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Auschwitz, 2018: Die 14-jährige Anna Nussbächer, ihre Eltern und ihr vier Jahre jüngerer Bruder kamen im Juli 1944 dorthin.
Auschwitz-Überlebende
Politik

„Ich bin zum Leben verurteilt“

Von Petra Pluwatsch
16:05

Mögen Sie Espresso?“, hatte Anna Nussbächer am Telefon gefragt. „Dann setzen wir uns in die Küche und reden.“ Ja, ich mag Espresso. Und ich möchte reden. Über Anna Nussbächers Leben, das sie in einem Brief an diese Zeitung in ein paar Sätzen zusammengefasst hat. „Ich bin 87 Jahre alt und als Kind war ich ein Jahr lang im KZ, da ich Jüdin bin. Mein Mann war Sachse. Wir sind beide aus Siebenbürgen. Wir haben in Mittelfranken gelebt. Nach unserer Pensionierung sind wir nach Köln gezogen.“

Ein Vorfall in einem Kölner Bridgeclub, der sie sehr gekränkt hat, habe sie zu dem Brief veranlasst. „Warum schreibe ich Ihnen das alles? Weil ich festgestellt habe, dass die Deutschen sich nicht geändert haben. Es gibt eine Schicht echter Humanisten, den Rest kann man vergessen.“ 

Zwei Wochen später sitzen wir in ihrer penibel aufgeräumten Küche. Im Hintergrund blubbert eine Espressomaschine. Auf dem Tisch steht eine Schale mit französischem Gebäck. Anna Nussbächer zieht an einer Zigarette. Ihr weißes Haar ist kurz geschnitten, ein Rollator steht bereit. Selbst innerhalb der Wohnung, die sie seit dem Tod ihres Mannes allein bewohnt, kommt sie nicht ohne Gehhilfe aus. 

„Was soll ich erzählen?“, fragt Anna Nussbächer. Und bittet darum, dass im Artikel nur ihr Mädchenname genannt wird. „Ich bin in Siebenbürgen in einer Kleinstadt aufgewachsen. Mit zwölf umgesiedelt nach Klausenburg, in die Hauptstadt von Siebenbürgen. Mit 14 wurde ich deportiert. Mein Vater war Kaufmann, meine Mutter war Hausfrau.“ 

Anna Nussbächer schweigt. Sie nippt an ihrem Espresso. Schaut aus dem Fenster. Regen pladdert gegen die Scheiben. Auf der Terrasse trotzen ein paar Alpenveilchen der ersten Winterkälte. Sie zieht an ihrer Zigarette. „Stört es Sie, wenn ich rauche? Wie ist der Espresso?“ 

Es falle ihr schwer, über „das alles“ zu reden, sagt Anna Nussbächer schließlich. Über die Zeit in den Lagern: Auschwitz, Plaszow, Taucha. Über die gescheiterte erste Ehe, geschlossen 1947, als sie kaum 17 war. Über die Übersiedlung nach Israel knapp 20 Jahre später, die nach nur sechs Wochen ein Ende fand. Ihr zweiter Mann Richard, ein Siebenbürger Sachse, ein Deutscher also, sei dort nicht willkommen gewesen. „Wir mussten wieder gehen, und weil wir nicht wussten, wohin, sind wir nach Deutschland gekommen.“ 

„Ich habe keine Heimat und keine Muttersprache“, sagt Anna Nussbächer. „Ich hänge an keinem Besitz, denn ich weiß, dass nichts Bestand hat. Alles, was wir hatten, ist zugrunde gegangen.“ Die 87-Jährige hat einen Großteil ihrer Familie im Holocaust verloren, darunter den Vater und den Bruder. „Ich bin eine wandernde Jüdin und habe mich selber überlebt. Das ist kein schönes Gefühl.“ 

Anna Nussbächer hat Sätze wie diese schon in ihrer Autobiografie „Warum wurde ich zum Leben verurteilt?“ geschrieben. Das schmale Buch, wenig mehr als 100 Seiten umfassend, entstand nach dem Tod ihres Mannes vor neun Jahren und ist auf Deutsch und auf Englisch erschienen. Selbst Richard, dem Gefährten in 46 Ehejahren, habe sie lange nicht von ihren Lagererlebnissen erzählen können, sagt sie. „Er hat mir das sehr übel genommen, aber es ging einfach nicht.“ 

Anna Nussbächer schiebt einen Ärmel ihres Pullovers hoch. „Sehen Sie!“ Sie zeigt auf einen hellen Streifen Haut auf ihrem linken Unterarm. Hier habe sie gestanden. Die Häftlingsnummer, die man ihr 1944 in Auschwitz ins Fleisch tätowiert habe. Nummer 23727. „Ich habe sie entfernen lassen, als eine meiner Schülerinnen mich gefragt hat, ob das meine Telefonnummer sei.“ Atheistin sei sie nach ihrer Rückkehr aus dem KZ geworden, sagt sie. „Damals habe ich mir außerdem geschworen, keine jüdischen Kinder auf diese Welt zu bringen. Dazu gibt es zu viel Antisemitismus, und ich wollte nicht, dass sie jederzeit beleidigt oder ermordet werden können, bloß weil sie Juden sind.“ 

Anna Nussbächer wird im März 1930 in einer Stadt mit vielen Namen geboren, Nagyenyed heißt der Ort auf Ungarisch, Aidu auf Rumänisch. Straßburg am Mieresch nennen ihn die Deutschen. Seit Ende des Ersten Weltkriegs gehörte er zu Rumänien. „Ich hatte eine sehr schöne und normale Kindheit“, sagt Anna Nussbächer. Vor allem die Ausflüge mit dem Großvater seien ihr in Erinnerung geblieben. „Am Wochenende ist er mit uns Kindern wandern gegangen. Wir haben Pilze gesammelt und mit Speck über dem Feuer gebraten.“ Sie geht aus dem Zimmer und kommt mit einem Hochzeitsbild der Großeltern zurück. Das Foto gehört zu den wenigen Dingen, die Anna Nussbächer aufbewahrt hat. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie sämtliche Fotoalben weggeworfen und die Tagebücher von ihren gemeinsamen Reisen vernichtet.

1941 zieht die Familie nach Klausenburg, dem heutigen Cluj-Napoca. Seit der Aufteilung Siebenbürgens ein Jahr zuvor gehört die Stadt zu Ungarn. Anna Nussbächer erinnert sich an erste Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung. Im rumänischen Nagyenyed hatte die Familie ihre große Wohnung verlassen und in eine Einzimmerwohnung umziehen müssen. Der Zehnjährigen war von einem orthodoxen Priester der Schulbesuch untersagt worden. Auch in Klausenburg spitzt sich die Lage zu. Im März 1944 besetzen die Deutschen Ungarn. Anfang Mai werden alle jüdischen Bürger in einer stillgelegten Ziegelei zusammengetrieben und nach und nach in Vernichtungslager deportiert. 

Die inzwischen 14-Jährige, ihre Eltern und ihr vier Jahre jüngerer Bruder Zolti kommen im Juli 1944 nach Auschwitz. Die Familie wird sofort nach der Ankunft getrennt, Anna Nussbächer wird ihren Vater und den Bruder nicht wiedersehen. Mit der Mutter wird sie weitergeschickt in das KZ Plaszow bei Krakau. Im Oktober 1944 endet ihre Odyssee in einem Arbeitslager in Taucha bei Leipzig, wo Mutter und Tochter in einem Rüstungsbetrieb der „Hugo und Alfred Schneider AG“ arbeiten müssen. Als im März 1945 die amerikanischen Truppen näher rücken, lösen die Deutschen das Lager auf und schicken die halb verhungerten Insassen auf einen Todesmarsch. Nur wenige überleben, unter ihnen Anna und Ilona Nussbächer.

Anna Nussbächer drückt ihre Zigarette aus. „Die Menschen hätten einander für ein Stück Brot umbringen können.“ Mehr mag sie nicht sagen über eine Zeit, die bis heute auf ihrer Seele lastet. Drei Selbstmordversuche liegen hinter ihr. Keiner gelang. „Ich bin zum Leben verurteilt.“
Sie schiebt den Rollator Richtung Wohnzimmer. Am 2. Januar 1967 sind Richard und sie nach Deutschland gekommen. 27 Jahre hat Anna Nussbächer an bayerischen Gymnasien „die deutsche Jugend“ in Französisch und Geschichte unterrichtet. Darauf, sagt sie, sei sie sehr stolz. „Nach allem, was ich mitgemacht habe.“ 

Mehrmals fährt sie mit Schulklassen in das KZ Dachau, wo ihr Vater zwei Tage vor Kriegsende von den Deutschen erschossen wurde. Keiner in ihrem beruflichen Umfeld weiß, dass sie Jüdin ist: Anna Nussbächer schweigt sich aus über ihre Vergangenheit. Lediglich dem Schulrektor erzählt sie davon. „Daraufhin hat sich sein Verhalten mir gegenüber komplett verändert. Er hat mich wie ein rohes Ei behandelt. Genau das, was ich nicht wollte.“ 

Die Ausschreitungen gegen Juden nach dem Beschluss des US-Präsidenten Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, machten ihr Angst, sagt sie. „Haben die Menschen denn gar nichts gelernt? Überall spürt man den wachsenden Antisemitismus.“

Anna Nussbächer schaltet den Computer ein. Ein ungarischer Freund hat ihr eine Videosequenz aus dem Pariser Rodin-Museum gemailt. Viele Freunde habe sie nicht, sagt sie. „Ich bin ein einsamer Mensch. Früher habe ich Gesellschaft gebraucht. Jetzt brauche ich sie nicht mehr.“ Bilder aus dem Museum huschen über den Bildschirm. Der Denker. Das Liebespaar. Dazu singt Edith Piaf: „Non, je ne regrette rien“ – nein, ich bedaure nichts.“

Die alte Dame geleitet den Besuch zur Tür. So viel habe sie schon lange nicht mehr geredet, sagt sie. Ich verabschiede mich mit einer Umarmung von Anna Nussbächer, die uns geschrieben hat. 

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