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Deutsche Wehrmachtsoldaten im Oktober 1942 in Stalingrad.
Schlacht von Stalingrad
Politik

„Wir waren Soldaten, keine Politiker“

Von Andreas Förster
13:26

Als Karl-Hans Mayer an die Ostfront abkommandiert werden soll, nimmt ihn der französische Bauer zur Seite. „Er hat gesagt, er könne mich über die Grenze zu den Basken bringen. Da finden mich die Deutschen nie.“ Mayer schweigt einen Moment, während er von diesem Moment erzählt, damals in Südfrankreich, wo er während der deutschen Besatzung 1941 mit drei Kameraden bei einer Bauernfamilie untergebracht war. Und wo er hätte untertauchen können. „Aber“, sagt er schließlich, „das konnte ich nicht machen. Ich war ja Soldat.“

Der junge Soldat von damals ist heute 97 Jahre alt. Karl-Hans Mayer sitzt auf seiner Couch, ein Fotoalbum auf dem Schoß, darin: Bilder von den Anfängen des Zweiten Weltkrieges. „Da sind wir in Aarhus, nach der Besetzung Dänemarks“, sagt er. Die Fotos zeigen einen jungen Mann auf einer Wiese, eine junge Frau liegt neben ihm, hat ihren Kopf auf seine Brust gebettet. Der alte Mann schmunzelt.

Überhaupt ist Karl-Hans Mayer, 1921 in Halle an der Saale geboren, ein freundlicher Herr mit buschigen Augenbrauen. Sein linker Mundwinkel hängt ein wenig, Folge eines Schlaganfalls vor einigen Jahren. Es fällt ihm schwer, von der Couch aufzustehen. Zwei, drei Versuche braucht es, bis er stehenbleibt und nicht mehr auf die Kissen zurückfällt. Geht er durch die Räume seines Hauses in Wolfsburg, schiebt er einen Rollator vor sich her. Doch wenn er spricht und scherzt, mag man gar nicht glauben, dass er fast 100 Jahre alt ist.

Er wollte eigentlich Schauspieler werden und Regisseur, erzählt er. Die Aufnahmeprüfung an der Deutschen Filmakademie in Berlin hatte er schon bestanden. Das war im Frühjahr 1939. Vor dem Studium aber wollte er noch seinen Armeedienst in der Wehrmacht ableisten. Doch dann kam der Krieg, der den 18-Jährigen hinaus in die Welt riss, nach Polen, Dänemark, Belgien, Frankreich, Spanien und schließlich bis nach Stalingrad. Ein Krieg, der ihn zum willigen Werkzeug eines mörderischen Regimes machte. Wie Hunderttausende deutsche Wehrmachtssoldaten wurde auch Karl-Hans Mayer, der doch Theater spielen und Filme drehen wollte, zum Eroberer und Besatzer. Zu einem Menschen, der tötete.

Heute, mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Regimes, gehört der 97-Jährige zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg von Anfang bis Ende als Soldat durchgekämpft haben. Über die Schrecken dieses Krieges will Mayer an diesem trüben Wintertag allerdings nicht sprechen. Womöglich fürchtet er, die Gespenster der Vergangenheit in sein gemütliches Wohnzimmer mit der prall gefüllten Bücherwand zu holen? Draußen, vor dem riesigen Panoramafenster, fällt gemächlich Schnee auf den grünen Rasen des gepflegten Gartens. Die Kälte bleibt ausgesperrt, ebenso das Grauen und Fragen zu Schuld und Verantwortung.

Mayer blättert weiter in seinem Fotoalbum. „Paris“, sagt er und tippt auf Fotos, die ihn am Eiffelturm zeigen, in Wehrmachtsuniform. „Hier waren wir in Rotterdam. Und hier in San Sebastián in Spanien, wo ein U-Boot-Hafen gebaut werden sollte, was aber nicht zustande kam.“ Dann ist da ein Foto, auf dem Hitler zu sehen ist und neben ihm Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. „Das habe ich gemacht, das war in Brüssel“, sagt Mayer aufgeregt. „Da ging plötzlich eine Tür auf und Hitler kam mit dem Keitel raus.“

Das nächste Foto im Album zeigt einen Bahnhof, ein prächtiges Gebäude mit einer Blumenrabatte in der Vorfahrt. Und plötzlich spricht Mayer, wenn auch nur kurz, von Tod und Töten. „Das ist der Bahnhof von Saint-Omer, das liegt südlich von Dünkirchen“, erzählt er. „In dem Gebäude hatten die Engländer eine MG-Stellung und feuerten auf uns. Wir haben die beiden Soldaten…“ Er stockt, dann spricht er weiter. „Die waren dann tot. Wir haben sie am nächsten Tag in der kleinen Parkanlage vor dem Bahnhof beerdigt und zwei schwarze Holzkreuze auf das Grab gestellt.“ Vor Jahren sei er wieder in Saint-Omer gewesen. „Da, wo unsere Kreuze standen, ist jetzt ein Erinnerungsstein für die zwei toten englischen Soldaten.“

Der alte Mann blättert weiter. Lieber zeigt er Fotos, die ihn als lächelnden Besatzungssoldaten zeigen, mit jungen Frauen im Arm oder vor Autos, die er noch immer „Beutefahrzeuge“ nennt. Dann kommen Aufnahmen, auf denen er mit Dutzenden deutschen Soldaten auf einem Bahnhofsvorplatz steht. „Unsere Marschkompanie ist das, das war im Sommer 1941 in Hamburg. Von dort fuhren wir ab Richtung Osten, nach Russland.“ Mayer blättert um, doch die restlichen Seiten des Fotoalbums sind leer. „Da war ich dann in Russland,“ sagt er und klappt das Album zu. „Da wurde nicht mehr fotografiert. Nur noch geschossen.“

II

Zwei Wochen vor Mayers Verlegung an die Ostfront im Juli 1941 hatte die Wehrmacht die Sowjetunion überfallen. Das „Unternehmen Barbarossa“, so das Codewort für den rassistischen Vernichtungskrieg im Osten, kam zunächst gut voran. In kurzer Zeit gelang es der Wehrmacht, die östlichen Landesteile zu besetzen, weil die politische und militärische Führung in Moskau von Hitlers Angriff überrascht wurde. Erst im Dezember 1941 stoppte vor Moskau der Vormarsch der Deutschen.

„Wir sind mit dem Zug bis Dünaburg gefahren, das liegt im heutigen Lettland“, erinnert sich Mayer. „Dort mussten wir über eine zerstörte Brücke laufen, auf der nur noch Eisenbahnschwellen lagen. Ich weiß noch, wie ein Kamerad abgerutscht und in die Düna gestürzt ist, die unter der Brücke hindurch floss.“ Gab es Kampfhandlungen, war er an Angriffen beteiligt? Der 97-Jährige schüttelt unwillig den Kopf. Das wisse er nicht mehr, sagt er nur. Und kann sich dann doch erinnern, dass seine Sturmkompanie nördlich am umkämpften Moskau vorbeigezogen und bis Kalinin an der Wolga vorgedrungen ist. „In Kalinin wurde ich dann schwer verwundet am Bein, ich hatte einen Granatsplitter im Knie“, erzählt er.

Mayer wird ins Lazarett nach Litzmannstadt verlegt, sein Bein wieder zusammengeflickt. Allerdings bleibt das Knie steif. Nach der Genesung kommt er zunächst nach Frankreich und kehrt dann an die Wolga zurück. Doch diesmal nicht nach Kalinin, sondern nach Stalingrad. Schirrmeister ist er nun, verantwortlich für die Panzer und Militärfahrzeuge seiner Division.

III

Herbst 1942. Die „Operation Fischreiher“, Deckname für die Einnahme Stalingrads durch die 6. Armee unter General Friedrich Paulus, hat sich festgefahren. „Die Front bewegte sich nicht, die Stadt konnte einfach nicht eingenommen werden“, erinnert sich Mayer. „Die Stimmung unter den Soldaten war schlecht.“ Der Nachschub stockt, die Truppe hungert, weil die Versorgung aus dem Hinterland nicht klappt. Unter den Soldaten sei schon von „Stalingrab“ gesprochen worden, erzählt er. Dabei stand der Winter mit dem dort üblichen strengen Frost noch bevor.

Zu dieser Zeit habe er von seinem Vorgesetzten einen Marschbefehl nach Deutschland bekommen, sagt Mayer. „Ich sollte nach Heidenheim, Ersatzteile für die Panzer besorgen. Ich hatte noch gesagt, was soll das bringen, unsere Panzer haben wir doch schon längst eingegraben, die fahren doch sowieso nicht mehr vor dem Winter. Aber der Offizier bestand darauf – zu meinem Glück.“

Mayer fährt zurück nach Deutschland, belädt in Heidenheim vier Waggons mit Panzer-Ersatzteilen und macht sich auf den langen Rückweg an die Ostfront. „Ich musste mir ja immer Züge suchen, an die ich meine Waggons ankoppeln konnte“, erzählt er. Inzwischen ist strenger Winter, Schnee und Kälte behindern das Fortkommen in den Osten. Als Mayer schließlich Odessa erreicht und den Verantwortlichen im Bahnhof nach dem nächsten Zug Richtung Stalingrad fragt, an den er seine Waggons anhängen kann, schüttelt der nur mit dem Kopf. „Stalingrad gibt es nicht mehr, sagte er zu mir. Und erst da erfuhr ich von der Kapitulation der 6. Armee im Kessel. Meine Kameraden habe ich nie wiedergesehen.“

Mayer wird mit seiner Fracht nach Tiflis abkommandiert, von dort geht es für ihn weiter nach Stalino, dem heutigen Donezk. Das ist zu dieser Zeit noch in deutscher Hand, aber nicht mehr lange. Am 8. September 1943 erobert die Rote Armee die Stadt zurück, wenig später beginnt der Rückzug der Heeresgruppe Süd. Auch Mayer wird nun immer weiter Richtung Heimat verlegt. Als seine Division am 6. Mai 1945 aufgelöst wird, ist er schon in Tschechien. Zusammen mit einem Freund tauscht er die Uniform gegen Zivilklamotten und schlägt sich nach Bayern durch.

In Selb greift sie eine US-Militärstreife auf. „Wir haben gesagt, wir seien Müllergesellen und auf Wanderschaft. Aber der Offizier lachte nur: So viele junge Männer, die jetzt Müllergesellen sind“, erinnert sich Mayer. Ein paar Tage später hätten ihn die Amerikaner an eine sowjetische Militäreinheit übergeben. Mayer wurde wieder in den Osten verlegt, diesmal von der Roten Armee und als Kriegsgefangener. Die folgenden zehn Jahre durchläuft er Arbeitslager. Brjansk, Gorki, Swerdlowsk. Und kommt schließlich auch zurück nach Stalingrad, wo er als Kriegsgefangener am Wiederaufbau der von der Wehrmacht zerstörten Stadt mitwirkt.

IV

Erst im Herbst 1955 kehrt Mayer zu seiner Familie in Itzehoe zurück. Kurz zuvor hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer bei seinem ersten Besuch nach Kriegsende in Moskau die Freilassung der noch inhaftierten knapp 10 000 deutschen Kriegsgefangenen durchgesetzt. Als Spätheimkehrer erhält Mayer wenig später einen Job bei Volkswagen, wo er sich in den Folgejahren zu einer mittleren Führungskraft im Konzern hocharbeitet.

Der Krieg aber lässt ihn nicht mehr los. Mayer schreibt Bücher. „Trauma Stalingrad“ heißt eines davon, andere tragen Titel wie „Gulag-Geschichten“ und „Stalins Strafjustiz gegen deutsche Soldaten“. Es sind keine Heldenerzählungen über deutsche Landser, aber auch keine kritischen Reflexionen über die Verbrechen der Wehrmacht, den deutschen Vernichtungskrieg und die eigene Mitschuld. Auch heute, fast ein Dreivierteljahrhundert nach Kriegsende, will Mayer darüber nicht diskutieren. „Wir waren Soldaten, keine Politiker“, sagt er nur.

Den ehemaligen Feinden aber reicht er die Hand. Achtmal schon war er in Russland, wo er sich mit Veteranen der Roten Armee traf. Und im „Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa“ setzt er sich dafür ein, dass die Überreste sowjetischer und deutscher Soldaten von den einstigen Schlachtfeldern geborgen und würdig bestattet werden. So war er im April 2016 dabei, als in Alt Tucheband nahe der Oder die Überreste von 18 sowjetischen Soldaten, die im Endkampf um Berlin starben, auf dem Anger des Dorfes geborgen wurden. „Ich saß auf einem Stuhl dabei und sah den jungen Leuten bei ihren Grabungen zu, als der russische Botschafter zu mir trat“, erzählt Mayer. „Er fragte mich, warum ich als ehemaliger Wehrmachtssoldat hier sei, das seien doch meine ehemaligen Gegner. Und ich sagte ihm, für mich seien es junge Menschen gewesen, die einfach nur leben wollten – genauso wie ich.“

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