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Ehrenamtliche Helfer sortieren die gespendeten Lebensmittel, bevor sie an die Kunden verteilt werden.
Landtagswahl Hessen Faktencheck
Rhein-Main

Was die Parteien gegen Armut tun wollen

Von Hanning Voigts
13:31

Das Geräusch, das aus Bianca hervorbricht, klingt wie eine Mischung aus zynischem Lachen und empörtem Schnauben. Na klar habe sie eine Meinung dazu, was in der Sozialpolitik verändert werden müsste, sagt die 46-Jährige. Das fange schon mit dem Mindestlohn an: „8,84 Euro, das ist doch ein Witz.“ Auch die Hartz-IV-Sätze seien zu niedrig angesetzt, das wisse sie aus eigener Erfahrung. Banale Sachen wie eine Fahrradreparatur oder neue Schuhe für ihre Tochter brächten sie sofort in Schwierigkeiten. „Das ist alles im Satz nicht eingerechnet“, sagt Bianca. Und überhaupt müsse gesellschaftlich vieles grundlegend verändert werden. Arbeitslose würden zum Beispiel immer noch schief angeschaut, als würden sie sich moralisch falsch verhalten, sagt Bianca. „Arbeit steht immer an allererster Stelle. Die Leute sind nur funktionierende Rädchen in einem großen System, zählen aber als Menschen nicht mehr.“

Während Bianca weiter die herrschende Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik kritisiert und am Ende ausführt, warum sie sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen stark macht, stopft sie Tüten voller Lebensmittel in ihren etwas in die Jahre gekommenen Fahrradanhänger. In einer der Jutetaschen kann man noch eine Packung Champignons erkennen. Bianca ist unter den etwa 50 bedürftigen Menschen, die an diesem Mittwochmittag zur Christuskirche am Merianplatz gekommen sind, um sich bei der Frankfurter Tafel kostenlose Lebensmittel abzuholen.

Im großen Saal der Gemeinde, hinter der improvisierten Theke, an der die Bedürftigen warten, die bei der Tafel stets Kunden genannt werden, wirbelt Gabi Walther durch die Reihen aus aufgestapelten Plastikboxen. Die 67-Jährige leitet die Lebensmittelausgabe, bei der ein Dutzend ehrenamtlicher Helfer jeden Mittwoch rund 180 Haushalte aus dem Nordend und Bornheim mit gespendeten Lebensmitteln versorgt. „Wenn wir mit der Ausgabe beginnen, ist alles sortiert und verpackt wie im Supermarkt“, sagt Walther mit einigem Stolz. Und tatsächlich sieht der Saal fast aus wie ein normaler Einkaufsladen: Es gibt Tomaten, Radieschen und Zucchini, Wurst und Räucherlachs, Käse und veganes Soja-Gyros. Am Rand steht eine Kiste mit Sonderposten: Buntstifte, Bodylotion, Zahnpasta. Die ehrenamtlichen Helfer gehen mit Tüten und Taschen durch die Reihen und stellen jedem Kunden einen Einkauf aus Gemüse, Obst, Brot, Fleisch- und Milchprodukten zusammen – individuelle Wünsche werden berücksichtigt, so gut es eben geht.

Die Nachfrage nach den Lebensmitteln, die von der Tafel mit Kühllastern bei Bäckereien oder Supermärkten eingesammelt und dann für einen symbolischen Euro an die Bedürftigen weitergegeben werden, sei hoch, sagt Gabi Walther. Bei jeder Ausgabe nehme sie vier bis fünf neue Kunden auf, meistens seien es Rentner, Alleinerziehende oder Hartz-IV-Empfänger. „Man glaubt ja, im Nordend sei Schickimicki, aber denkste“, sagt Walther. „Fast alle unsere Kunden sind dankbar, dass es die Tafel gibt und sie sich damit über die Woche retten können.“

Dass sie mit wenig Geld auskommen müssen, sieht man den Wartenden vor der Kirche nicht an. Aber eine Meinung zu der Frage, was nach der hessischen Landtagswahl im Oktober in der Sozialpolitik passieren muss, haben sie alle. So wie Daniel Chantrenne, der ein wenig abseits wartet. Für den 54-Jährigen, der nach eigenen Angaben von einer schmalen Arbeitsunfähigkeitsrente lebt, ist es sonnenklar, dass die Reichen mehr abgeben müssen. „Es gibt so viele Leute in Hessen, die Millionen und Milliarden haben, die brauchen doch nicht so viel.“ Die Gesellschaft müsse insgesamt gerechter gestaltet werden, findet Chantrenne. Und die Hartz-IV-Sätze müssten dringend erhöht werden, auch wenn das die Zuständigkeit des Bundes und nicht des Landes betreffe. Gerade im teuren Frankfurt komme man mit Hartz IV oder einer kleinen Rente praktisch nicht über die Runden. Er selbst habe das große Glück, eine günstige Mietwohnung zu haben, und komme jetzt seit etwa vier Jahren zur Tafel. „Das hilft sehr.“

Ein paar Meter weiter warten zwei Frauen, die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Aus ihrer Sicht gebe es drei zentrale Themen bei der Armutsbekämpfung, sagt die jüngere von ihnen. Erstens seien die Mieten zu hoch – im „Brennpunkt Frankfurt“ sei das ja offensichtlich –, zweitens müsse über eine Ablösung des Hartz-IV-Systems durch ein Grundeinkommen diskutiert werden, und drittens würden ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu stark diskriminiert. „Ich spreche aus Erfahrung, deswegen stehe ich hier.“

Die zweite Frau, eine ältere Dame mit Sonnenbrille, sieht das genauso. Außerdem sei es schlimm, dass Alleinerziehende ein besonders hohes Armutsrisiko hätten. „Das ist doch eine Frechheit, dass die die Ärmsten der Nation sind, obwohl die unsere Zukunft erziehen.“ Da müsse das Land Hessen dringend etwas tun. „Diese Kinder müssten alles umsonst kriegen, ohne Anträge, ohne großen Zirkus.“ Große Hoffnung, dass die neue Landesregierung ihre Wünsche aufgreift, haben die beiden Frauen aber nicht. „Ich habe nicht den Eindruck, dass sich im Sozialbericht etwas bewegt“, meint die jüngere. „Die Wirtschaft regiert, die haben den größten Einfluss“, ergänzt die ältere ein wenig resigniert. „Und die regieren eben nicht für die Armen.“

15.000 bedürftige Frankfurter

Edith Kleber denkt derweil über ganz andere Dinge nach. „Wir sind größer geworden“, sagt die 71-Jährige, die als zweite Vorsitzende der Frankfurter Tafel ein „mittelgroßes Unternehmen“ mit leitet, wie sie selbst sagt. Gerade hat sie eine neue Ausgabestelle in Sachsenhausen aufgebaut, an insgesamt elf Standorten versorgt die Tafel mittlerweile 15.000 bedürftige Frankfurter, dazu noch rund 13.000 Besucher von sozialen Einrichtungen, die ebenfalls von der Tafel beliefert werden. 210 Tonnen Lebensmittel verteile die Tafel jeden Monat, erzählt Kleber. Und es fehle eigentlich immer an Spenden und freiwilligen Helfern. Wobei die Tafel durchaus zurechtkomme, weil es trotz allem viele spendable Frankfurter gebe: „Es ist so, dass wir nicht überlegen müssen, ob wir den nächsten Tank füllen können.“

Die meisten Tafelkunden haben ihre Lebensmittel inzwischen bekommen, der Platz vor der Kirche leert sich. Auch Bianca hat ihren Fahrradanhänger fertig beladen. Ohne die Hilfe von der Tafel wäre sie aufgeschmissen, sagt sie noch. „Das ginge absolut nicht, das wäre nicht machbar.“ Dann tritt sie in die Pedale.

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