© Renate Hoyer, FR
Typisches Wohnzimmer-Ensemble in den 50ern, davor ein DKW-Motorrad, Baujahr 1954.
Ausstellung in Bad Soden
Rhein-Main

Kaugummi am Nierentisch

Von Andrea Rost
14:48

Auf dem Plattenteller dreht sich eine Single. Heidi Brühl trällert, ein wenig verzerrt, einen Gute-Laune-Schlager. Auch der große Radioapparat oben drüber funktioniert noch. Die Musiktruhe mit den beiden Geräten steht in einem Zimmer aus den 1950er Jahren, das Teil der Ausstellung ist, die heute Abend im Badehaus im Alten Kurpark eröffnet wird. „Chewing Gum und Kurkonzerte“ ist der Titel. 

Christiane Schalles hat die Möbel in den hellen Ausstellungsräumen der Stadtgalerie arrangiert. Zwei bequeme Polstersessel stehen da, ein Fernseher, ein paar Nierentischchen sowie ein Gummibaum. Davor hat die Bad Sodener Museumsleiterin und Stadtarchivarin ein schwarzes DKW-Motorrad, Baujahr 1954, gestellt. Die Leihgabe stammt von einem Neuenhainer Sammler 
Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder in Bad Soden, das ist das Thema der Sonderausstellung.

er 70. Jahrestag der Berliner Luftbrücke sei der Anlass, die besondere Historie der Kleinstadt am Taunus in den 1950er und 1960er Jahren Revue passieren zu lassen, sagt Schalles. 

Anders als in den Nachbarkommunen hatten die Amerikaner alle größeren Gebäude, darunter auch das Bad Sodener Kurhaus, Hotels sowie Kurvillen beschlagnahmt und dort ihre Besatzungssoldaten untergebracht. Selbst das Sodener Freibad konnte in den 1950er Jahren nicht von den Bürgern genutzt werden. 

Gleichzeitig wurde der Kurbetrieb, die in den Kriegsjahren komplett zum Erliegen gekommen war, wieder aufgebaut. Zahlreiche Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Evakuierte siedelten sich in Bad Soden an. Die Bevölkerungszahl stieg sprunghaft an. 1947 erhielt der Kurort die Stadtrechte. 

Die städtebauliche Entwicklung ging mit Riesenschritten voran, Wohngebiete entstanden, darunter auch das neue Kurviertel zwischen Eichwald und Bahnhof. Und große Unternehmen verlegten ihre Produktionsstätten nach Bad Soden: die Glasfabrikation von Rosenthal und die Much AG, die die Spalttabletten herstellte. Das Autohaus Volpert und Bisinger verkaufte Volkswagen- und Auto-Union-Modelle vor allem an die Amerikaner. 

In zahlreichen alten Schwarz-Weiß-Fotos wird die Bad Sodener Nachkriegsgeschichte in der Ausstellung lebendig. Zu sehen sind auch ganz besondere Exponate wie ein Original-Kaffeeservice aus dem alten Kurhaus oder Minigolfschläger aus den 1950er Jahren, als die Kleingolfanlage am Alten Kurpark eröffnet wurde. In einer Vitrine liegen neben einer ärztlichen Kuranweisung Kino-Programmhefte und die elegant gestaltete Ausgabe der Kurzeitung. 

Auf alten Ansichtskarten von Bad Soden am Taunus sind Kurhaus und Hotels abgebildet und das weithin bekannten Burgberg-Inhalatorium, das heutige Medico-Palais. Ein Landkartenzeichner hat es in den Fünfzigerjahren gleich neben den Frankfurter Römer platziert. 

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