Hofheim
Rhein-Main

Verein für Syrer

Von Kerstin Klamroth
15:49

Was ist typisch deutsch? Wenn man den Syrer Alaa A. fragt, nennt er das deutsche Vereinswesen. Jeder finde hier seine Freunde – vom Sportler über den Kleingärtner bis zum Eisenbahnfan. So ist es kein Wunder, das der 34-Jährige, der eine Zeitlang im Hofheimer Rathaus beschäftigt war, nun selbst einen Verein gründet, den „syrischen Freundeskreis Hofheim“. Mehr als 100 Syrer haben ihr Interesse bekundet, dort Mitglied zu werden.

In Syrien, so A., seien Vereine verboten. Die Regierung habe es nicht gern gesehen, wenn sich Menschen zusammenfanden, weil solche Gruppierungen schwerer zu kontrollieren waren. Hier in Deutschland gehe es nun darum, sich selbst zu helfen, aktiv zu werden. Hauptproblem ist laut Kinda Ammar, der künftigen zweiten Vorsitzenden, die Arbeitslosigkeit.

Ammar kennt dieses Schicksal aus eigener Erfahrung. Mehr als einen Minijob im sozialen Bereich hat die studierte Englisch-Lehrerin, die seit zweieinhalb Jahren in Deutschland ist, bisher nicht gefunden, obwohl ihr Bachelor-Abschluss an der Universität Damaskus hierzulande anerkannt wurde und sie inzwischen gut Deutsch spricht.

Vor allem den Kindern wollen A. und Ammar ein ähnliches Schicksal ersparen. Sie würden oft wegen mangelnder Sprachkenntnisse in der Schule zurückgestuft und erreichten nicht die Abschlüsse, die ihrem Wissensstand entsprächen. Der Verein will deswegen Nachhilfekurse für Kinder anbieten, um mehr Chancengleichheit zu erreichen. Aber auch Sport für Frauen steht auf dem Programm. „Unser Verein schafft Angebote, die andere Vereine in Deutschland nicht machen“, sagt A. und schildert, dass sich manche syrische Frauen in Kursen, in den Männer und Frauen trainieren, nicht wohl fühlten: „Sie bleiben dann zu Hause“. Dennoch ist der Austausch über die arabische und die deutsche Kultur Hauptzweck des Vereins: „Wir wollen Integration und keine Parallelgesellschaft“, sagt A..

Um dies zu erreichen, regt er einen Erfahrungsaustausch auf Vereinsebene an. Das könnte dann so aussehen, dass ältere Syrer, die schon lange in Deutschland leben, den gerade Angekommenen erklären, was hierzulande anders ist: Dass junge Menschen nicht bis zur Heirat mit ihrer Familie leben, dass die Religion keine so große Rolle spielt, dass Frauen und Kinder mehr Rechte haben und alte Menschen nicht in jedem Fall von der Familie gepflegt werden. Welcher Sprengstoff in solchen kulturellen Unterschieden liegen, hat A. schon in vielen Fällen erlebt.

Im Moment kämpft er allerdings noch mit dem Eintrag ins Vereinsregister. Denn typisch deutsch ist nicht nur das Vereinswesen, sondern auch die Bürokratie.

Kontakt: Kinda3000@hotmail.com

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