© Boris Roessler, FR
Demonstranten des Bündnisses "Keine AfD in den Landtag" sind zu sehen.
Demo gegen AfD
Rhein-Main

1600 Menschen demonstrieren gegen AfD-Wahlkampfauftakt

Von Jutta Rippegather
14:04

Rund 1600 Menschen haben am Sonntag gegen einen möglichen Einzug der AfD in den hessischen Landtag demonstriert. Getragen wurde der Protest von einem breiten Bündnis. Die Redner, darunter Spitzenpolitiker von SPD, Grünen und Linken, riefen dazu auf, die Werte der Demokratie zu verteidigen und sich Versuchen der Spaltung der Gesellschaft entgegenzustellen. Die AfD-Leute, die ihr Kommen angekündigt hatten, wurden an den Rand der Auftaktkundgebung gedrängt. Ordner hatten die Männer zuvor mehrfach aufgefordert, die Veranstaltung zu verlassen.

Es ist ein buntes Bild, das sich am Sonntag um kurz vor 11 Uhr vor dem Hauptbahnhof bietet. Aus Eltville sind rund ein Dutzend Pfadfinder angereist. Sie stehen im Kreis mit ihren cremefarbenen Hemden. „Pfadfinder stehen für Frieden, Freiheit, Solidarität“, sagt Vanessa Petzold (30). Werte, die die AfD nicht teile. „Wir wollen, dass Hessen eine freie und offene Gesellschaft ist, in der jeder sich willkommen fühlt“, sagt Harald Reitzenstein (35), der mit einer Freundin aus Frankfurt hergefahren ist.

Rote Fahnen der SPD wehen im Wind, orangenfarbene der Piraten, die Grünen sind auch da. Auf dem Boden vor dem Bühnen-Wagen liegen Sticker und Aufkleber mit dem Titel des Bündnisses bereit: „Keine AfD in den Landtag.“ Warum sie hier sind, können die Demonstranten auf große Pappen schreiben: „... weil es schon zu viele Rassisten gibt“, hat eine Frau darauf notiert; „... wehret den Anfängen“ eine andere. Auch Romano Straße aus Marburg schnappt sich einen Filzstift und Karton. Seine Eltern wurden nach Auschwitz deportiert, sagt der 69-Jährige. Das soll dort stehen. Das Klima habe sich verändert. Antiziganismus sei auf dem Vormarsch. „Meine Kinder haben wieder dieselben Probleme wie ihre Großeltern.“ Deshalb will er die AfD bekämpfen.

Indessen versuchen Vertreter der Rechtspopulisten, sich unter die Leute zu mischen. Landessprecher Klaus Hermann pirscht um Thorsten Schäfer-Gümbel herum, um an den SPD-Chef herankommen zu können. Schließlich trollt er sich zu Co-Sprecher Robert Lambrou und einem weiteren Mitstreiter, die es geschafft haben, die Aufmerksamkeit der Kameras auf sich zu ziehen. „Ich glaube nicht, dass hier jemand mit Ihnen reden will“, erklärt ihm gerade Philipp Jacks, DGB-Chef für die Region Frankfurt/Rhein-Main, in seiner Funktion als Ordner. „Sie wollen nur provozieren, damit Sie sich als Opfer darstellen können.“

Das gelingt den rund zwölf Rechtspopulisten nicht. Es bleibt bei Wortgefechten. „Haut ab“, rufen Demonstranten, „Nazis raus“, begleitet von ohrenbetäubendem Trillerpfeifenkonzert. „Hoch die internationale Solidarität.“

Ulrike Eifler, DGB-Geschäftsführerin für Südosthessen, erinnert an den Vorfall vor ein paar Wochen in Hanau. Ein AfD-Mitglied habe einen Gewerkschafter gezielt provoziert; als der ruhig blieb, habe er ihn tätlich angegriffen. Dieser Vorfall sei der Grund dafür, dass er hier als Redner stehe, sagt wenig später SPD-Landeschef Schäfer-Gümbel. Gewalt dürfe kein Mittel der Auseinandersetzung sein: „Da sind die roten Linien überschritten.“ Der Sozialdemokrat thematisiert die Verrohung der Sprache, der politischen Kultur. „Keine Nationalisten in den Parlamenten“ lautet seine Forderung.

Der grüne Spitzenkandidat und hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir ruft dazu auf, die Errungenschaften der vergangenen 70 Jahre zu verteidigen. Die Rechtspopulisten eiferten „der imaginären heilen Welt der 50er Jahre nach“. Er lasse sich von ihnen nicht diktieren, was Heimat bedeute, und denke da wie die Mehrheit der Gesellschaft. Im Schulterschluss stehen die beiden neben Janine Wissler von der Linksfraktion, die klarstellt, dass Frauen sich die Errungenschaften der Emanzipation nicht nehmen ließen. Der politische Kurs sei so weit nach rechts gerückt, dass tatsächlich diskutiert werde, ob Seenotrettung ein Verbrechen ist. „Rechte Hetze kann sich nicht auf Meinungsfreiheit berufen“, stellt sie klar. „Für eine solidarische, offene Gesellschaft.“

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