik, die die Stadt DDR-weit berühmt gemacht hatten, um ihre Existenz. Im Krümelbuch hatte Ilka als Adresse noch Fabrikstraße 2c eingetragen – bald gab es beides nicht mehr: Wohnblock abgerissen, Fabrik dicht. Auch die anderen großen Arbeitgeber entließen Leute, und viele von uns fanden kaum Lehrstellen im Osten. Während den Ossis im Fernsehen attestiert wurde, sie sähen den Staat zu sehr als Versorger, tingelten wir von Praktika in Hamburg oder München zu befristeten Jobs in Schwaben und Hessen.

Als Sven sein Diplom als Vermessungsingenieur in den Händen hielt, zu dem ihm wegen des Baubooms in der Ex-DDR alle Welt geraten hatte, war der Bauboom gerade vorbei. Er nahm einen Job bei Wiesbaden an. Und litt. „Die meisten Kollegen dort waren über 50 und machten ihre Witzchen über den Osten als „Dunkeldeutschland“, obwohl drei Viertel von ihnen noch nie dagewesen waren.“ Vor neun Jahren fand Sven eine Stelle in Delitzsch – und ging zurück. „Ich habe hier meinen Heimathafen“, sagt er. „Es kommt immer darauf an, was dir wichtig ist: Wer vor allem Geld verdienen will, ist im Osten falsch. Mir ist mein Freundeskreis und meine Familie wichtiger.“ Er habe den Eindruck, diese Mentalität unterscheide uns von gleichaltrigen Westlern.

Wer blieb, trainierte sein Sächsisch ab

Auch Nadine blieb wegen Familie und Freunden im Osten. Ihr Kunstgeschichtsstudium brachte ihr eine der ersten Festanstellungen ihres Studienjahrgangs: im Heimatmuseum von Delitzsch. Ein paar Jahre später kandidierte der Museumsdirektor als Bürgermeister. Der Parteilose gewann ohne jede Politikerfahrung völlig überraschend die Wahl. Nadine stellte er als als seine Sprecherin ein. Sie findet es reizvoll, dass noch so viel in Bewegung ist. Dass man hier auch bei 12 Prozent Arbeitslosigkeit Projekte stemmt, wie bundesweite Musterstadt für Energieeffizienz zu werden oder sich um die Landesgartenschau zu bewerben. Gerade Delitzschs Partnerstadt Friedrichshafen am Bodensee wirke dagegen, naja, irgendwie satt. Sie will nichts Schlechtes über den Umgang miteinander sagen. Aber mit den Leuten der polnischen Partnerstadt sei das Ganze viel herzlicher.

Diejenigen von uns, die im Westen blieben, trainierten derweil ihr Sächsisch ab, wurden kaum noch herablassend behandelt, pendelten immer seltener in die Heimat – und freundeten sich dennoch vor allem mit Exil-Ossis an. Petra, die seit fast zehn Jahren in Frankfurt am Main arbeitet, ist nach mehreren gescheiterten Beziehungen mit Westmännern nun mit einem Ostler verheiratet. Ines erzählt, ihr Chef habe sie mal gerüffelt, als sie von den Lernpatenschaften zwischen besseren und schwächeren Schüler erzählt habe. Sie solle sich damit abfinden, dass die DDR untergegangen sei. Und ausgerechnet René, der im Krümelbuch „auch mal in der Heimat bleiben“ statt einer Lieblingsstadt angepriesen hatte, arbeitet in Frankfurt an der gesamtdeutschen Geldpolitik mit. Bei der Bundesbank habe er viele nette Westkollegen – seine Ehefrau stammt jedoch aus Sachsen, und die gemeinsamen besten Freunde auch. „Ich komme bestens mit meinen westdeutschen Kollegen klar“, sagt er. Aber privat verstehe man sich wohl doch am besten, wenn der eine auch das hört, was der andere meint.

Wenn wir von Moskauer Milcheis und Gulaschkanone schwärmen, wollen wir keine Debatte über den Stalinismus und die Nationale Volksarmee. Wenn die Mädels unserer Klasse sich 1991 „einen guten Beruf“ und einen „kinderlieben Mann“ wünschten, wollen sie heute nicht diskutieren, ob sie trotz der Kinder Vollzeit arbeiten können. Man könne von einem Staat, über den wir bestimmen und den wir finanzieren, erwarten, dass er dabei hilft, findet Susan. Ihr Mann arbeitet auf Montage, seit sie zusammen sind, in Sachsen findet er keinen angemessenen Job. Nur weil die Oma und die Kita bei der Kinderbetreuung entlasten, kann Susan ihrer Karriere so nachgehen, wie sie es sich vorstellt. Ein Anspruchsdenken, das die DDR geprägt hat? Das mache die Aussage nicht falscher.

Das Gleiche denken meine Klassenkameraden über unser altes Schulsystem, das die Kinder nicht schon nach der vierten Klasse nach Elite und Mittelmaß aussiebte. Kerstin, die am Ende unserer Schulzeit den Abiturpreis fürs beste naturwissenschaftliche Zeugnis bekam, sagt, sie habe bis zur Fünften nur Dreien geschrieben. Im Westen wäre sie nie aufs Gymnasium gekommen. DDR-Nostalgie? Von wegen. Wir kennen beide Welten, und wir stehen dazu.

Vielleicht könnte unsere Generation ja tatsächlich die Einheit vollenden. Aber das wird nur klappen, wenn unsere Besonderheiten nicht mehr als Schwächen gelten, weil sie von der Westnorm abweichen. Wir haben die Kämpfe der Wende wahrgenommen, aber nicht gekämpft. Wir waren nicht die Helden, dafür wurden wir auch nicht zu den Enttäuschten. Die Debatte, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, interessiert uns nicht mehr. Wir haben uns früher als die meisten zum Westen bekannt, das können wir mit vielen bunten Seiten beweisen, die wir vor 20 Jahren bekritzelt haben, und mit vielen Wünschen und Träumen, die allesamt im Westen spielten.

Nur werden wir auch nicht mehr verleugnen, dass wir in einer anderen Zeit aufgewachsen und von einem anderen Land geprägt wurden. Wenn das mit den eingetretenen Wegen nicht vereinbar ist, bitteschön. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir uns eigene suchen.

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