Wiesbaden
Rhein-Main

Die drei Leben des Adam Martinez

Von Arne Löffel
18:39

Wenn ich heute in den Krieg ziehe“, sagt Sergeant Adam Martinez und blickt dabei an die Decke seiner Offizierswohnung auf dem Aukamm, „dann kämpfe ich nicht mehr nur für mein Land. Dann kämpfe ich für meine Länder.“ Seine Länder, das sind die Vereinigten Staaten von Amerika, in deren Streitkräften er dient. Das sind aber auch Deutschland, Bolivien und Marokko. Eben die Nationen, aus denen die Mitglieder seiner Familie stammen, die mit ihm in Wiesbaden leben.

Der bullige Sergeant mit den mexikanischen Wurzeln ist in Texas aufgewachsen, geheiratet hat der heute 35-Jährige eine Bolivianerin mit deutschem Pass, eine Frau aus Darmstadt. Und sein Schwager, der ist Marokkaner. Kennengelernt hat er seine Frau, mit der er mittlerweile drei Kinder hat, auf einem Volksfest in Mainz. „Ich kam im Jahr 2000 mit 22 Jahren zum ersten Mal nach Deutschland, damals nach Heidelberg“, erinnert sich Martinez. Die ersten anderthalb Jahre in der Fremde seien schwer für den unbedarften Soldaten gewesen. „Ich habe mich kaum aus der Kaserne raus getraut.“ Die Begegnung mit seiner Frau: ein Glücksfall.

„Meine Frau hat mir die schönen Seiten an Deutschland gezeigt“, schwärmt der auch heute noch sichtlich verliebte Martinez. Jeden Tag kommt er schnellstens nach Feierabend nach Hause zu seiner Familie. Die wenigen Minuten des gemeinsamen Abendessens auf dem Aukamm sind heilig. Denn gleich nach dem Essen muss Martinez wieder los.

"Ich bin ein dankbares Trainingsobjekt"

Die Uniform hat er schnell gegen Sportklamotten eingetauscht; er schwingt sich in seinen Geländewagen und fährt auf die Clay-Kaserne, wo die Abendsonne bereits seit Stunden kräftig auf die Sporthalle niederbrennt. Im Obergeschoss des „Gym“ trainiert er jeden Tag Boxer und andere Kampfsportler. Zum Teil für Wettkämpfe, zum Teil einfach so. Martinez ist Experte in allen möglichen Kampftechniken. „Von Haus aus bin ich Boxer und Kickboxer, habe weitere asiatische Kampftechniken in Deutschland erlernt.“

Mit der sprichwörtlichen Disziplin eines Soldaten erwarb Martinez hohe Grade im Jiu-Jitsu und Muay Tai. Sein erster Trainer in Deutschland ist ein Freund seines heutigen Schwagers. „Ich glaube, ich bin ein dankbares Trainingsobjekt. Ich bin Soldat. Wenn man mir sagt, dass ich hundertmal gegen die Wand schlagen muss, dann tu ich das“, sagt Martinez.

Diese Disziplin erwartet er an diesem Abend auch von seinen Schützlingen: Trotz des geradezu subtropischen Klimas im Obergeschoss der Militärsporthalle ist die Konzentration im Blick des 24-jährigen Kevin deutlich zu erkennen. Er tänzelt vor Martinez und späht zwischen den Boxhandschuhen hindurch. Schließlich fasst sich der junge Militärpolizist ein Herz und drischt auf die Polster ein, die ihm Martinez entgegenstreckt. Links-rechts-links. Dann muss sich Kevin schnell wegducken, weil Martinez ihm ansonsten eine mit dem Polster verpasst hätte.

Jeden Abend wird so im Gym auf der Clay-Kaserne trainiert. Der treibende Bass elektronischer Musik wummert aus der Anlage, während sich die Boxer katzenhaft über das blank gewienerte Parkett bewegen. Wenn Martinez zuschlägt, ist nicht mal ein Beben in seiner Schulter zu bemerken. Ausweichen? Für ungeübte Gegner keine Chance.

Es ist schwer zu glauben, dass der Kampfsport mit seiner militärischen Karriere kaum etwas zu tun hat. Er ist Infanterist, ein Vorzeige-Soldat, der gerade die strenge Aufnahmeprüfung in ein Elite-Programm geschafft hat. Tagsüber arbeitet er an den Einsätzen seiner Einheit. Das Boxtraining ist sein Privatvergnügen.

„Mir ist der Austausch wichtig"

„Das Training kann viel Positives vermitteln, deshalb möchte ich so viele Menschen wie möglich daran teilhaben lassen“, betont Martinez. Er hält bis heute Kontakt zu seinem Jiu-Jitsu-Trainer in Heidelberg – und über ihn zu Kampfsport-Clubs in ganz Deutschland. „Mir ist der Austausch wichtig. Deshalb trainieren wir Soldaten auch mal außerhalb oder laden zivile Kämpfer zu uns in den Gym ein“, berichtet er. Mit einem Boxclub im benachbarten Hochheim habe er ein Anti-Aggressionsprogramm für Kinder und Jugendliche aufgesetzt. „Ich glaube, ich kann mit meiner Einstellung zur Disziplin ein Vorbild für Jugendliche sein, die damit Probleme haben“, sagt Martinez.

Dass der Sergeant heute überhaupt im Ring steht, hat er seiner Härte gegenüber sich selbst zu verdanken. Er hebt den Kopf leicht an und zeigt eine lange Narbe, die links von seinem Kehlkopf den Hals hinab führt. „Ich wurde im Einsatz verwundet und habe mir den Hals gebrochen, musste zweimal operiert werden“, berichtet er. Lange Zeit habe er seine Hände nicht richtig benutzen können, habe kein Gefühl in ihnen gehabt und keine Kontrolle über die Bewegungen.

Nicht mal zackig salutieren habe er mehr gekonnt, was ihm bei einer Gedenkfeier zum Jahrestag der Landung der US-Streitkräfte in der Normandie den Zorn eines Veteranen einbrachte. „Der Mann dachte, ich sei faul und hat mich nach der Feier angeschrien. Dabei habe ich die Hand einfach nicht mehr gerade an die Stirn halten können“, berichtet Martinez.

Adams Kampfeinsätze sind eine bittere Notwendigkeit im Leben der Familie Martinez. „Meine Mutter war von Anfang an dagegen, dass ich einen Soldaten heirate“, sagt seine Frau. Von zehn Jahren Ehe war Adam Martinez fünf Jahre an der Front. Erst im Irak, dann in Afghanistan. „Im Jahr 2003, nur eine Woche nach unserer Hochzeit, war ich schon im Einsatz“, berichtet Martinez. Seine heute elfjährigen Zwillinge Natalia und Christopher waren damals gerade unterwegs.

"Wo die Army mich braucht, gehe ich hin"

Auch die nächste Station der Familie nach der Rückkehr aus dem ersten Einsatz war eine harte Prüfung, vor allem für seine Frau. „Adam war in El Paso an der Grenze zu Mexiko stationiert. Als Deutscher macht man sich ja keine Vorstellung von der täglichen Gefahr dort. So was wie No-Go-Areas kennen wir hier ja gar nicht“, sagt sie. Um so froher war die Familie, als es vor knapp drei Jahren und nach einem weiteren Einsatz zurück nach Deutschland ging – und im Zuge der Schließung einiger Militärstandorte nach Wiesbaden.

Nicht zuletzt durch seine Frau und deren Familie lernt Sergeant Martinez Deutschland zu schätzen. „Hier läuft so viel besser als in den USA, so viel besser als in einem großen Teil der Welt. Wenn ich es mir aussuchen könnte, dann würden meine Kinder hier aufwachsen, auf eine deutsche Schule gehen und Ingenieure oder so was werden“, sagt er – wohlwissend, dass sich die Erfüllung dieses Lebensplans zu einem Gutteil seinem Einfluss entzieht.

Der planmäßige Einsatz des Sergeant Martinez in Wiesbaden endet in diesem Sommer. Nach drei Jahren, so ist es Usus, werden die Karten neu gemischt. Wohin es die Familie dann verschlägt? „Keine Ahnung“, sagt Martinez. Dass der nächste Einsatz wieder ein Kampfeinsatz sein könnte, ist für Martinez angesichts seiner Kriegsverletzungen allerdings eher unwahrscheinlich. „Als ich das mit dem Hals hinter mich gebracht hatte, wurde festgestellt, dass auch meine beiden Füße gebrochen sind. Das sind täglich brutale Schmerzen“, berichtet er. Operiert werde das nicht. „Das muss man aushalten.“

Er könne seine weitere Verwendung vielleicht beeinflussen, um ein paar weitere Jahre in Wiesbaden bitten. „Das würde ich aber nie tun. Dort, wo die Army mich braucht, da gehe ich hin“, sagt er schnappt sich die Sporttasche und geht zum Auto.

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