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Neben Schreiben ist Golfen Helmut Lufts zweites Hobby.
Hofheim
Rhein-Main

Kreativ im Alter

Von Kerstin Klamroth
16:34

Wenn ein Psychoanalytiker sich mit Literatur beschäftigt, tut er das mit einem besonderen Blickwinkel auf frühe Prägungen, Lebensmuster und Traumata des Autors. Der Hofheimer Nervenarzt Helmut Luft hat den 400. Geburtstag des spanischen Autors Miguel Cervantes zum Anlass genommen, um das Thema „Alter und Kreativität“ in einer Schriftsteller-Biografie zu behandeln.

Cervantes, so meint Luft, könne gut als Vorbild für ältere Menschen in unserer Zeit der rapide steigenden Langlebigkeit dienen. „Die heute nicht mehr unwahrscheinliche Aussicht, 80, 90 oder gar 100 Jahre alt zu werden, verschafft den Menschen mehr Lebenszeit, auf die sie nicht vorbereitet sind“, meint der Analytiker.

Soll man sich also Don Quijote, der gegen Windmühlenflügel kämpft und für Luft schon Symptome der Demenz zeigt, als glücklichen Menschen vorstellen? Ja, meint der Analytiker und belegt an vielen Textstellen, wie Cervantes sein eigenes schweres Schicksal im Roman verarbeitet und körperliche sowie seelische Verletzungen durch Kreativität bewältigt. Und zu verarbeiten hatte er viel: Als drittes von sieben Kindern einer verarmten adeligen Familie geboren, musste Cervantes um seinen Lebensinhalt kämpfen. Er floh von Spanien nach Rom, um einer Festnahme zu entrinnen, wurde bei einer Seereise entführt, als Sklave in Algier gehalten, und nahm an den Kriegszügen Spaniens nach Portugal teil. Erst als er über sechzig Jahre alt war, kam der literarischer Erfolg mit Don Quijote. Für Luft ist Cervantes ein gutes Beispiel für Menschen, die erst im hohen Alter Kreativität entwickeln. Er plädiert dafür, das Alter nicht nur als Defizitmodell, sondern auch als Chance zu sehen.

Luft war von 1965 bis 2000 Chefarzt der von ihm begründeten Kurklinik mit psychosomatischem Schwerpunkt in der Kurhausstraße, die 1996 vom Kreis gekauft wurde.

Helmut Luft, Cervantes – Aufbruch zum modernen Menschen. Brandes &Apfel, 240 Seiten, 29,90 Euro.

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