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Harald Schmidt, Aufsichtsratsvorsitzender der Frankfurt/Main-Taunus-Kliniken.
Hofheim/Bad Soden
Rhein-Main

„Das Zusammenwachsen der Kliniken ist nicht in Gefahr“

Von Andrea Rost
10:40

Arglistige Täuschung“ werfen die Gesellschafter des Klinikverbundes Frankfurt/Main-Taunus dem früheren Geschäftsführer der kommunalen Krankenhäuser in Bad Soden und Hofheim, vor. Tobias Kaltenbach soll dem Aufsichtsrat der Dachgesellschaft ein 6-Millionen-Euro-Defizit im Jahr 2017 verschwiegen haben. Die Stadt Frankfurt und der Main-Taunus-Kreis wollen deshalb mehr als 200 000 Euro von dem Manager zurückfordern. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Dachgesellschaft Harald Schmidt, erklärt im FR-Interview, wie es jetzt im Konzern weitergeht.

Herr Schmidt, wie versteht der Aufsichtsrat des Klinikverbundes seine Aufgabe? Hätte Ihnen die finanzielle Schieflage der Main-Taunus-Kliniken nicht auffallen müssen?
Der Aufsichtsrat ist natürlich das Kontroll- und Überwachungsorgan der Geschäftsführung. Es gibt mindestens vier Aufsichtsratssitzungen pro Jahr, in denen die Geschäftsführung über die geschäftliche Entwicklung berichtet. Tobias Kaltenbach hat in der Vergangenheit die Ziele der Wirtschaftspläne immer erreicht. Vor diesem Hintergrund mussten bei uns nicht die Alarmglocken schrillen, als am 27. November letzten Jahres ein positives Ergebnis für 2017 prognostiziert wurde.

Das heißt, zum damaligen Zeitpunkt hatten Sie keine Anhaltspunkte, wie es um die Kreiskliniken wirklich steht?
Nein, wir haben Fragen gestellt, aber über einzelne Bereiche wie die gestiegenen Personalkosten oder die deutlich gesunkenen Patientenzahlen in der Psychosomatik wurde am 27. November nicht berichtet. Solche Informationen sind aber wichtig für den Aufsichtsrat.

Tobias Kaltenbach wehrt sich gegen die Anschuldigungen und wirft seinem Nachfolger Martin Menger seinerseits vor, „von Ermessensspielräumen in der Bilanzierung sehr großzügig Gebrauch gemacht zu haben“, als er das Millionendefizit der Main-Taunus-Kliniken Ende April öffentlich machte. Kann man denn Wirtschaftsdaten so unterschiedlich interpretieren?
Grundsätzlich nein. Das Defizit hat mehrere Ursachen. Nur drei Millionen Euro entfallen auf Risikovorsorge und andere Themen, die im Übrigen auch schon Ende 2017 prinzipiell bekannt gewesen sein sollten. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit dem Neubau des Hofheimer Krankenhauses. Martin Menger hat in die letztlich präsentierten Bilanzzahlen deshalb sicher keine strategischen Reserven gelegt. Aufgrund der Aussage des Wirtschaftprüfers gehe ich davon aus, dass der Jahresabschluss am Ende nur unwesentlich anders ausgesehen hätte, wenn ihn Herr Kaltenbach zu verantworten gehabt hätte.

Wer zahlt das Defizit, das 2017 in den Main-Taunus-Kliniken aufgelaufen ist?
Das muss laut Konsortialvertrag der Landkreis übernehmen.

Der Aufsichtsrat des Klinikverbundes hat vor Kurzem getagt. Was hat er bezüglich der Causa Kaltenbach entschieden?
Zunächst einmal wurden die Jahresabschlüsse der Main-Taunus-Kliniken und aller Töchter vom Aufsichtsrat gebilligt. Jetzt liegt der nächste Schritt bei den Gesellschaftern. Dann erfolgt die Veröffentlichung im Bundesanzeiger. Anschließend haben alle Zugriff darauf, können Fragen stellen, und die Gremien sollten antworten. Was Herrn Kaltenbach betrifft, prüfen wir zurzeit mit Unterstützung von Juristen, wie die Beweislage zu dem Thema ist. Aufsichtsrat und die Gesellschafter werden dann entscheiden, wie die nächsten Schritte aussehen. Unser Ziel ist es, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Die Milch ist verschüttet, daran können wir nichts mehr ändern.

Das heißt, das Zusammenwachsen der drei Klinikstandorte in Höchst, Bad Soden und Hofheim gerät durch das unerwartet hohe Defizit in den Main-Taunus-Kliniken nicht ins Wanken?
Nein, ganz im Gegenteil. Wir sind in einer Phase, in der wir den Prozess beschleunigen. Wir wollen die Küche erweitern und zentral von Kelkheim aus den gesamten Klinikverbund versorgen, das heißt auch das Höchster Krankenhaus. Wir werden die Reinigungsleistungen in einer Gesellschaft bündeln, die Logistik und die Zentralsterilisation der drei Krankenhäuser ebenso zusammenführen wie in der Verwaltung Aufgaben auf Ebene der Dachgesellschaft. Und wir prüfen zurzeit die Vereinheitlichung und Standardisierung der IT-Landschaft auf Konzernebene.

Laut Konsortialvertrag soll bis 2021 die schwarze Null bei beiden Klinikkonzernen erreicht sein, und die Krankenhäuser sollen Investitionen aus eigener Kraft finanzieren können. Ist das zu schaffen?
Von diesem Ziel sind wir zwar noch ein Stück entfernt, aber ich glaube, dass wir das hinbekommen können. Für das Jahr 2018 erwarten wir in den Main-Taunus-Kliniken zwar noch mal einen Fehlbetrag von 1,5 Millionen Euro. 2019 sollten wir dort aber wieder schwarze Zahlen schreiben. Wir werden bei den Tochtergesellschaften der Kreiskliniken, die teils gewerblich, teils gemeinnützig sind, Verschmelzungen vornehmen, sodass wir unsere viel zu hohe Steuerquote und weitere Strukturkosten deutlich senken werden.

Und wie sieht es in Höchst aus?
Auch im Höchster Klinikum erwarten wir für dieses Jahr ein Defizit, aber ein geringeres als 2017. Momentan haben wir dort noch ein Strukturproblem, denn in der alten Bausubstanz gibt es kein zeitgemäßes Ambiente. Ende 2019 soll der Umzug in den Neubau stattfinden. Höchst wird dann das erste Krankenhaus deutschlandweit sein, das in ein Passivgebäude einzieht. Diese Phase wird nochmals kritisch, weil uns durch den Umzug erst mal Patienten und damit Erlöse fehlen werden. Danach sollten die Leistungszahlen aber sehr schnell deutlich nach oben gehen.

Das hört sich nach großen Aufgaben an, die an den einzelnen Standorten zu bewältigen sind. Bleibt da überhaupt noch Zeit fürs Zusammenwachsen?
Doch. Ein erstes Signal dafür ist die neue Homepage des Klinikverbundes, auf der in erster Linie über die Frankfurt/Main-Taunus-Kliniken berichtet wird. Und wir haben die Führungsstruktur auf neue Beine gestellt. Alle Bereichsleiter sind jetzt für Höchst und Main-Taunus zuständig. Martin Menger leitet als Geschäftsführer den gesamten Klinikverbund. Ihm zur Seite stehen Dorothea Dreizehnter in Höchst und Stefan Schad, der am 1. September seinen Geschäftsführerposten in den Main-Taunus-Kliniken antritt. Beide agieren auch auf der Geschäftsführerebene der Dachgesellschaft.

Das heißt, es werden jetzt Verbindungsnetzwerke zwischen den Krankenhäusern geschaffen? Das war in der Vergangenheit ja nicht der Fall...
Das stimmt. Bisher standen die beiden Konzerne einander wie zwei Silos gegenüber. Kommunikation hat kaum stattgefunden. Es war klar, dass wir so auf Dauer nicht weiterkommen.

Wie wollen Sie die Mitarbeiter, speziell die Ärzte, davon überzeugen, dass die Main-Taunus-Kliniken und das Krankenhaus in Frankfurt-Höchst keine Konkurrenten mehr sind, sondern Partner?
Das ist in der Tat keine einfache Aufgabe, denn sie haben mit dem Klinikum in Höchst einen Maximalversorger und andererseits mit den Krankenhäusern Bad Soden und Hofheim Regelversorger. Dazwischen liegen mehr als sechs Kilometer Luftlinie und die A 66. Wir werden an der Basis weiterhin Doppelangebote haben, weil die Einzugsgebiete unterschiedlich sind und wir nicht wollen, dass Patienten beispielsweise nach Wiesbaden oder in den Hochtaunuskreis abwandern. Gleichzeitig müssen wir unsere Angebote in der Spitzenmedizin ausdifferenzieren und an einzelnen Standorten eine Spezialisierung vorantreiben, die über die Region hinaus wirkt. Dafür wurden bereits Arbeitsgruppen für die Mediziner aller drei Standorte eingerichtet, und es gibt erstmals gemeinsame Chefarztkonferenzen. Ein lockeres Laufen auf der Stelle kann es da in Zukunft nicht geben. Das sieht das Konzept von Martin Menger so auch nicht vor.

Wie lange wird es Ihrer Einschätzung nach noch dauern, bis ein „Wir-Gefühl“ unter den Mitarbeitern entsteht und die Fusion auch da vorankommt?
Ich glaube, dass wir das bis spätestens 2020 schaffen. Nichts motiviert so sehr wie der gemeinsame Erfolg. Wenn wir ein attraktives Umfeld schaffen, Wachstums- und Aufstiegsmöglichkeiten anbieten, wenn Ärzte ihre Expertise einbringen können, dann führt das zur Identifizierung mit dem Label Frankfurt/Main-Taunus-Kliniken. Da bin ich optimistisch.

Ist am Ende auch ein Scheitern des Klinikverbundes denkbar?
Ein klares Nein. Denn wir haben einen Startvorteil gegenüber anderen Krankenhäusern in Deutschland. Der Main-Taunus-Kreis wird insgesamt 77,5 Millionen Euro zuschießen, um die Kreiskliniken schuldenfrei zu machen. Frankfurt und das Land Hessen finanzieren den Klinikneubau in Höchst mit 263 Millionen Euro. Für Verbundsysteme von Kliniken gibt es außerdem Finanzierungshilfen durch das Sozialministerium, um den Prozess des Zusammenwachsens zu beschleunigen. Dadurch können wir uns insgesamt Investitionen in Technik und medizinische Qualität leisten, die wir anders nicht bezahlen könnten. Auch das ist ein Antrieb für uns.

Interview: Andrea Rost

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